
YouTube als Onlinepranger
Wenn ein wissenschaftliches Journal eine Studie offiziell zurückziehen muss, weil sie fehlerhaft oder gar gefälscht war, fällt das wohl in die Kategorie Anti-Werbung. So gesehen kein Wunder, dass sich die Herausgeber von Fachjournalen mitunter scheuen, einen klaren Schnitt zu setzen - und die Studie offiziell als "Retraction" einzustufen, wie das im Journalsprech heißt.
"Früher haben sich die Herausgeber von Fachjournalen furchtbar geziert und Arbeiten nur dann zurückgezogen, wenn das sämtliche Autoren wollten und per Unterschrift bestätigt haben. Da wurde vieles so belassen oder unter euphemistischen Titeln wie 'Corrections' oder 'Publisher's Notes' nur geringfügig korrigiert", sagte der Linzer Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich kürzlich im Gespräch mit science.ORF.at. Das habe sich zum Teil geändert, so Fröhlich. Aber eben nur zum Teil, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.
Anklage im Videoformat
Video:
YouTube: Alleged image fraud by Shigeaki Kato lab at the University of Tokyo - Alleged research misconduct
Im Oktober 2011 sandte das Journal "Nature" (übrigens mit "Science" die bekannteste und wichtigste Zeitschrift ohne fachliche Spezialisierung) eine "Correction Notice" aus. Der japanische Molekularbiologe Shigeaki Kato habe Abbildungen in seiner Arbeit "versehentlich oder irrtümlich dupliziert", heißt es da. Ein aktuelles Video auf YouTube zeigt eine ganze Reihe weiterer Dubletten und Schönungen von Abbildungen des gleichen Forschers.
68 sind es an der Zahl: Auch wenn das Video nicht als Beweis für Fehlverhalten gelten kann (davon könnte man erst nach einer offiziellen Untersuchung seitens der Universität oder der betroffenen Journale sprechen) und außerdem noch niemand den anonymen Kontrolleur kontrolliert hat - so fällt es doch schwer, all das in die Kategorie "Irrtum" einordnen zu wollen. Zumal Kato schon zwei Arbeiten in einem anderen Journal wegen Plagiarimsus zurückziehen musste.
Das Video wurde, wie "Science" schreibt (da hat man Konkurrent "Nature" wohl wieder eins ausgewischt - publizistische Spitzen zwischen Rivalen in der Journalbranche wären auch mal eine Untersuchung wert …), es wurde jedenfalls von einem japanischen Forscher im Bereich Life Sciences angefertigt und zeigt zum größten Teil Elektrophorese-Bilder, die Shigeaki Kato in zwei Dutzend Papers verwendet hat. Falls es sich bei den Bildern um Originale handelt, sind die Manipulationen offensichtlich.
Grafik- und Zitategewitter
Ö1 Sendungshinweis:
"Die Macht digitaler Bildimpulse": matrix - computer & neue medien, 15.1., 22:30 Uhr.
Wenngleich ein schönes Stück Arbeit notwendig ist, um sämtliche fragwürdigen Details aus der Fülle der Darstellungen herauszubekommen. Nachdem der anonyme Whistleblower zum Teil sogar die Kontrast- und Helligkeitswerte verfremdeter Dubletten angibt, dürfte es sich bei "Juuichi Jigen", so sein Nickname, um einen Forscher mit viel Tagesfreizeit handeln. Vielleicht hat er auch andere Gründe oder Informationsquellen, die er nicht angibt.
Dem sechsminütigen Video jedenfalls ist im Normaltempo schwer zu folgen. Im Hintergrund düdelt Entspannungspop während grafisch üppig beladene Slides mit Manipulationshinweisen und Quellenangaben über den Bildschirm huschen. Wer die Angaben wirklich nachvollziehen will, muss nolens volens immer wieder die Pausetaste drücken, lesen, schauen und eine kurze Zwischenrecherche einlegen. Das Videoformat ist wohl eher der medialen Aufmerksamkeit geschuldet, die YouTube nun mal erregt. Ansonsten hätte Powerpoint der Sache wohl besser gedient.
Der talentierte Mr. Anilir
"Juuichi Jigen" heißt übrigens "Science" zufolge "elf Dimensionen" und verweist auf einen Plagiatsfall, der den japanischen Aufdecker ins Gebiet des wissenschaftlichen Fehlverhaltens geführt hat. Seitdem publiziert er im Web über dieses Thema. Der elfdimensionale Anlassfall ist so kurios, das man ihn noch kurz erzählen kann:
Es war einmal ein brillanter Jungforscher namens Serkan Anilir, der 2007 am Matsumura-Fujita-Lab der Universität Tokyo eine Stelle antrat. Seinen Doktor hatte er im Fach Architektur gemacht, allerdings war das nicht sein einziges Betätigungsfeld.
- Anilir hatte, bevor er nach Japan kam, bereits in jungen Jahren Gastprofessuren an mehreren Universitäten inne gehabt;
- Er hatte als erster Türke eine Astronautenausbildung bei der NASA absolviert und war im Zuge dessen sogar zum Major der US-Luftwaffe befördert worden;
- Er war sowohl von der NASA als auch von der japanischen Weltraumagentur JAXA als Experte/Projektleiter zur Entwicklung eines Weltraumfahrstuhles engagiert worden;
- Als Kosmologe hatte Anilir ebenfalls Pionierarbeit geleistet, von ihm stammt eine Theorie zur "elfdimensionalen Struktur des Universums";
- Der Raumarchitekt, Physiker, Pilot, ehemalige Schirennfahrer (Nationalteam!) und nicht zuletzt erfolgreiche Autor populärer Sachbücher entwickelte sich in den folgenden Jahren zum Star der japanischen Medienlandschaft - bis ein paar Leute auf die Idee kamen, die Vita des durch Mehrfachbegabungen Gesegneten unter die Lupe zu nehmen.
Resultat: Die akademischen Lorbeeren waren von A bis Z erfunden, lediglich den Doktor in Architektur hatte er wirklich gemacht. Wenngleich er auch den mittlerweile abgeben musste, weil sich seine Dissertation als Plagiat herausgestellt hat - ebenso wie seine Arbeiten zur Kosmologie und Weltraumarchitektur, sofern sie überhaupt existierten.
Die japanische Köpenickiade ist so absurd und pointenreich (Nachlese etwa hier und hier), dass man Anilir, der im März 2010 die Universität Tokyo wieder verlassen hat, zumindest dramaturgisches Talent zusprechen muss. Vielleicht war es eine Kunstaktion? Als Stoff für eine Verfilmung würde sie allemal taugen.
Robert Czepel, science.ORF.at
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