Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Die Schlacht ist unser Stolz" "

Soldaten gehen durch den Schnee

"Die Schlacht ist unser Stolz"

70 Jahre Schlacht von Stalingrad: Am 25. August 1942 verhängte Sowjetdiktator Josef Stalin den Belagerungszustand über jene Stadt, die heute den Namen Wolgograd trägt. Die Erinnerung an eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs ist nach wie vor allgegenwärtig.

Jahrestag 22.08.2012

700.000 Tote

Kaum ein Denkmal findet sich im südrussischen Wolgograd, das nicht mit dem monatelangen Morden in Verbindung steht, bei dem nach Schätzungen über 700.000 Soldaten und Zivilisten umkamen. "Die Erinnerung ist das Wichtigste, das die Stadt hat", sagt Alexej Wassin, der Direktor des Museums der Schlacht von Stalingrad, voller Pathos. Der Sieg der sowjetischen Truppen über die 6. Armee des Friedrich Paulus, der kurz vor der Kapitulation noch zum Feldmarschall befördert wurde, war wahrscheinlich der Wendepunkt des Krieges.

Einen Steinwurf von der Wolga entfernt wirkt der runde Museumsbau wie ein Ufo. Höhepunkt ist ein riesiges Panorama-Gemälde im obersten Stockwerk, das die Ereignisse an einem einzigen Tag des Kampfes zeigt. "Die Schlacht ist unser nationaler Stolz", meint Wassin. "Im Laufe der Zeit hat ihre Bedeutung einen sakralen Charakter erhalten."

Das sollen auch die Jüngsten so früh wie möglich lernen. Ehrfürchtig ziehen Schulklassen durch die Säle mit Waffen, Fahnen und Dokumenten. Doch vieles wie etwa die Leiden der Zivilisten, die der quälende Häuserkampf mit sich brachte, bleibt im Verborgenen.

Statue "Mutter Heimat"
Zeremonie vor "Mutter Heimat"

Drei Kilometer außerhalb des Stadtzentrums - gegenüber dem etwas verfallenen Fußballstadion - steht das Wahrzeichen der Stadt. Die Statue "Mutter Heimat" auf dem Mamajew-Hügel schwingt bis zu 85 Meter hoch ihr Schwert über dem Kopf. Ihr zu Füßen sind in einer Gedenkhalle die Namen tausender Gefallener aufgelistet. Vier Soldaten in Paradeuniform halten ohne Regung Ehrenwache an der Ewigen Flamme.

"Die größte ausländische Besuchergruppe sind Deutsche, zum Beispiel Veteranen und ihre Angehörigen", erzählt Wassin. Insgesamt zählt er jedes Jahr mehr als zwei Millionen Menschen in seinem Museum. Ständig sammelt sich neues Ausstellungsgut an: Noch immer finden Forscher, darunter auch zahlreiche Freiwillige aus Deutschland, im Gebiet rund um die damals völlig zerstörte Stadt bei Ausgrabungen Knochen, Orden oder Munition.

Zimmerschlüssel mit Patrone

"Ehre den Verteidigern von Stalingrad" ist wohl der am meisten plakatierte Spruch in der Stadt rund 1.000 Kilometer südlich von Moskau. Fast an jeder Ecke sind auf großen Werbetafeln Veteranen mit der Brust voller Orden zu sehen oder Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen ein dynamischer Rotarmist eine Frau und deren Kind beschützt. Noch immer leben etwa 5.500 Veteranen in Wolgograd. Als "Veteranen" zählen auch zivile Überlebende. Zur Erinnerung sind die alten Kämpfer noch immer gut genug. Doch viele von ihnen klagen über geringe Renten und unwürdige Lebensbedingungen.

Fast jeder Straßenzug atmet Geschichte - allein aufgrund der Namen. Auf der Allee der Gefallenen Kämpfer erinnert ein Obelisk an die Toten. Davor brennt eine Ewige Flamme, an dem sich vor allem die Kommunisten oft versammeln. Um die Ecke wartet das Hotel Alt-Stalingrad auf Gäste, vor dem Haus steht eine Panzersperre. Innen ist der Schlachtverlauf auf grelle Wandgemälde gebannt, am Zimmerschlüssel hängt eine Patrone. "Original aus dem Krieg", betont Rezeptionistin Anna.

Doch nicht alle Wolgograder sind glücklich mit den allgegenwärtigen Kriegserinnerungen. "Wenn wir immer nur in der Vergangenheit leben, kommen wir nie in der Zukunft an", sagt die 30-jährige Julia. Mit ihrer Kamera zieht die junge Frau durch die Straßen ihrer Heimatstadt. "Ich fotografiere die Lebenden - das ist unser Kapital", erzählt sie.

Benedikt von Imhoff, dpa

Mehr zu diesem Thema:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  •