Standort: science.ORF.at / Meldung: "Welthandel gefährdet die Artenvielfalt"

Container im Hamburger Hafen

dpa/Christian Charisius

Welthandel gefährdet die Artenvielfalt

Tausende Tierarten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Verantwortlich dafür sind in erster Linie Landwirtschaft und Industrie, die ihre Lebensräume zerstören. 30 Prozent aller gefährdeten Tierarten sind es alleine aufgrund des weltweiten Handels mit Waren, hat nun eine bisher einzigartige Studie errechnet.

Biodiversität 06.06.2012

Während die Industrienationen konsumieren, gefährdet die Produktion der Waren in den Entwicklungs- und Schwellenländern die Artenvielfalt. Über diese besondere Benachteiligung berichtete eine Forschergruppe um Manfred Lenzen von der Universität Sydney.

Die Studie:

"International trade drives biodiversity threats in developing nations" von Manfred Lenzen und Kollegen ist in "Nature" erschienen.

"Handelsbilanz" von Arten erstellt

Ein Beispiel betrifft die Geoffroy-Klammeraffen: Beheimatet sind sie in Mexiko und Mittelamerika, auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen sie, weil ihre Lebensräume aufgrund immer größerer Kakao- und Kaffeeplantagen verloren gehen. Die globalen Nahrungsmittelunternehmen, in deren Auftrag produziert wird, profitieren. Ebenso die Konsumenten in den Industrienationen, die sich über den guten Frühstückskaffee freuen können.

Die zumeist auf der Nordhalbkugel liegenden Länder importieren aber nicht nur Waren, sondern auch "Biodiversitätsrisiken", wie es die Forscher um Manfred Lenzen in ihrer Studie bezeichnen. Sie haben eine "Handelsbilanz des Artensterbens" vorgelegt, und die ist in ihrer Methode gleichermaßen originell wie im Ergebnis aussagekräftig.

Die Wissenschaftler verknüpften dabei zwei Datensätze: auf der einen Seite 25.000 Einträge zu bedrohten Tierarten, die von der Roten Liste der Naturschutzorganisation IUCN stammen, auf der anderen Seite Angaben über die Herstellung von bzw. den Handel mit 15.000 Waren, die in 187 Ländern rund um den Globus hergestellt werden. Daraus errechneten sie ihre "Arten-Handelsbilanz".

Indonesiens Tierwelt leidet

Das Hauptergebnis: Jene Länder, in denen durch die Warenproduktion die meisten Tierarten vom Aussterben bedroht sind, sind nicht die, die diese Waren auch konsumieren. Den Fußabdruck, den die reichen Länder in Sachen Biodiversität zu verantworten haben, setzen sie nicht nur im eigenen Land, sondern zu 44 Prozent im Ausland.

Der Trend geht dabei eindeutig von Süd nach Nord und von Ost nach West. So gibt es in den Entwicklungsländern vorwiegend "Arten-Handelsbilanz-Exporteure". In Indonesien etwa gelten 709 Tierarten als gefährdet. 238 davon sind es eindeutig aufgrund der Produktionsbedingungen für den Export bestimmter Güter, "nur" 50 Arten wegen Waren, die anderswo für den indonesischen Markt hergestellt werden.

Indonesien wird von den Forschern deshalb als "Exporteur von Biodiversitätsgefahren" bezeichnet ("Nettoexport: 188 Arten"). Ähnlich wie in Indonesien verhält es sich auch auf Madagaskar, in Papua-Neuguinea, Malaysia, den Philippinen, Sri Lanka und Thailand.

USA profitieren

Auf der anderen Seite dieser Art Handelsbilanz befinden sich die reichen Industrienationen, allen voran die USA. In letzterer sind über 2.400 Tierarten bedroht, davon 267 aufgrund der Produktion für den Export bestimmter Waren, aber gleich 1.262 Arten, die in anderen Ländern wegen der Fertigung von Produkten für den US-Markt bedroht sind. Die USA sind deshalb "Biodiversitätsgefahrenimporteure" ("Nettoimport: 995"). Ähnlich zweifelhaft erfolgreich sind in dieser Handelsbilanz Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und Südkorea.

Die Forscher haben eine eigene interaktive Website programmiert, auf der man für jedes Land die Import- bzw. Exportwerte samt konkret gefährdeter Tierarten einsehen kann.

Klimalabels und Handelsparagrafen

Manfred Lenzen und Kollegen verstehen ihre Studie nicht als reine akademische Fingerübung. "Sie zeigt eindeutig, dass lokale Gefahren für Arten von der wirtschaftlichen Aktivität und der Konsumentennachfrage in aller Welt abhängen. Konsequenterweise sollte eine Politik, die diese lokalen Gefahren verringern möchte, aus einer globalen Perspektive agieren und nicht nur auf die lokalen Produzenten zielen, die den Lebensraum eine Art zerstören, sondern auch auf die Konsumenten, die von der Zerstörung profitieren", schreiben sie.

An anderer Stelle ist das bereits offizielle Politik: Chinas Haltung in den vergangenen Weltklimakonferenzen war es, dass nicht nur jene Länder für Treibhausgase verantwortlich gemacht werden dürfen, die sie ausstoßen, sondern auch die, die von den dabei erzeugten Waren profitieren. Für den bewussten Konsumenten gibt es in diesem Sinne bereits in vielen Ländern "Klima-Label", die verraten, wie viel vom Treibhausgas CO2 in einem Produkt enthalten ist. Ein ähnliches Kennzeichnungssystem sei auch für den Artenschutz sinnvoll, schreiben die Forscher - einen Anfang hätten sie mit ihrer Studie gemacht.

Neben den Konsumenten seien aber auch die internationalen Welthandelsverträge gefragt. Zwar sei ein Umdenken schwierig, wenn man an die immer stärker wachsende Bedeutung des Handels für die Weltwirtschaft denkt. Die Forscher haben aber im gültigen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) einen Paragrafen entdeckt, der "Maßnahmen zur Erhaltung erschöpflicher Naturschätze" vorsieht. Und dieser könnte ein Ansatzpunkt sein für einen Warenhandel, der weniger Gefahren für die Artenvielfalt bedeutet.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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