
Gott wohnt in der Flamme
Montag Abend hält Jung in Wien einen Vortrag über den "Hyperrealismus" von Georges de la Tour. Dessen Bilder weisen Gott unscheinbare Rückzugsorte zu: Flammen und Haarspitzen.
science.ORF.at: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit dem Barockmaler Georges de la Tour. Warum gerade mit ihm?
Daphne Jung: Georges de la Tour war ein lothringischer Maler, der Ende des 16. und Mitte des 17. Jahrhunderts gelebt hat. Bis heute ist relativ wenig über sein Leben und seine Auftraggeber bekannt. Das hat mit dem 30-jährigen Krieg zu tun: In dieser Zeit wurden sehr viele Dokumente zerstört. Außerdem wurde sein Werk erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Forschung wiederentdeckt. La Tour ist deshalb für die Kunstgeschichte nach wie vor eine rätselhafte Figur.

Die Auffindung des Heiligen Sebastian (größere Auflösung: hier).
Eigentlich könnte man die Bilder auf den ersten Blick langweilig nennen. Denn es passiert auf ihnen kaum etwas: die Menschen, die man auf ihnen sieht, gehen in der Regel keiner Tätigkeit nach und zeigen auch kaum Gestik oder Mimik. Dennoch ziehen sie einen sofort in ihren Bann, denn sie sind extrem detailreich und wirken oft durch besondere Lichteffekte eigentümlich verfremdet. Auch wenn la Tour religiöse Motive malt, geht er dabei von der sichtbaren Alltagswelt aus, man sieht man niemals fliegende Engel, Visionserscheinungen oder dergleichen.
Ein Bild, das so ein statisches Setting zeigt, ist die Auffindung des heiligen Sebastian aus dem Jahr 1649. Worum geht es darin?
Das Bild zeigt das Martyrium des heiligen Sebastian, einem christlichen Märtyrer. Der Legende zufolge wurde er von Kaiser Diokletian zum Tode verurteilt und später von Bogenschützen mit Pfeilen durchbohrt. Allerdings starb er nicht an seinen Verletzungen und wurde von der frommen Witwe Irene gesund gepflegt - natürlich ein Bezug zur Auferstehung Christi. Das Bild zeigt den Augenblick, als Irene entdeckt, dass er gar nicht tot ist.
Was passiert in dem Augenblick?
Zuerst einmal ist merkwürdig, dass wir einen Heiligen sehen, der nicht zwischen Gott und dem Betrachter vermittelt – dabei ist das doch eigentlich seine Aufgabe. Stattdessen sehen wir nur seinen bewusstlosen Körper und eine Frau, die gerade seinen Puls fühlt. Man sieht eine ärztliche Geste, die zu ermitteln versucht, ob es auch etwas Transzendentes zu entdecken gibt.
Diese Situation verdeutlicht einen Bruch, der sich zu Beginn der frühen Neuzeit ereignet hat: hier die objektive, säkulare Welt der Wissenschaft, da die Welt des Transzendenten.Der stumme Körper des heiligen Sebastian stellt dabei die Frage, wie das Heilige in einer solchen Welt noch sprechen kann.
Was zeichnet la Tour stilistisch aus?

Zur Person
Daphne Jung ist Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften, IFK.
Vortrag
"Prekäre Kontakte. Formen von Erfahrung und Erkenntnis in der Malerei Georges de La Tours", 25.6.2012 , 18:00 Uhr, IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
In der Kunstwissenschaft wird La Tour gerne als realistischer Maler bezeichnet. Eigentlich verwendet man den Begriff "Realismus" eher für die Malerei und Literatur des 19. Jahrhunderts. Doch es gab, beginnend mit Carravagio, bereits im 16. und 17. Jahrhundert ähnliche Tendenzen: vergleicht man mehrere Bilder La Tours, entdeckt man immer wieder die gleichen Modelle und Requisiten in ihnen.
