Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wandel in Europas Forschungsförderung"

Jemand wirft eine Euromünze in ein transparentes Sparschwein

Wandel in Europas Forschungsförderung

In Europa findet nach Ansicht des Geschäftsführers des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds, Michael Stampfer, gerade "ein Paradigmenwechsel in der Forschungsförderung" statt. Als großen Hoffnungsträger bezeichnet er den 2007 gegründeten Europäischen Forschungsrat (ERC) .

Förderprogramme 25.05.2012

In einem Kommentar, den Stampfer und Maria Nedeva von der Universität von Manchester für das Fachjournal "Science" verfasst haben, erklärt er, dass dieser eine Entwicklung von der "Forschung in Europa" zu einer tatsächlichen "Europäischen Forschung" bereitet. Die Forschungsrahmenprogramme, in denen die EU seit Jahrzehnten den Großteil ihrer Fördergelder ausschüttet, ernten in der Analyse hingegen Kritik.

Fraglicher Nutzen

Der Kommentar in "Science":

"From 'Science in Europe' to 'European Science' science policy" von Maria Nedeva und Michael Stampfer

Am Anfang der Forschungsrahmenprogramme der EU sei vor allem "der Gedanke der industriellen Wettbewerbsfähigkeit" und die Etablierung von Projektkonsortien gestanden, so Stampfer im Gespräch mit der APA. Das sei aus der Sicht der 1970er- und 1980er Jahre auch sinnvoll gewesen, "weil die Forschungslandschaft damals extrem kleinteilig war und diese Zeit von großen Ängsten vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit geprägt war".

Lange Zeit hätten viele Akteure aber kein Interesse gehabt, an dieser Gestaltung etwas zu ändern und die Grundlagenforschung stärker einzubinden. Stattdessen habe man begonnen, "weitere Dinge hinzuzufügen", was zu einer übermäßigen Ansammlung von Zielen, Vorstellungen und Ideen geführt habe. "Am Ende konnte man oft nicht mehr sagen, wozu die Programme überhaupt gut waren", so Stampfer.

Bei den Evaluierungen des 5. und 6. Rahmenprogramms habe man, mit Ausnahme der Auto- und Telekommunikationsindustrie, "keinen rechten Impact mehr gefunden". Stampfer: "Es sind schon gute Dinge und Netzwerke dabei entstanden, aber letztlich drohte es aus meiner Sicht langsam an seiner Unerklärbarkeit und Komplexität zu ersticken".

Neue Logik

Besserung ortet der WWTF-Chef im aktuellen 7. Rahmenprogramm und dem ab 2014 nachfolgenden Programm "Horizon 2020". Man habe um die Jahrtausendwende erkannt, dass auch die Grundlagenforschung "stärker ins Auge gefasst werden muss". Man versuche mittlerweile "eine neue Art problemorientierter Forschung unterzubringen" und auch der Fokus auf gemeinsame Infrastrukturen sei gut. "Das Positivste für mich ist aber der ERC, der zwar innerhalb der Rahmenprogramme finanziert wird, aber einer völlig anderen Logik folgt".

Stampfer streicht vor allem die Einfachheit der Abläufe und die geringe Zahl an Qualitätskriterien in der von der Österreicherin Helga Nowotny geleiteten Institution hervor. Nedeva und Stampfer arbeiteten gemeinsam an dem Projekt "EURECIA", das die Effekte des ERC auf die europäische Forschungslandschaft untersuchte. Ein Verdienst des ERC sei es, dass er "ein europäisches Spielfeld für Forscher" aufgemacht habe, auf dem nun ersichtlich sei "wo die Spitze ist, die dann auch finanziell großzügig bedacht wird". Die vom ERC vergebenen Förderpreise ("Starting Grant" und "Advanced Grant") hätten sich innerhalb kürzester Zeit als unbestrittener Wegweiser zu anerkannter Forschung an bestimmten Standorten etabliert. "Wir akzeptieren ohne Wenn und Aber den ERC als Gradmesser für Qualität", sei oft das Erste gewesen, was Stampfer in Interviews mit Forscher im Rahmen des Projekts gehört habe. Das gelte auch für Universitätsstandorte oder Staaten.

In Zukunft wäre es für den ERC wichtig, "dass man weiterhin gut geradeaus fahren kann". Die geplante Budgetaufstockung von über 70 Prozent im Rahmen von "Horizon 2020" klingt zwar gut, ist aber in Wirklichkeit nur die Fortschreibung des mittlerweile erreichten Förderniveaus. Eine weitere Aufstockung des Budgets wäre für Stampfer daher wünschenswert. Für die Gesamtausrichtung der Rahmenprogramme hofft er auf seit langem versprochene Vereinfachungen "der Wahnsinnsprozedur", die eine Projektabwicklung immer noch bedeute, sowie eine Etablierung von Institutionen, die wenige, klare Ziele verfolgen.

science.ORF.at/APA

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