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 Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)

Rousseau: Radikaler Theoretiker und Pädagoge

Das Denken von Jean-Jacques Rousseau polarisiert: Wegen seiner Wertschätzung des Natürlichen wurde ihm unter anderen von Voltaire vorgeworfen, zu einem primitiven Naturzustand zurückkehren zu wollen. Andere Philosophen wie Herbert Marcuse übernahmen Rousseaus radikale Zivilisationskritik und feierten ihn als Wegbereiter der Französischen Revolution.

300. Geburtstag 28.06.2012

Diese Polarisierung ist jedoch schon im Werk Rousseaus angelegt. Seine Glorifizierung des idyllischen Landlebens, das mit Martin Heideggers Vorliebe für den einfachen, aufrechten Schwarzwaldbauern zu vergleichen ist, übersieht die Atmosphäre der Dumpfheit und Enge des dörflichen Leben. Sie wurde von Karl Marx "(Idiotie des Landlebens") bis zu den beklemmenden Schilderungen des österreichischen Schriftstellers Franz Innerhofer beschrieben.

Ambivalenz des natürlichen Landlebens

Biografie:

Jean-Jacques Rousseau wurde am 28. Juni 1712 in Genf als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren. Schon früh war er auf sich allein gestellt. Die Mutter starb kurz nach seiner Geburt; der Vater verließ ihn nach einem Streit.

Der kleine Jean-Jacques wurde einem Pfarrer zur Erziehung übergeben und verbrachte eine unglückliche Kindheit. Nach mehreren abgebrochenen Lehren und einem Vagantenleben entschied sich Rousseau, Schriftsteller und Musiker zu werden.

1742 ging er nach Paris, wo er seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer und als Komponist bestritt. Hier lernte er auch verschiedene Philosophen kennen, die wie Denis Diderot zu den Protagonisten der Aufklärung zählten. Rousseau beteiligte sich auch an der "Enzyklopädie", in der das gesamte Wissen der damaligen Zeit zusammengefasst werden sollte.

Durch die Veröffentlichung des "Sozialvertrags" und des Erziehungsromans "Emile" im Jahr 1762 wurde er zum "vogelfreien" Schriftsteller, der nur durch den Schutz von adeligen Gönnern überleben konnte. Rousseau verstarb am 2. Juli 1778 und wurde im See des Parks in Ermenonville beigesetzt.

Trotz seiner Vorliebe für das einfache, bäuerliche Leben war Rousseau nicht so naiv zu glauben, dass eine Rückkehr in das verlorene Paradies des Naturzustands möglich wäre. Ganz deutlich sah er, dass sich angesichts der hoch entwickelten Zivilisation, die von der absolutistisch-höfischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts ausgebildet wurde, ein Szenario eines völligen Ausstiegs aus dieser dekadenten Gesellschaftsformation als Illusion erweisen würde.

Rousseau entwarf daher ein Notprogramm: In seiner 1762 publizierten Schrift "Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts" stellte er sich die Frage, ob es möglich wäre, dass Menschen, die nur ihre Eigeninteressen verfolgen, in einem gesellschaftlichen Rahmen kooperieren könnten.

Vom "Bourgeois" zum "Citoyen"

Diese Umwandlung solle durch die Unterzeichnung eines gerechten "Gesellschaftsvertrags" erfolgen, in dem jeder Einzelne zustimmt, seine Rechte an die Gemeinschaft abzutreten- so lautete Rousseaus Vorstellung. Man würde so selbst Teil eines gesetzgebenden, politischen Körpers, der die individuellen Interessen mit der Sorge für das Allgemeinwohl verbindet. Indem nun der Einzelne sich bedingungslos dem Allgemeinwillen - "der volonté générale" - verpflichte, verwandle sich der selbstsüchtige Mensch - "der Bourgeois" - in ein moralisch verantwortungsvolles Wesen, "den Citoyen":

"Wenn man die Menschen schon früh darin übt, ihre Person niemals anders als in Beziehung zum Staatskörper zu betrachten und ihre eigene Existenz nur als einen Teil des seinen zu erkennen, werden sie schließlich dahin gelangen, sich mit diesem größeren Ganzen zu identifizieren, (…), mit diesem köstlichen Gefühl, das jeder vereinzelte Mensch nur für sich selbst hat, ihre Seele unaufhörlich zu diesem großen Zweck zu veredeln und so jene gefährliche Veranlagung - (den Egoismus) - aus der alle unsere Laster erwachsen, in eine edle Tugend umzuwandeln. ("Vom Gesellschaftsvertrag")

Revolutionärer Pädagoge und Rabenvater

Literatur über Rousseau:

  • Ernst Cassirer: "Über Rousseau", suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 2025
  • Paul de Man: "Allegorien des Lesens II - Die Rousseau-Aufsätze", übersetzt von Sylvia Rexing-Lieberwirth, Matthes und Seitz, Erscheinungstermin: August 2012
  • Iring Fetscher: "Rousseaus politische Philosophie", suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 143
  • Heinrich Meier: "Über das Glück des philosophischen Lebens. Reflexionen zu Rousseaus Reveries", C.H. Beck
  • Günther Mensching: "Rousseau zur Einführung", Junius

Rousseau dachte nicht nur über die gesellschaftspolitischen Grundlagen eines funktionierenden Gemeinwesens nach, sondern befasste sich auch mit der Erziehung des Individuums. In seinem ebenfalls im Jahr 1762 erschienenen Buch "Emile oder die Erziehung" entfaltete er seine Vorstellungen zur Pädagogik.

