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Fremdsprachiges Denken ist vernünftiger

Dass die Zweitsprache nicht ganz so vertraut ist wie die Muttersprache, kann Psychologen zufolge auch Vorteile haben. Wer Entscheidungen in einer Fremdsprache trifft, handelt offenbar rationaler.

"Framing" 02.07.2012

Der Ton macht bekanntlich die Musik - und nicht nur dieser: Wie der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman in den 1980er Jahren herausgefunden hat, können selbst staubtrocken formulierte Botschaften völlig unterschiedliche Wirkungen haben.

Ob man in einen leeren Korb sechs Äpfel gibt oder aus einem Korb mit zehn Äpfeln vier herausnimmt, läuft logisch betrachtet auf das Gleiche hinaus. Psychologisch nicht notwendigerweise: "Framing-Effekt" heißt diese systematische Verzerrung unserer Wahrnehmung.

Die Studie

"The Foreign-Language Effect : Thinking in a Foreign Tongue Reduces Decision Biases", Psychological Science (doi: 10.1177/0956797611432178).

Boaz Keysar von der University of Chicago hat den Effekt nun erneut überprüft. Er bat Probanden ins Labor, legte ihnen einen Text vor und bar sie, zwischen zwei Optionen zu wählen:

"Eine gefährliche Krankheit breitet sich seit kurzem aus. Ohne den Einsatz von Medikamenten werden 600.000 Menschen daran sterben. Um den Tod dieser Menschen zu verhindern, stehen zwei Medikamente zur Verfügung. Wenn Sie Medikament A wählen, wird das Leben von 200.000 Menschen gerettet. Wenn Sie Medikament B wählen, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 33,3%, dass die 600.000 Menschen gerettet werden - und eine Wahrscheinlichkeit von 66,6%, dass niemand gerettet wird."

Effekt verschwindet in der Zweitsprache

Die Testpersonen bewerteten die beiden Varianten unterschiedlich. Kahnemanns Versuchen zufolge tendieren Probanden, vor diese Entscheidung gestellt, mehrheitlich zur "sicheren" Option A.

Boaz Keysars Versuche brachten das gleiche Ergebnis: 77 Prozent votierten für A - allerdings nur dann, wenn er seinen Testpersonen den Text in deren Muttersprache vorlegte. Amerikaner, die den Text auf Japanisch lasen (das sie in der Schule gelernt hatten), waren gegen derlei logische Verzerrungen annähernd immun, ebenso Koreaner und Franzosen, sofern sie die Aufgabe auf Englisch absolvieren mussten.

Man kann die gleiche Aufgabe auch umformulieren und den negativen Aspekt in den Vordergrund rücken: "Wenn Sie Medikament A wählen, werden 400.000 Menschen sterben. Wenn Sie Medikament B wählen, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 33,3%, dass niemand stirbt - und eine Wahrscheinlichkeit von 66,6%, dass 600.000 Menschen sterben."

In diesem Fall votieren 53 Prozent der Probanden für die "riskante" Option B - aber auch hier nur in der Muttersprache. Laut Keysar verliert der "Verlustrahmen" (wie es Psychologen dieses Setting nennen) in der Zweitsprache ebenso an Wirkung wie der vorhergehende "Gewinnrahmen".

Eher nicht übersetzen: "Ich liebe dich"

Kahnemanns Erklärung für den "Framing-Effekt": Mögliche Verluste haben stärkeres emotionales Gewicht als mögliche Gewinne. Deswegen wenden wir uns vom Risiko ab, wenn die Formulierung einen Gewinn verspricht. Und wir wählen das Risiko, wenn die Vermeidung des Verlusts im Vordergrund steht. Dass die "sichere" und "riskante" Option das Gleiche sagen, wissen wir, doch das Gefühl lässt sich davon nicht beeindrucken.

"Menschen, die ihre Entscheidungen routinemäßig in einer Fremdsprache treffen, dürften von solchen Effekten weniger beeinflusst sein", schreibt Boaz Keysar in seiner Studie. "Langfristig dürfte das ein Vorteil sein."

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt: Die geringe emotionale Eindringtiefe kann natürlich auch Nachteile haben. Laut Studien haben Schwüre und Liebesbekundungen in Fremdsprachen geringeres Gewicht. Bei Herzensangelegenheiten lasse man das Wörterbuch besser in der Schublade.

Robert Czepel, science.ORF.at

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