
Lateinamerika im Aufschwung
An der Universität Wien hat am Sonntag der "54. International Congress of Americanists" (ICA) begonnen. Im Mittelpunkt der weltgrößten Amerikanistentagung steht das wirtschaftlich aufstrebende Lateinamerika. 4.500 Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaftler präsentieren dort ihre aktuellen Forschungsergebnisse. Einer von ihnen ist Jan Nederveen Pieterse, Soziologe und Globalisierungstheoretiker von der University of California in Santa Barbara, USA.

Zu den Forschunsgschwerpunkten des Soziologen Jan Nederveen Pieterse gehören Globalisierungsforschung, Internationale Entwicklung und Kulturanthropolgie. Beim ICA wird er am heutigen "round table" über Probleme und Perspektiven des Globalen Südens diskutieren.
Ö1-Sendungshinweis:
Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 18.7., 13:55 Uhr, sowie eine Ausgabe der Dimensionen am 2.8. um 19:05 Uhr: Gewinner der Krise? Lateinamerika im Aufschwung.
science.ORF.at: Es wird viel vom Aufschwung der lateinamerikanischen Wirtschaft gesprochen. Der Export steigt, Arbeitslosenraten nehmen ab. Trifft das denn auf alle lateinamerikanischen Länder zu?
Jan Nederveen Pieterse: Man muss das Spektrum betrachten. Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, geht es Brasilien am besten von allen Ländern Lateinamerikas. Länder wie Mexiko sind dagegen größeren wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt, wegen der großen Konkurrenz aus China. Allgemein kann man sagen, dass in den Ländern Lateinamerikas der Export-Sektor wächst, aber nur im Bereich der Rohstoffe, und dass der Fertigungs- und Industriesektor stagniert oder sogar schrumpft, wegen der chinesischen Konkurrenz in diesem Bereich.
Was sind die Grundlegende Probleme der mexikanischen Wirtschaft?
Erstens: Mexico ist der Fertigungsgigant Lateinamerikas.
Zweitens: Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas sind die Preise für Produktionsgüter stark gesunken, denn China ist die weltweitführende Produktionswirtschaft. In Bereichen wie der Autozulieferindustrie, hat Mexico gegenüber der chinesischen Konkurrenz verloren. Investitionen und Marktanteile in Drittländern sind stark zurückgegangen.
Wenn wir also Lateinamerika und den "China-Effekt" betrachten, dann sind Brasilien und Mexiko die gegensätzlichen Pole: Brasilien war der größte Nutznießer wegen der steigenden Rohstoffnachfrage und Mexiko der größter Verlierer, wegen der Billigproduktion der Chinesen.
Nichtsdestoweniger ist Mexiko natürlich eine der aufstrebenden Gesellschaften. Sie wird zu den sogenannten "Next Eleven" gezählt, so wie die Türkei oder Indonesien. Also ist Mexiko ganz klar von größter Bedeutung.
Gibt es in Lateinamerika ausschließlich wirtschaftliches Wachstum oder auch gesellschaftliche Entwicklungen?
Ich kann diese Frage besser für Asien als Lateinamerika beantworten. In Ostasien, etwa Südkorea, Taiwan, Singapur oder Hongkong, also den Tigerstaaten, gibt es in vielerlei Hinsicht ein breitenwirksames Wachstum und die Mehrheit der Bevölkerung kann daran teilhaben. China hat das Potenzial für ein solch breites Wachstum. Und Brasilien ist auf einem ähnlichen Weg.
Man muss den Human Development Index (HDI) - dieser Index misst Dinge wie die Lebenserwartung, das Bildungsniveau und die demokratische Teilhabe - und den Gini-Koeffizienten, der die Ungleichheit der Einkommensverteilung misst, betrachten. Die Idealsituation für eine wachsende Wirtschaft ist, wenn der der HDI zunimmt und der Gini-Koeffizient abnimmt. Brasilien ist in dieser Position und entwickelt sich ganz beachtlich.