Aber auch diese Tätigkeit entbehrt nicht einer gewissen Paradoxie: Rousseau hatte mit der Wäscherin Marie-Thérese Levasseur fünf Kinder gezeugt, die er jeweils nach der Geburt sofort einem Pariser Findelhaus übergab. Als Begründung seines Verhaltens gab er an, dass er über zu geringe finanzielle Mittel verfüge, um seine Kinder zu ernähren. Obwohl dieses Verhalten in der damaligen Gesellschaft nicht unüblich war, die Kinder einem Findelhaus zu überlassen, ist dieser Entschluss - vor allem für den Autor einer in die Zukunft weisenden Pädagogik - schwer nachvollziehbar.

"Natürliche Erziehung

Rousseaus pädagogischer Roman entwirft die Vision einer geglückten Erziehung, die 25 Jahre andauert. An die Stelle der traditionellen Erziehungsmethoden, die darauf angelegt sind, das anarchische Potenzial des Kindes zu disziplinieren, um es zu einem Erfüllungsgehilfen der herrschenden Ideologie auszubilden, stellte Rousseau die "natürliche Erziehung" des Kindes.

Diese Erziehung besteht darin, die natürlichen Instinkte des Kindes zuzulassen, sie zu beobachten und zu fördern, anstatt durch Vorschriften und Verbote zu verhindern. Rousseau betrachtet das Kind als gleichberechtigten Partner, nicht als unbeschriebenes Blatt, das mit abstraktem Wissen überhäuft werden sollte. Voll Leidenschaft setzt er sich für das Recht auf die Selbstbestimmung des Kindes ein, selbst auf die Gefahr hin, dass es Fehler begeht oder gar auf Irrwege gerät.

Anleitungen bis zum 12. Lebensjahr

Literatur von Rousseau:

  • "Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen", übersetzt von Philipp Rippel, Reclam
  • "Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts", übersetzt von Hans Brockard, Reclam
  • "Emile oder Über die Erziehung", übersetzt von Eleonore Sckommodau, Reclam
  • "Träumereien eines einsam Schweifenden", neu übersetzt von Stefan Zweifel, Matthes und Seitz, Erscheinungstermin: August 2012

Um den souveränen Zustand der Freiheit in der Gesellschaft erhalten zu können, bedarf es nach Rousseau eines langwierigen Erziehungsprozesses, den er in vier Abschnitte teilt:
Bis zum fünften Lebensjahr steht das körperliche Wachstum des Kindes im Zentrum der pädagogischen Bemühungen: Das Kind soll sich gut entwickeln. Voraussetzung dafür ist eine gesunde Ernährung, die hauptsächlich Milchprodukte, Gemüse und Brot enthält; auf Fleischspeisen wird weitgehend verzichtet.

Vom 5. bis zum 12. Lebensjahr erfolgt die Auseinandersetzung des Kindes mit seiner natürlichen Umwelt; in dieser Phase spielt die Ausbildung der Sinnesorgane eine wichtige Rolle. Diese "negative Erziehung" hält die korrumpierenden Einflüsse der Zivilisation bis zum zwölften Lebensjahr des Jugendlichen fern. "Sie soll das Herz des Jugendlichen vor dem Laster und den Geist vor dem Irrtum bewahren", heißt es im "Emile". In dieser Zeitspanne kann er seine natürlichen Bedürfnisse kennenlernen und ausleben:

"Emile soll weder Gehkörbe, Laufwägelchen noch Gängelbänder haben. Anstatt ihn in der verbrauchten Luft eines Zimmers vegetieren zu lassen, führe man ihn täglich nach draußen. Dort soll er laufen und tollen und wenn er hundertmal am Tag hinfällt - um so besser, dann lernt er auch am besten, wie er wieder aufstehen kann". (Emile)

Ab dem 12. Lebensjahr

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau widmen sich auch die heutigen Dimensionen, 28.6.2012 um 19:05.

Zwischen 12 und 15 Jahren kommt es dann zur Schulung der geistigen Fähigkeiten; das Kind soll lernen, sein Denkvermögen eigenständig zu entfalten. Selbsttätiges Denken darf dabei nicht mit der Ansammlung von Wissen verwechselt werden, daher verzichtet der ideale Erzieher weitgehend auf Bücher. Zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr erfolgt die Sozialisierung des Jugendlichen, er muss sich allmählich in die bestehende Gesellschaftsordnung einfügen, ohne dabei seine Persönlichkeit aufzugeben.

Das Ziel des gesamten Erziehungsprogramms besteht darin, den verantwortungsvollen Citoyen eines Gemeinwesens auszubilden, der seine Unabhängigkeit bewahrt, obwohl er aus eigenem Entschluss den "volonté générale" akzeptiert hat und nunmehr gleichberechtigter Teil dieses politischen Organismus ist.

Fazit: Verfolgung und Isolation

Der Publikation des "Gesellschaftsvertrags" und des "Emile", die als die beiden Hauptwerke Rousseaus gelten und nur im Abstand von wenigen Wochen erschienen, folgte die offizielle Verfolgung durch die Justizorgane des absolutistischen Regimes in Paris und in Genf. Staatliche und kirchliche Kreise fühlten sich von den Schriften Rousseaus provoziert. Sie wurden auf den Index gesetzt und verbrannt.

In Paris erfolgte ein Haftbefehl, der ihn zwang, in die Schweiz zu fliehen. Damit begann eine Odyssee, die ihn an zahlreiche Orte führte, wo er sich teilweise vor den Behörden verstecken musste. Dieses nomadische Leben hinterließ auch Spuren in der Psyche Rousseaus: Er wurde zunehmend misstrauischer; Anfälle von Paranoia häuften sich. Am Lebensende konstatierte er: "Da stehe ich also, allein auf Erden, ohne Bruder, ohne Nächsten, ohne Freund, nur mich zur Gesellschaft, mich allein".

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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