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Polizei vor dem Haupteingang der Universität Wien, antisemitisches Plakat "Juden Eintritt verboten"auf der Säule, aufgenommen 1931

ÖNB, Bildarchiv

Die Vernunft wurde schon früher vertrieben

Die "Vertreibung der Vernunft" hat an Österreichs Hochschulen nicht erst mit dem Nationalsozialismus begonnen. Antisemitismus und die Ausgrenzung von politischen Linken waren bereits in den frühen 1920er Jahren weit verbreitet. Das Kriegsende 1945 hat dem kein Ende gemacht - im Gegenteil.

Zeitgeschichte 13.06.2012

Wie stark die antisemitische "Geisteshaltung" an der Universität Wien unter deutschnationalen und christlichsozialen Studenten und Professoren verbreitet war, zeigen die Forschungen der Wissenschaftsredakteurs und -historikers Klaus Taschwer. Anlass ist ein Symposion, das vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien Ende der Woche veranstaltet wird.

science.ORF.at: Wie antisemitisch ging es an den österreichischen Hochschulen in der Zwischenkriegszeit zu?

Porträtfoto von Klaus Taschwer

Klaus Taschwer studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie an der Uni Wien und ist Wissenschaftsredakteur bei der Tageszeitung "Der Standard". Er forscht in seiner Freizeit zur Uni- und Wissenschaftsgeschichte in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts (E-Mail Klaus Taschwer).

Veranstaltung:

Am 15. und 16. Juni findet der Workshop "Alma Mater Antisemitica. Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939" statt, veranstaltet vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien.
Ort: Akademie der bildenden Künste, Schillerplatz 3, 1010 Wien

Links:

Klaus Taschwer : Der Antisemitismus war wohl sehr viel ausgeprägter, als es die meisten Universitätshistoriker bisher darstellten. Allenthalben ist bekannt, wie sehr die Studenten und ihre Vereine nach 1918 antisemitisch und dann ab Mitte der 1920er Jahre auch explizit nationalsozialistisch ausgerichtet waren. Aber über das Unipersonal selbst weiß man bisher nur sehr wenig. Ich behaupte, dass es bei den Lehrenden nicht sehr viel anders aussah.

Beginnen wir mit den Studenten. Wie äußerte sich deren Antisemitismus?

Zum Beispiel dadurch, dass die Vertreter der Deutschen Studentenschaft, die an den meisten Unis den Ton angaben, Zugangsbeschränkungen für Juden forderten. Das hing auch damit zusammen, dass etwa in Polen 1922 ein solcher Numerus clausus eingeführt wurde, weshalb jüdische Studenten aus dem Osten auch nach Wien kamen. Doch in Österreich war so etwas rein rechtlich unmöglich -, auch wenn die Leitung der Uni Wien durchaus für eine solche Regelung gewesen wäre.

Wie kommen Sie darauf?

Es gibt dazu eine öffentliche Stellungnahme vom damaligen Rektor Karl Diener, der übrigens auch für die Aufstellung des umstrittenen Siegfriedkopfs verantwortlich war. Er schrieb 1922 in der Tageszeitung Reichspost: "In der geradezu erschreckenden Invasion solcher rassens- und wesensfremder Elemente, deren Kultur, Bildung und Moral tief unter jener der bodenständigen deutschen Studentenschaft stehen, liegt der wahre Krebsschaden unserer akademischen Verhältnisse. Der Abbau der Ostjuden muss heute im Programm jedes Rektors einer deutschen Hochschule einen hervorragenden Platz einnehmen. Der fortschreitenden Levantisierung Wiens muss wenigstens an den Hochschulen Einhalt geboten werden." Das war wie gesagt 1922 und nicht etwa 1938.

Hat man dieses Programm schon in der Zwischenkriegszeit durchsetzen können?

Man hat es zumindest versucht. Die Studenten- und Burschenschafter an den Unis erzeugten eine bürgerkriegsähnliche Atmosphäre gegen Studierende und Lehrende, die jüdisch und/oder links waren. So kam es ab den frühen 1920er Jahren regelmäßig zu Prügeleien, bei denen jüdische Studenten verletzt wurden. Und Nazi-Studenten verwüsteten schon ab den 1920er-Jahren immer wieder das Institut des jüdischen Anatomieprofessors und Sozialdemokraten Julius Tandler.

