
Millionen aus Müll
Der Schatz im Abfall
Müll sei eher ein Schatz als Abfall - "More Treasure Than Trash". Mit diesem Satz eröffnen drei Redakteure des Fachmagazins "Science" einen Schwerpunkt des Blattes zum Thema, der heute erschienen ist. Um jedoch diesen Schatz zu heben, seien noch eine Reihe an Hürden zu nehmen. Und dazu müssten alle wissenschaftlichen Disziplinen und gesellschaftlichen Bereiche - von Chemie und Materialwissenschaften, über Politik und Wirtschaft bis hin zur Psychologie - ihren Teil beitragen.
Die Studie:
"Conversion of Wastes into Bioelectricity and Chemicals by Using Microbial Electrochemical Technologies" ist in der aktuellen Ausgabe von "Science" erschienen (Abstract, sobald online.)

Unter dem Titel "Working with Waste" widmet "Science" in der aktuellen Ausgabe dem Müll einen Schwerpunkt mit mehreren Artikeln.
Ö1-Wissenschaftsjahr:
Umweltthemen und der Forschung für nachhaltige Entwicklungen widmet sich "ÖkoScience - das Ö1 Wissenschaftsjahr 2012".
Alle Beiträge zum Ö1-Wissenschaftsjahr ÖkoScience
Eine Mischung aus gewitzter Wissenschaft, praktischer Politik und der passenden Technik sei gefragt. Einen kurzen Einblick in die bunte Welt des Abfalls liefert "Science" mit seinem Themenschwerpunkt mit mehr als zehn Artikeln.
Kleine Stromproduzenten
Einer der Artikel behandelt eine Form von Brennstoffzellen, in denen Mikroorganismen aus organischem Abfall - zum Beispiel Abwasser - Strom erzeugen. Die Mikroben können außerhalb ihrer Zelle an Membranen Elektronen umwandeln. Aus chemischen Verbindungen werden dadurch neue, durch den Fluss der Elektronen entsteht Strom.
Da dabei Stoffe umgewandelt werden, lässt sich der Prozess auch in die andere Richtung nutzen: Wird Strom angelegt, können die Bakterien Biokraftstoffe oder Chemikalien für die Industrie erzeugen: Wasserstoff, Methan, Natronlauge, Wasserstoffperoxid und Alkohol stehen am Programm.
Doch bis es soweit ist, wird es freilich noch dauern. Viele dieser Prozesse funktionieren erst im kleinen Maßstab im Labor und sind mitunter noch sehr ineffizient. Die nächsten Ziele sind also, die Technik dieser bioelektrischen Zellen zu verbessern und marktfähig zu machen.
Neue Toiletten
Die Biozellen sind aber nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Spektrum der Aktivitäten, um Müll und Abwasser zu reduzieren. In der Millionen-Metropole Hongkong wird seit 50 Jahren verstärkt Seewasser zur Spülung verwendet und damit etwa 20 Prozent Trinkwasser gespart.
Techtoilet
Video auf der Webseite con "Science" zur Neuerfindung der Toilette (in Englisch).
Andernorts suchen Erfinderinnen und Erfinder nach einer Toilette, die Urin und feste Bestandteile für die Kompostierung getrennt sammelt. Noch in diesem Monat werden verschiedene Forschungsteams ihre Prototypen in Seattle vorstellen. Ihr Ziel ist ein Preis, den die Bill- und Melinda Gates-Stiftung für die "Neuerfindung der Toilette" ausgeschrieben hat.
Straßen aus Algen
Einer der größten Abfallströme von Industriegesellschaften geht mittlerweile in die Luft: Kohlendioxid, das die Erdatmosphäre erwärmt. Im Sinne des Klimaschutzes wird nach Wegen gesucht, das CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen.
Brent Constantz möchte im Zuge dessen gleich neue Materialien entwickeln. Er ist Lektor an der Universität Stanford und hält mehrere Patente für Zemente. Seine neueste Vision ist, die Unmengen an CO2 in der Luft durch die gleichen Prozesse zu entfernen, mit denen Korallen CO2 binden und ihre Skelette aufbauen. Das Material könnten dann zum Bauen von Straßen verwendet werden.
Doch auch dieses Verfahren ist noch zu teuer und ineffizient. Um es verbessern, setzt Constantz auf ein Enzym, das CO2 aus dem Blut in die Lunge transportiert, um es ausatmen zu können. Korallen verwenden ein ähnliches Enzym, um CO2 aus dem Wasser zu lösen und ihre Skelette zu bauen. Dieses Enzym soll auch helfen, den industriellen Prozess effizienter zu machen.
Ö1 Sendungshinweis:
Über den Themenschwerpunkt berichtet auch Wissen Aktuell am 10.8. um 13:55.
Unsichtbarer Abfall
Bei der Wiederverwertung vieler Stoffe wie Plastik und Metallen sehen Experten jedoch das Problem nicht in der Technik, sondern in der weltweiten Etablierung von Kreislaufsystemen - und das erfordert eher gesellschaftliche und soziale Impulse.
Dies zeigt auch ein kurzer Blick in die Statistik: Das, was Menschen allgemein vor Augen haben, wenn von Müll die Rede ist - Abwässer, Berge an rostigem Alteisen und zusammengepressten Blechdosen, Plastikflaschen im Meer und weitläufige Mülldeponien - macht nur einen kleinen Teil dessen aus, was die Gesellschaft an Abfall produziert: drei bis fünf Prozent.
Der große Rest ist Abfall aus Bergwerken und anderen Prozessen der Produktion von Gütern sowie flüssiger Abfall. Vieles davon wird statistisch gar nicht genau erfasst. Daher wird diese Fraktion des Mülls mitunter auch als "unsichtbarer Abfall bezeichnet".
Wie auch immer die Geschichte weitergeht: Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien bereit, sich zum Lösen der anstehenden Fragen "die Hände schmutzig zu machen", schreiben die Autoren des Magazins "Science" in der Einleitung zu ihrem Themenschwerpunkt.
Mark Hammer, science.ORF.at/APA/dpa