Das heißt, seine Bilder geben vor, sich auf eine Ateliersituation zu beziehen, die der Maler mit eigenen Augen gesehen und dokumentiert hat. Und er zeigt auch Dinge, die früher nicht bildwürdig waren: Armut, Schmutz und die Niedrigkeiten des Alltages.
Die Erfolge der Wissenschaft haben damals offenbar Druck auf die religiös motivierte Malerei ausgeübt. War la Tour gläubig?
Davon bin ich überzeugt, auch wenn ich keine Beweise dafür habe. Seine Bilder wollen etwas übermitteln, das über das natürlich Sichtbare hinausgeht. Das ist auch der Grund, warum uns seine Bilder heute noch ansprechen: Sie erinnern uns daran, dass wir etwas nicht sehen. Sie zeigen das Wegbrechen des Religiösen.
Wie zeigt uns la Tour das Nicht-Sichtbare?
Zum Beispiel indem er Situationen malt, die alltäglich aussehen aber gleichzeitig den Zufall übertreffen. In der Darstellung des heiligen Sebastian sieht man eine Flamme, die sich auf eine Art und Weise formt und arabesk wird, wie wir es in Wirklichkeit nie sehen könnten. Die Menschen in seinen Bildern sind meist statisch, dafür wirken unbelebte Elemente oft bewegt: zum Beispiel Flammen oder Haarspitzen, die ein Eigenleben entwickeln und sich merkwürdig kringeln. Die beiläufigen Details scheinen einer inneren Ordnung zu folgen, die über die des chaotischen Alltags hinausgeht und lassen dadurch etwas Epiphanisches aufscheinen.
Sie halten am Montagabend einen Vortrag über den "Hyperrealismus im Werk Georges de la Tours". Inwieweit ist ein Barockmaler mit den Hyperrealisten des 20. Jahrhunderts vergleichbar?
In beiden Malereien gibt es starke Wirklichkeitseffekte, die uns förmlich anspringen. Die Frage ist: Was dokumentieren diese Bilder eigentlich? Die Vorlage für die hyperrealistischen Arbeiten der 60er und 70er Jahre waren Fotografien, war also eine künstliche, selbst schon medial vermittelte Welt. Die Arbeiten beziehn sich so auf die Täuschungsmacht von Bildern: was man auf ihnen sieht, ist evident, auch wenn es keine reale Grundlage hat.
Auf den zweiten Blick sieht man ja auch oft, dass das, was an hyperrealistischen Arbeiten echt erscheint, gar nicht die dargestellten Objekte sind, sondern eine bestimmte mediale Qualität ist, zum beispiel ein bestimmter Effekt des Fotografischen. Vielleicht kann man hier eine gewisse Verbindung zu La Tour ziehen – auch seine Malerei überzeugt durch ihre vielen Details und wirkt doch, gerade auch dadurch, künstlich überformt.
Gerhard Richter hat in den 80er Jahren eine fotorealistische Serie über brennende Kerzen gemalt, die als stiller Protest gegen das DDR-Regime gelesen wurden. Sind la Tours Flammen auch ein stiller Protest - gegen den Einbruch des Säkularen?
Das ist eine interessante Idee. Wenn ich Richter-Bilder betrachte, muss ich oft an la Tour denken.
Hat Richter sich mit la Tour beschäftigt?
Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir gut vorstellen.
Können wir Bilder jemals so betrachten, wie sie damals, zur Zeit ihrer Entstehung, gesehen wurden?
Ganz und gar sicher nicht. Als Kunsthistorikerin kann man zumindest versuchen, einen doppelten Blick auf sie zu gewinnen: einen zeitgenössischen und – so gut wie möglich – einen historischen.
Hat la Tour das, was Sie heute in seinen Bildern sehen, auch strategisch geplant? Oder sind sie eher Ausdruck des damaligen Zeitgeistes, in dem sich der Maler befand?
Beides. Auf jeden Fall sind seine Bilder extrem reflexiv, diese Wirkung war von La Tour sicher intendiert.
Interview: Robert Czepel
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