
Staatenbildung beruhte auf Nomaden
Welche Rolle der Nomadismus bei der Bildung von Staaten gespielt hat, beschreibt der wissenschaftliche Leiter Christian Cwik in einem Gastbeitrag.
Auf den Spuren der sephardischen Nomaden
Von Christian Cwik

Christian Cwik, Jahrgang 1970, hat Geschichte und Philosophie an der Universität Wien studiert und ist zur Zeit Gastprofessor in Cartagena de Indias in Kolumbien sowie Lehrbeauftragter für lateinamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln. Er arbeitet an seiner Habilitation zum Thema "Juden und Neuchristen im karibischen Raum: Die Geschichte einer Minderheit im 16. und 17. Jh." Er ist Verfasser zahlreicher Arbeiten zur lateinamerikanischen, karibischen und atlantischen Geschichte.
In einem Staat zu leben, ist nur eine von vielen Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens. Dass es alternative Gemeinschaftsmodelle gibt, ist dem Gros der Bevölkerung im 21. Jahrhundert weitgehend unbekannt, in den Amerikas jedoch eine Realität. Dass Staaten natürlich kein Interesse haben ihr Monopol in Frage zu stellen, liegt auf der Hand.
Beginnen wir den Staat in Frage zu stellen, wie dies der 1977 verstorbene französische Strukturalist Pierre Clastres in seinem Hauptwerk "Die Gesellschaft gegen den Staat" anhand indigener Gesellschaftsmodelle in Südamerika tat, so lässt sich erkennen, was alles Staat ist und wo andere nicht-staatliche Strukturen bzw. Antistrukturen existieren. Nomaden bilden Strukturen, die mittels komplexer Netzwerke die Ausweitung des Staates und seiner gewaltsamen Methoden innerhalb ihrer Gesellschaften zu verhindern versuchen.
In den Amerikas erfüllten die Kolonien trotz enormer Anstrengungen militärischer, missionarischer und bürokratischer Strukturen nicht die Ansprüche von Flächenstaatlichkeit. Überall existierten nomadische und seminomadische Gegengesellschaften, die sich gegen die Invasionen der europäischen Invasoren zur Wehr setzten.
Gegen staatliche Einbürgerung
Die in Wien beheimatete Forschungsgesellschaft für Kontinentalamerika und die Karibik (KonaK) veranstaltet vom 14. bis 17. Februar 2012 ihre III. Internationale Konferenz zum Thema "Nomadismus und mobile Lebensformen in den Amerikas". Insgesamt 60 Wissenschaftler aus mehr als 20 Staaten präsentieren ihre neuesten Forschungsergebnisse.
In Europa entwickelten sich im Laufe des 18. Jahrhunderts die ersten Nationalstaaten, mit Ausnahme von Portugal, Kastilien, Dänemark oder England, die bereits seit dem Hoch- und Spätmittelalter staatliche Strukturen aufwiesen. Das revolutionäre Frankreich erhob Sesshaftigkeit und Staatsbürgerschaft zur obersten Maxime einer neuen staatlichen Gesellschaftsordnung, die sich im 19. Jh. über den gesamten Erdball ausbreitete. Peuplierungspolitik und Sozialdisziplinierung zwangen die neugegründeten Volksgemeinschaften in ein einheitliches System: den modernen Staat.
Ö1 Sendungshinweis:
Dem Thema widmen sich auch die Dimensionen: "Nomaden, Eroberer, Einwanderer" am 20. März um 19:05.
Die "Nationen" der neuen Staaten in den Amerikas, die sich des Gewaltmonopols der Kolonialmächte durch Krieg entledigten, kamen im Nationalisierungsprozess nur schleppend voran. Translokalität und Nepotismus der Eliten spielten lange Zeit eine wichtigere Rolle als irgendeine reale oder imaginierte Gemeinsamkeit.
Mobile Gruppen, egal welcher Religion und Kultur, jedoch meist autochthone oder allochthone Gesellschaften, entzogen sich von Anfang dem Versuch der staatlichen Kontrolle und verteidigten ihre autonomen Identitäten. Sie lehnten jede "politische und religiöse Einbürgerung" radikal ab, viele, weil sie bereits vor der gewaltsamen Peuplierungspolitik in Europa geflohen bzw. für ihren "Ungehorsam gegenüber dem Staat" in die Amerikas deportiert worden waren.
Atlantische Netzwerke

In meinen historischen Forschungen der letzten Jahre habe ich mich mit der Gruppe der sephardischen und neuchristlichen Kulturbroker (Menschen, die eine kulturelle Mittlerrolle einnehmen, Anm.) im karibischen Raum des 16. und 17. Jh. auseinandergesetzt und dabei die Rolle der "staatlichen Inquisition" in den Amerikas und ihr Verhältnis zur Mobilität jüdischer und neuchristlicher Kulturbroker untersucht.
Bei näherer Betrachtung der ökonomischen Strukturen von sogenannten Nationalstaaten wird deutlich sichtbar, wie sehr sesshafte Gesellschaften auf supranationale Strukturen angewiesen sind. Obwohl man einerseits Juden als Untertanen in den meisten europäischen Monarchien misstraute, sie verfolgte, ermordete oder zumindest zwangstaufte, war man andererseits auf ihre räumlichen und interkulturellen Kenntnisse angewiesen.
Die portugiesische Expansion im afrikanischen Atlantik stützte sich beispielsweise auf das Knowhow der jüdischen Fernhändler, die das bekannte Mittelmeer mit dem weitgehend unbekannten Afrika südlich der Sahara und den vorgelagerten afroatlantischen Inseln verknüpften. Durch die kastilischen Eroberungen im Westatlantik, an denen von Anfang an neuchristliche Atlantikfahrer teilnahmen, entwickelten sich in der Frühen Neuzeit atlantische Netzwerke, die aus Clans und Familien über Generationen hindurch "portugiesischen Nomaden", sogenannte "Gente da Naçao" (Menschen der Nation) machte. Als quasi staatenlose Rechtssubjekte gerieten sie ins Fadenkreuz der Inquisition.
Mobilität durch Sklavenhandel
Der deutsche Historiker Michael Zeuske nennt die am Atlantik agierenden Menschen, die Afrika mit Amerika und Europa verbanden, "Atlantikkreolen". Er zeigt, dass die gesteigerte Mobilität das Ergebnis ökonomischer Transformationsprozesse war. Ihre Ursachen sind größtenteils in der atlantischen Sklaverei zu suchen. Alleine auf Kuba bearbeitete Zeuske über 20.000 Sklavenurkunden, womit er nicht nur direkte atlantische Beziehungsgeflechte belegen konnte, sondern auch die weitläufigen innerkaribischen und inneramerikanischen Weiterwanderungen dokumentierte.
Erst die Visualisierung von nomadischen Familien, Frauen, Kindern und Männern, ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit (Indigene, Afroamerikaner, Zambos, Armenier, Juden, Quäker, Romani, Araber etc,), ihrer Reiserouten und Netzwerke sowie die Beschreibung ihrer Berufszugehörigkeit als Händler, Sklaven, Banditen, Schiffsmannschaften, Sklavenjägern, aber auch als Forscher, Goldgräber, Prostituierte oder Soldaten, ermöglicht uns heute ein differenziertes Bild über die Entwicklung der modernen Staatlichkeit zu zeichnen.


