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Rennpferde beim Zieleinlauf

"Sprinter-Gen" macht Vollblütern Beine

Biologen haben im Erbgut von Vollblütern ein Gen entdeckt, das der Pferderasse Sprinterqualitäten verleiht. Die entsprechende Mutation ist 300 Jahre alt - eine britische Stute hat sie an die erfolgreichsten Rennpferde unserer Zeit vererbt.

Genetik 27.01.2012

Charles Darwin hätte seine Abstammungslehre wohl kaum entwickelt, wäre er zu Lebzeiten nicht mit den Erzeugnissen der Tierzüchtung konfrontiert gewesen. Denn die "künstliche" und die "natürliche Zuchtwahl", wie er sie nannte, funktionieren im Wesentlichen nach den gleichen Prinzipien. Nur verläuft erstere, durch forcierte Selektion, deutlich schneller. So gesehen ist es durchaus standesgemäß, wenn sich Evolutionsgenetiker nun einem Kapitel der Evolution zuwenden, in dem das Natürliche und das Künstliche ineinandergreifen: die Zucht des britischen Vollbluts.

Der irische Biologe Patrick Cunningham hat vor elf Jahren einen umfassenden Gen-Stammbaum aller Vollblüter erstellt - er zeigt: Zumindest die männliche Abstammungslinie hat einen definierten Ursprung. Der 1704 aus Syrien nach Großbritannien importierte Hengst "Darley Arabian" ist der Gründervater des britischen Vollbluts. 95 Prozent aller heute lebenden Vollblüter tragen sein Y-Chromosom in ihrem Erbgut, wie Cunninghams Analysen zeigen (Animal Genetics, Bd. 32, S. 360). Bleiben zwei offene Fragen. Erstens: Gab es auch eine Gründermutter? Zweitens: Warum sind gerade die Vollblüter so begnadete Rennpferde?

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am 27.1. um 13:55.

Sprintstark durch Mutation

Eine Teilantwort auf Frage zwei wurde 2010 von Emmeline Hill vorgestellt. Die Genetikerin vom University College Dublin hatte eine Mutation im so genannten Myostatin-Gen entdeckt, die offenbar aus Dauerläufern Sprinter macht. Träger zweier C-Varianten des Gens erreichen hohe Maximalgeschwindigkeiten und gewinnen daher regelmäßig Rennen auf der Kurzdistanz; Pferde mit zwei T-Varianten im Erbgut sind eher für die Langstrecke prädestiniert und Mischtypen (CT) reüssieren in der Mittelstrecke.

Der Genlokus selbst ist schon länger bekannt: Myostatin beeinflusst das Muskelwachstum, wird es gehemmt, wachsen die Muskeln "hypertroph", wie der Mediziner sagt. Entsprechende (muskelwachstumsfördernde) Mutationen wurden etwa an Hunden und Rindern nachgewiesen. Das Ergebnis ist bizarr: Die Tiere sehen aus, als hätten sie einen Intensivkurs im Bodybuilding belegt. Im "New England Journal of Medicine" (Bd. 350, S. 2682) berichtete ein deutscher Mediziner vor ein paar Jahren von einem Jungen, der eine ähnliche Mutation in seinem Erbgut trägt.

Er konnte, so schrieb damals zumindest der Spiegel, bereits als Viereinhalbjähriger drei Kilogramm schwere Gewichte mit waagerecht ausgestreckten Armen in der Luft halten. Doch diese Mutation ist wohlgemerkt nicht dieselbe, wie sie Emmeline Hill im Erbgut von Pferden gefunden hat. Tiere (und Menschen) mit exzessiv entwickelter Muskelmasse sind in der Regel keine guten Läufer und ermüden relativ schnell.

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Rennpferd bei Zieleinlauf
"Parish Hall" gewinnt ein Rennen beim Dewhurst Stakes im Oktober 2011

Wie Hill nun im Fachblatt "Nature Communications" (Bd. 3, S. 643) berichtet, lässt sich der Ursprung des Sprinter-Gens bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Analysen von 600 heute lebenden Vollblütern sowie von Museumsmaterial legendärer Rennpferde zeigen, dass die C-Variante des Myostatin-Gens vor 300 Jahren entstanden ist.

Die Ursprinterin unter den Pferden "war höchstwahrscheinlich eine britische Stute", sagt Hill. Die Stute (Name unbekannt) lebte zu einer Zeit, als es das Vollblut - zumindest formal - noch gar nicht gab. Die Weitergabe des Gens im Stammbaum spiegelt in gewisser Hinsicht auch die Statuten im Pferderennsport. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die Rennen über längere Distanzen geführt, wiederholte Ausscheidungsrennen an einem Tag waren keine Seltenheit.

Dementsprechend trugen fast alle Pferde das T-Allel in ihrem Erbgut, das für größere Ausdauer sorgt. Als im 20. Jahrhundert Kurzstrecke und maximales Tempo an Bedeutung gewannen, kam die große Zeit des Sprinter-Gens, genannt C-Allel.

Hengst der Hengste

Hill führt die folgende Verbreitung dieser Mutation auf zwei Pferde zurück: den 1973 verstorbenen Hengst "Nearctic" und dessen Sohn "Northern Dancer". Letzterer war nicht nur ein ausgesprochen erfolgreiches Rennpferd, er gilt als Vater von sage und schreibe 147 Rennsiegern auch als einflussreichster Zuchthengst des 20. Jahrhunderts.

Die Weitergabe der Gene scheint im Pferderennsport eine Disziplin für sich zu sein. "Northern Dancer" wurde nämlich von der Züchtervereinigung mit dem Titel "20th century's best sire of sires" geadelt, was übersetzt so viel heißt wie: "Gen-Gießkanne des Jahrhunderts". Charles Darwin hätte dieses Beispiel wohl mit Genugtuung in sein Konzept eingeordnet: Die Variation besorgte die Natur, die Selektion oblag der menschlichen Willkür.

Robert Czepel, science.ORF.at

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