
Der Wiener Kongress hat nicht nur getanzt
Mithilfe der erstmaligen wissenschaftlichen Aufarbeitung sämtlicher Verhandlungsprotokolle, Beilagen und anderer Papiere soll die Arbeit des "europäischen Mächtekonzerts" am Wiener Kongress in ein neues Licht gerückt werden, berichtete Projektleiter Reinhard Stauber von der Universität Klagenfurt.
Diplomatische Sternstunde ohne Vorbild
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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 11.7., 13:55 Uhr.
Die Protokolle aus dem Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv sollen zeigen, wie detailliert große machtpolitische Fragen, aber auch Einzelprobleme behandelt und gelöst wurden. So sei etwa die Abmachung getroffen worden, sich in Zukunft gegenseitig über große politische Vorhaben zu informieren und der Weg auch für die nachfolgenden Konferenzen in Aachen, Laibach oder Verona geebnet worden. "Es war eine diplomatische Sternstunde der Menschheit. 20 Jahre Krieg und Misstrauen - was die politisch weggeschoben haben, ist einzigartig", so Stauber.
Die Politiker und Diplomaten mussten ohne Vorbild auskommen. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein diplomatisches Ereignis dieser Größenordnung stattfand, bei dem nicht nur Gesandte, sondern auch Monarchen wie Zar Alexander I. teilnahmen. "Es ist faszinierend, wie hier learning by doing betrieben wurde", meint Stauber.
Protokolle und Verhaltensregeln gab es für diesen Fall nicht. So sei es auch zu erklären, dass aus den ursprünglich geplanten vier bis sechs Wochen Verhandlungszeit schließlich ein Dreivierteljahr (September 1814 bis Juni 1815) wurde. "Immer aus der Not heraus" wurde schließlich etwa das Konzept des Unterausschusses erarbeitet, der vorab Lösungen suchte.
Nicht nur Metternich
Dabei habe sich aber nicht - wie in Österreich oft vermittelt - alles nur um Fürst von Metternich gedreht, erklärt Stauber. Zwar habe er als Gastgeber und Vorsitzender eine wichtige Funktion inne gehabt, im Ausland finde derzeit aber eine kritischere Betrachtung Metternichs statt, die sowohl Stärken als auch Schwächen aufzeige.

Erstmals sei die Idee eines Europas ohne Distanzen aufgekommen, neun Monate verhandelten alle wichtigen Mächte gemeinsam an einer Stelle. Dabei ging es nicht nur um die Neuordnung Europas und die erste Idee allgemein gültiger Völkerrechts-Regeln.
Auch Anliegen einzelner Petitionen wie eine Bittschrift der jüdischen Gemeinden Deutschlands, die bürgerliche Gleichstellung forderten, sowie globale Probleme wie das Verbot des Sklavenhandels waren Teil der Verhandlungen.
Getanzt wurde, aber kein Walzer
Finanzpolitik stand auf der Tagesordnung des Folgekongresses in Aachen 1818. Der Kriegsverlierer Frankreich stand kurz vor der Staatspleite und musste Reparationszahlungen leisten. Der Brite Wellington ermöglichte es den Franzosen jedoch, Anleihen auf dem Bankplatz London unterzubringen und verhinderte so den Zusammenbruch. Für Österreich war die größte innenpolitische Aufgabe ebenfalls die Währungssanierung. Das gelang mithilfe der Gründung der Nationalbank 1816 und den französischen Ausgleichszahlungen.
Aber trotzdem wurde natürlich getanzt, erklärt Stauber. Allerdings nicht Walzer - der galt damals noch als junger und dreckiger Tanz, der in den Vorstädten beliebt war. Stattdessen trafen sich die Gesandten bei strenger Etikette in den Redoutensälen oder in der Orangerie, bei privaten Soireen und Bällen.
Diese seien genauso Informationsumschlagbörsen gewesen wie der Verhandlungstisch, die Arbeitsrhythmen verschoben sich weit in die Nacht, vor Mittag war kaum einer der Verhandler auf. Wenig begeistert zeigte sich die Wiener Bevölkerung: "Man kann sich das vorstellen wie heute bei einem Gipfelkongress: Straßensperren und exklusive Veranstaltungen", erklärt Stauber.
science.ORF.at/APA
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