Das heißt Brasilien befindet sich uneingeschränkt im Wachstum?
Die Einschränkung der brasilianischen Situation ist, dass ihre sozialpolitischen Maßnahmen nicht mit ihrem Wachstumsweg in Einklang gebracht werden. Das Wachstum basiert auf Rohstoffen wie Sojabohnen, Eisen, Zuckerrohr, Ethanol oder Rindfleisch. Das sind die Antriebsfedern des Wachstums. Und die sozialpolitischen Maßnahmen, wie etwa "Bolsa Familia", ein Hilfsprogramm für sozialschwache Familien, oder Bolsa Escola, ein Schulbildungsprogramm für arme Kinder, die sind gut und funktionieren auch, aber sie sind mit diesen Wachstumsstrategien nicht verknüpft. Das ist die große Schwäche.
Wie müssten das wirtschaftliche Wachstum und politische Maßnahmen verknüpft werden?
In dem man nicht nur das exportgestützte Wachstum fördert, sondern die Inlandsnachfrage steigert. Man muss also den innerstaatlichen Markt aufbauen mit einer breiten, konsumstarken, teilhabenden Verbraucherschicht im eigenen Land. Und man muss in den Ausbildungs- und Berufsbildungsbereich investieren, die Infrastruktur ausbauen und die Industrie subventionieren. Das sind die Grundpfeiler einer breitenwirksamen Entwicklung. China hat bereits begonnen das zu tun.
Warum spüren die Länder Lateinamerikas die Wirtschaftskrise wesentlich weniger als die USA oder Europa?
Weil Asien wächst, sind die lateinamerikanischen Länder weniger abhängig von der Wirtschaftskraft der USA und Europas. Und deswegen spürt Lateinamerika die Wirtschaftskrise auch weniger, weil sie gewissermaßen außen vor sind. Prognosen sagen, dass diese große asiatische Nachfrage langfristig stabil bleiben wird, denn die Industrialisierung und Urbanisierung ist ein dauerhafter Trend in Asien, und nicht nur ein kurzfristiger Glücksfall.
Aber diese starke Nachfrage aus Asien ist auf einen Wirtschaftssektor beschränkt.
Ja, die einzige Einschränkung dieser Beziehung ist: Die lateinamerikanischen Länder exportieren Rohstoffe und nicht gefertigte Güter. Und das ist das Paradoxon: Lateinamerika, die reichere Region, mit einer wesentlich längeren Geschichte der Industrialisierung und Entwicklung, exportiert hauptsächlich natürliche Ressourcen und Rohstoffe. In diesem Zusammenhang unterzieht sich Lateinamerika eine De-Industrialisierung und einer Herabstufung ihres eigentlichen Wettbewerbsvorteils.
Um diese Situation zu ihrem Vorteil nutzen zu können, brauchen die Lateinamerikanischen Länder geschickte Institutionen und Strategien. Wenn nicht, dann werden sie den Rohstoff-Fluch erleben, also die totale Abhängigkeit vom Rohstoffexport.
Sollten die aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften hier das Vorbild Lateinamerikas sein?
Das ist bereits so und bis zu einem gewissen Grad war das auch in den letzten 20 Jahren schon so. Den größten Wachstumserfolg unter den Entwicklungsländern können die Tigerstaaten und China vorweisen. Alle Entwicklungs- und Schwellenländer dieser Erde schauen nach Asien. Sie orientieren sich nicht mehr an den USA oder Europa. Das ist in der internationalen Entwicklung schon lange Standard.
Das US-amerikanische Modell sagte: Freie Märkte - und das Land wird wachsen. Und wir sehen ja heute durch die Finanz- und Wirtschaftskrise, was dieses Modell den USA und Europa eingebracht hat. Der chinesische Ansatz sagt: Eine aktive Regierung, strategische Wirtschaftsplanung, geregelte Kapitalanlagen und eine langfristige Planung. Daran sollten sich die Länder Lateinamerikas orientieren.
Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft


