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Österreichs Flagge vor blauem Himmel

Österreich bangt um "Stiege" und "Marille"

Die hochdeutsche Sprache schwappt nach Österreich. Sprachforscher sehen schon das Ende von "Paradeiser" und "Stiege". Eine aktuelle Befragung scheint dies zu bestätigen. Aber zumindest ein österreichischer Begriff lässt sich demnach nicht vertreiben: das Sackerl, Tüte klingt für die meisten Österreicher doch zu lächerlich.

Sprache 10.08.2012

Sprache schwindet

Hinweis: Der Artikel wurde von einem Redakteur der deutschen Nachrichtenagentur dpa geschrieben, weshalb er auch "bundesdeutsche" Begriffe verwendet (z.B. "Gemüsetheke").

Eine gut sortierte Wiener Obst- und Gemüsetheke ist für Deutsche eine Herausforderung. Weniger kulinarisch als sprachlich. "50 Deka Paradeiser, 20 Deka Fisolen und eine Melanzani. Dazu ein paar Marillen", würde etwa ein Österreicher verlangen. Und hinzufügen: "Und noch etwas von den Ribiseln. Haben Sie auch ein Sackerl?" Diese Ausdrücke könnten bald der Vergangenheit angehören.

Zwar hört man in Wien zur Begrüßung weiterhin "Grüß Gott" und "Servus". Aber bei der Arbeit oder in Kneipen rufen viele lieber ein schnelles "Hallo". Zum Abschied heißt es immer öfter "Tschüss" und nicht mehr "Baba".

Unter dem Druck des Hochdeutschen aus dem Norden schwindet die österreichische Sprache dahin. Fernsehen, Kino und Internet trimmen Kinder und Jugendliche auf klassisches "Bundesdeutsch", wie man hierzulande das Hochdeutsche gerne mal nennt. Das zeigt eine Untersuchung des emeritierten Germanistik-Professors Peter Wiesinger.

Deutscher Einfluss

Der Wiener Sprachwissenschaftler Wiesinger ließ Studenten Bilder betiteln. Mit wenig erfreulichen Ergebnissen, wie er sagt. Ein Drittel schrieb statt der österreichischen "Stiege" den in Deutschland üblichen Begriff "Treppe". Statt "Kassa" hieß es "Kasse", statt "ein Einser" oft "eine Eins".

Verschiedene Begriffe für die gleiche Sache kennt man auch in Deutschland. In Bäckereien gibt es je nach Region Brötchen, Schrippen oder Semmeln. In Österreich hielt sich bislang aber durch Einflüsse aus Osteuropa und Italien ein eigenständiges Deutsch. Wissenschaftler klassifizieren es nicht als Dialekt, sondern als Varietät. Wie es schon das ausgiebig zitierte Bonmot des Wiener Kabarettisten Karl Farkas zusammenfasst: "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache."

Noch halten sich auf Gemüsemärkten die österreichischen Wörter für Tomaten (Paradeiser), Bohnen (Fisolen), Auberginen (Melanzani), Aprikosen (aus dem Französischen im Gegensatz zu der italienischstämmigen "Marille") und Johannisbeeren (Ribisel). Bei den Metzgern kommt man mit dem Wunsch nach Faschiertem und Beiried weiter als mit Hackfleisch oder Roastbeef. Deutsche wundern sich auch gerne über Gelse (Mücke), Kren (Meerrettich), Kasten (Schrank), Sessel (Stuhl) oder Leintuch (Laken).

Geschützte Bezeichnungen

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie von Peter Wiesinger berichten auch die Dimensionen am 10.8. um 19:05.

Beim EU-Beitritt 1995 ließ Österreich seine Sprache symbolisch als eigenes Kulturgut anerkennen. 23 Bezeichnungen aus dem Bereich der Lebensmittel wurden als spezifische Begriffe aufgezählt.

Doch inzwischen heißt es in Supermärkten zum Entsetzen der Sprachbewahrer Cherry-Tomaten oder Fleisch-Tomaten statt Paradeiser. Der österreichische "Schweinsbraten" wird zum "Schweinebraten." Die Invasion des Ausrufs "Lecker" aus deutschen Kochsendungen löst in Internetforen Hasstiraden aus.

Wiens bekanntester Kabarettist und Moderator Dirk Sterman, der vor 24 Jahren aus Duisburg nach Wien kam, monierte in einem Interview: "Meine Tochter und ihre Freunde reden total 'deutsch'. Wenn die Dialekt reden, klingt es total albern. Das kann ich schon besser."

Der Sprachexperte Wiesinger kennt das: "Die Ursachen sind die Medien und ihr Einfluss." Filme und Serien würden hochdeutsch synchronisiert. In den Übersetzungen amerikanischer Krimis oder englischer Harry-Potter-Romane gibt es keine Stiegenhäuser. "Gerade Jugendliche orientieren sich am Englischen und Hochdeutschen."

Aussterbende Sprache

Vor einigen Jahren verfasste der Journalist Robert Sedlaczek ein "Kleines Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs". Kürzlich beklagte er: "Wir sind eine aussterbende Sprache. Was sich zurzeit abspielt, kann nur so beschrieben werden: Die Vielfalt wird eingeebnet, die Sprache verfällt."

Im Internet sammelt Sedlaczek bedrohte Wörter. "Die Sprache ist ein beinharter Verdrängungswettbewerb", sagt er. "Oft hat ein Wort lange Zeit gute Dienste geleistet, da taucht plötzlich ein konkurrierender Ausdruck für dieselbe Sache auf, meist aus dem Angloamerikanischen oder aus dem Norddeutschen, und versucht, ihm den angestammten Platz streitig zu machen."

Wiesinger weiß hingegen auch, was sich nicht ändert: "Eins bleibt bestehen: Sackerl ist hier selbstverständlich. Tüte sagt niemand." Die Erfahrung zeigt: Wiesinger hat recht. Das Wort "Tüte" löst bei den meisten Österreichern spontanes Lachen aus.

Von Andreas Rabenstein, dpa

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Forum

 
  • Selber Sünder

    laerche, vor 287 Tagen, 3 Stunden, 8 Minuten

    ""klassisches "Bundesdeutsch", wie man hierzulande das Hochdeutsche gerne mal nennt.""
    Wenn man das schon beklagt, sollte man sich auch selber der österreichischen Sprache bedienen und "Bundesdeutsches" "gerne mal" vermeiden.

    • Nachtrag:

      laerche, vor 287 Tagen, 2 Stunden, 55 Minuten

      Der Artikel verwendet den Begriff "Hochdeutsch" insofern konsequent falsch, als damit deutsches Deutsch verstanden wird. Es gibt aber deutsches Hochdeutsch und österreichisches Hochdeutsch. Diese 2 Varietäten der deutschen Sprache unterscheiden sich nicht nur in Wörtern sondern auch in der Grammatik!

  • Wobei österreichisch nicht österreichisch ist...

    kottanlebt, vor 287 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten

    ...denn Wien ist nicht Österreich.

    Das beginnt schon bei der Uhrzeit.
    Niemand würde in Oberösterreich "Viertel 8" sagen.
    Bei uns heißt das "Viertel nach 7".

    Paradeiser heißen halt Tomaten
    Erdäpfel sind eben Kartoffel
    Eisbergsalat nennt man bei uns etwa Bummerlsalat
    Es würde auch niemand auf Idee kommen Bohnen anstatt Fisolen zu sagen, denn Bohnen sind ganz etwas anderes.

    Am schlimmsten finde ich aber die Wiener "möchtegern hochdeutsch" SprecherInnen.
    So eine unmögliche Sprache findet kaum sonstwo im Land.

    Die Sprachverluderung ist meiner Beobachtung nach hauptsächlich im bundeshauptstädtischen Bereichen zu finden.

  • Fehlende Unterscheidung zwischen Schrift- und Umgangssprache

    rayman1602, vor 287 Tagen, 11 Stunden, 34 Minuten

    Wenn ich von einer Stiege ein Bild vorgelegt bekomme und eine Beschreibung dafür hinschreiben soll, schreibe ich auch Treppe obwohl ich dieses Wort im normalen umgangssprachlichen Gebrauch so gut wie nie benutze.

    Ich vermisse hier die Differenzierung zwischen Schriftsprache und Umgangssprache, da es hierbei in meinen Augen doch große Unterschiede gibt, vor allem weil man bei der Schriftsprache fast zwangsweise auf die deutschen Begrifflichkeiten ausweicht, da einfach alles geschriebene Hochdeutsch ist und nicht Umgangssprache.

  • Das allerärgste ist aber:

    vonabisz, vor 287 Tagen, 13 Stunden, 3 Minuten

    "von daher" statt + ~"daher/so gesehen"
    Wenn ich das höre, steigt mir die Grausbirne auf.

  • naitsabes, vor 287 Tagen, 15 Stunden, 23 Minuten

    und dann kommen in diesem Artikel vom ÖSTERREICHISCHEN Rundfunk (!) so Begriffe wie "bislang" statt "bis jetzt" und "Metzger" statt "Fleischhauer" vor...
    Leute, bitte geht mit gutem Beispiel voran und verwendet österreichische Begriffe!!

    • chris38, vor 287 Tagen, 15 Stunden, 18 Minuten

      Andreas Rabenstein schreibt für die "dpa" (Deutsche Nachrichtenagentur) - vielleicht erklärt das, warum er schreibt, wie er schreibt ...

    • chris38, vor 287 Tagen, 15 Stunden, 14 Minuten

      Welcher Insider würde Dirk Sterman als "Wiens bekanntesten Kabarettisten" bezeichnen???
      schon seeeehhhhr eigenartig ...

    • zum Artikel noch was ...

      chris38, vor 287 Tagen, 15 Stunden, 8 Minuten

      Recherchefehler: Es heißt MELANZANI statt Auberginen ...

    • Malanzani

      vonabisz, vor 287 Tagen, 13 Stunden, 5 Minuten

      Das ist wohl kein Recherchefehler (denn dann hätte man das Beispiel gar nicht gebracht, weil es dann gar keines wäre), sondern einfach nur ein Schreibfehler - den man offenbar nicht ausbessern mag.

    • diedonau8, vor 287 Tagen, 8 Stunden, 39 Minuten

      Metzger ist aber österreichisch ... als Westösterreicher komme ich nur in Wien damit nicht weiter.Ich habe ein wenig den Eindruck der Artikel bezieht sich auf Wien allein.

  • Was mir noch größere Sorge bereitet,

    chris38, vor 287 Tagen, 16 Stunden, 3 Minuten

    ist der Umstand, dass viele Menschen die ursprünglichen Bedeutungen von Worten nicht mehr kennen.

    Worte spiegeln uns, das ist meine Überzeugung!

  • schuld sind die germanischen diskontsender

    aber, vor 287 Tagen, 19 Stunden, 59 Minuten

    dieser scheiß der da via TV rüberschwappt macht alles platt. dieses klugscheißer-TV ruiniert nicht nur die fantasie der kinder - es verblödet das gesamte volk.

    • solidstate, vor 287 Tagen, 19 Stunden, 23 Minuten

      Zählst Du den ORF auch dazu? Denn auch da ist der Paradeiser mittlerweile selten geworden.

  • Wenn sie nur nach der Schrift reden würden,

    regow, vor 287 Tagen, 22 Stunden, 57 Minuten

    aber die Kids pifkenesern ja regelrecht!

    • kakanisch

      paradeiser, vor 287 Tagen, 16 Stunden, 55 Minuten

      Haha,wartet nur,bis jemand im Wirtshaus statt Grammelknödel "Griebenklösse" bestellt.
      Der Lacherfolg ist ihm sicher.

      Und Nestroy oder Raimund ordentlich korrekt dargeboten,leert wohl blitzartig jedes Theater.