Schritt die Polizei nicht ein?

Die durfte nicht, weil Universität autonomer Boden war und die Ordnungskräfte keinen Zutritt hatten. Die meisten Rektoren in der Zwischenkriegszeit haben diese Prügeleien ohne weiteres geduldet. Antisemitische Hetze wurde aber auch anders verbreitet: etwa auf den Anschlagtafeln der Studentenschaft. Dort war im Jahr 1926 gleich neben der Aula im Hauptgebäude am Ring zum Beispiel zwei Wochen lang zu lesen: "Die Juden sind die minderwertigste Köterrasse, die auf der Welt ihr Unwesen treibt (...) die größte Promenadenrasse, welche, behaftet mit allen Lastern eines typischen Bastards, überall Fäulnis und Morast verbreitet." Diese Hassparolen, behübscht mit Hitlerporträts, wurden erst nach öffentlichem Druck entfernt.

Polizei vor dem Haupteingang der Universität Wien, antisemitisches Plakat "Juden Eintritt verboten"auf der Säule, aufgenommen 1931
Polizei vor dem Haupteingang der Universität Wien, antisemitisches Plakat "Juden Eintritt verboten" auf der Säule, aufgenommen 1931

Gab es auch dazu eine Stellungnahme des Rektors?

Ja, Rektor war damals der Botaniker Hans Molisch, der übrigens auch eine Ehrenbüste im Uni-Arkadenhof hat. Molisch meinte einerseits, dass solche Texte schon einen Missbrauch des Anschlagwesens bedeuten würden. Im selben Atemzug sagte er aber auch, dass "der deutsche Charakter der Universität ein unantastbares Heiligtum ist, und dass nicht im entferntesten daran gedacht wird, die Tätigkeit der national gesinnten Studentenverbände irgendwie einzuschränken."

Waren der Antisemitismus in den 1920er-Jahren nur bei den deutschnationalen Studenten verbreitet?

Nein, die Deutschnationalen haben damals mit den CVern bis Anfang der 1930er-Jahre über weite Strecken gemeinsame Sache gemacht, auch auf Ebene der Professoren. Und der Antisemitismus war im österreichischen Cartell-Verband ähnlich weit verbreitet.

Haben Sie dafür Belege?

Bei einer internationalen CVer-Tagung 1920 wurde ein Arierparagraf für alle Cartell-Verbände in Europa gefordert, was prompt abgelehnt wurde. Die Forderung stammte von einem gewissen Engelbert Dollfuß von der CV-Verbindung Franco-Bavaria Wien. 1936 konnte der Christlichsoziale Emmerich Czermak, Unterrichtsminister 1929-32 und Mitglied bei der CV-Verbindung Nordgau Wien, verkünden, dass man die Judenfrage im österreichischen Cartellverband gelöst habe: "Wir sind judenrein. Bei uns ist der Arierparagraf erfüllt. Für uns war es immer selbstverständlich, dass Halbjuden und jüdisch Belastete nicht in unsere Reihen gehören."

Wie äußerte sich der Antisemitismus auf Professorenebene?

Sehr viel weniger öffentlich. Da wurde im Geheimen - aber sehr erfolgreich - antisemitische und antilinke Personalpolitik betrieben, unter anderem von einer braun-schwarzen Professorenclique, die unter dem Decknamen "Bärenhöhle" an der philosophischen Fakultät operierte. Die setzte zum Beispiel den zitierten Karl Diener als Rektor durch und sorgte auch dafür, dass Ordinariate an "Arier" und/oder Rechte gingen. Vor allem aber hintertrieb dieses geheime Netzwerk die Habilitationen jüdischer und/oder linker Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Wie hat man das angestellt?

Diese Professoren setzten 1923 durch, dass es bei der Erteilung der Lehrbefugnis auch um die "persönliche Eignung" gehen müsse. Wenn die jüdischen Habilitationswerber auch bestens qualifiziert waren und es überhaupt bis zur Einleitung eines Verfahrens geschafft haben, dann war das der letzte Ablehnungsgrund: persönlich ungeeignet. Und immer hatten die Mitglieder der "Bärenhöhle" (die nach einem paläontologischen Seminarsaal benannt war, wo sie sich trafen) ihre Finger mit im Spiel.

Die "Bärenhöhle" an der Uni Wien
Die "Bärenhöhle" an der Uni Wien

Können Sie Beispiele nennen?

Viele Opfer kennt man nicht mehr, weil sie schon in den 1920er Jahren emigrierten, so wie der später berühmte Biologe Paul Weiss oder die Physiker Karl Horovitz und Otto Halpern, die aus rein antisemitischen Gründen nicht habilitiert wurden. Dabei wird man in den Protokollen das Wort "jüdisch" nicht finden. Horovitz wurde zum Beispiel mit der Lüge abgeschossen, ein Kommunist zu sein. Das letztlich gescheiterte Habilitationsverfahren von Halpern dauerte über sieben Jahre lang und produzierte hunderte von Aktenseiten - um mit einer Farce zu enden.

Woran scheiterte Halpern?

Den Ausschlag gab letztlich für die Uni und den Verwaltungsgerichtshof, dass der Jude Halpern als 21-Jähriger einen Institutsschlüssel verloren und das seinem Professor zuerst verschwiegen hatte. Es war im Übrigen genau dieser Professor selbst - Hans Thirring - der Halpern zur Habilitation vorgeschlagen und ihn als Assistent eingestellt hatte. Thirring und alle anderen Physiker waren natürlich für die Habilitation, weil Halpern brillant war - aber sie hatten gegen die Antisemiten keine Chance.

Was bedeutete das für die wissenschaftliche Qualität der Unis?

Die ging nicht erst 1934 oder 1938 den Bach runter, wie von den Unihistorikern gemeinhin behauptet wird. Klar ist, dass der tiefste Einschnitt 1938 durch die Entlassung der vielen jüdischen Uniangehörigen gesetzt wurde. Aber bereits nach 1918 hatte man eine ganze Generation ausgezeichneter jüdischer und linker Nachwuchsforscher systematisch rausgemobbt und Stellen rassistisch oder politisch nachbesetzt. Die "Vertreibung der Vernunft" oder besser: die Zerstörung wissenschaftlicher Exzellenz begann an Österreichs Hochschulen also bereits in den frühen 1920er Jahren. Sie war nicht nur den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen geschuldet, sondern auch antisemitisch hausgemacht. Mit Kontinuitäten nach 1945.

Welche Kontinuitäten?

Einige der Leute, die jüdische Forscherinnen und Forscher schon in der Zwischenkriegszeit rausgemobbt hatten, hatten nach 1945 wieder das Sagen. Dazu gehörte etwa der Pädagoge Richard Meister, der "Bärenhöhle"-Mitglied war, nach 1945 Rektor der Uni Wien wurde und viele Jahre lang Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften war. Solche Personen waren mitverantwortlich, dass kaum jemand von den Emigrierten zurückgeholt wurde und sich in den Unis die bleierne katholische Reaktion breitmachte. Irgendwelche Entschuldigungen für die ersten Opfer des Antisemitismus gab es selbstverständlich auch nicht.

Was sagen Sie angesichts Ihrer Behauptungen dazu, dass der Dr.-Karl-Lueger-Ring auch auf Betreiben der Universität Wien in Universitätsring umbenannt wird?

Das ist, um es hart zu formulieren, eine Augenauswischerei. Rein historisch und etwas zynisch betrachtet hat für das Hauptgebäude der Uni Wien ein Antisemit als Straßennamensgeber bestens gepasst. Falls die Umbenennung wirklich kommt, sollte man der Gerechtigkeit und der Opfer wegen zumindest eine Tafel anbringen, die ehrlich auf die Geschichte nach 1918 eingeht.

Was sollte auf der Tafel stehen?

Es wäre wohl angebracht, wenn sich die Universitätsleitung und die Hochschülerschaft dazu bekennen würden, dass die Uni Wien in der Zwischenkriegszeit eine Hochburg des Antisemitismus und eine Brutstätte des Nationalsozialismus war - und dass dieses Milieu nach 1945 noch fortwirkte. Und womöglich sollte man sich auch dafür schämen, dass diese Kapitel der Uni-Geschichte immer noch nicht wirklich aufgearbeitet sind.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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