Standort: science.ORF.at / Meldung: "Es begann in Anatolien"

Weltkarte

Es begann in Anatolien

Englisch, Griechisch, Deutsch oder Persisch - all diese indoeuropäischen Sprachen haben einen gemeinsamen Ursprung. Dieser liegt einer neuen Untersuchung zufolge in der heutigen Türkei, genauer: in Anatolien.

Sprache 24.08.2012

Beginnend vor 9.500 Jahren habe sich die Ursprache von dort über weite Teile der Welt ausgebreitet, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Science". Verantwortlich dafür sei vor allem die Entstehung und Ausbreitung der Landwirtschaft gewesen.

Analyse mit genetischen Methoden

Die indoeuropäische Sprachfamilie ist die am weitesten verbreitete der Welt. Zu ihr gehören unter anderem die romanischen Sprachen, wie Französisch und Spanisch sowie die germanischen Sprachen wie Englisch und Deutsch.

Zum Ursprung der indoeuropäischen Sprachen diskutieren Fachleute vor allem zwei Hypothesen: Der Steppen-Hypothese zufolge entwickelte sich die Grundsprache nördlich des kaspischen Meeres in der russischen Steppe. Von dort breitete sie sich demnach mit halbnomadisch lebenden Viehhaltern der Kurgankultur vor 5.000 bis 6.000 Jahren Richtung Europa und in den Nahen Osten aus.

Die Studie

"Mapping the Origins and Expansion of the Indo-European Language Family", Science (doi: 10.1126/science.1219669).

Die Forscher um Remco Bouckaert von der University of Auckland (Auckland/Neuseeland) fanden in ihrer Studie jedoch eher Belege für die Anatolien-Hypothese. Der zufolge breiteten sich die Sprachen von Anatolien aus vor 9.500 bis 8.000 Jahren zusammen mit der Landwirtschaft und einer bäuerlichen Lebensweise aus.

Die Wissenschaftler hatten für ihre Untersuchung ein Verfahren angewendet, das in der Genetik genutzt wird, um die Verwandtschaftsverhältnisse bei Arten zu untersuchen. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Erbgut herangezogen, um beispielsweise die Entwicklung einer Art zu verfolgen.

Stammbaum: "mother", "madre", "madar"

das Wort "Mutter" in verschiedenen Sprachen auf einer Landkarte
"Mutter": indoeuropäische Variationen.

Bouckaert und Kollegen betrachteten nun anstelle des Erbgutes verschiedene Wörter aus 103 gegenwärtigen und vergangenen Sprachen, die einen gemeinsamen Ursprung besitzen, zum Beispiel das Wort Mutter. Mutter heißt im Englischen "mother", im Spanischen "madre" oder im Persischen "madar". Fachleute nennen solche Wörter, die sich aus einem Ursprungswort entwickelt haben, Kognate.

Die Wissenschaftler verfolgten nun mit Hilfe eines statistischen Verfahrens die Entwicklung der Kognate und damit die Evolution der Sprache über die Zeit. Sie stellten eine Art Stammbaum auf und brachten die Angaben mit dem heutigen Verbreitungsgebiet der jeweiligen Sprache zusammen. So stießen sie auf Anatolien als den wahrscheinlichen Ursprungsort der indogermanischen Sprachen.

Germanisch entstand vor 4.500 bis 2.000 Jahren

Vor 4.000 bis 6.000 Jahren spalteten sich die einzelnen Unterfamilien des Indogermanischen ab, also etwa die Stammsprachen des Keltischen, Germanischen oder Indoiranischen. Einzelne Sprachen innerhalb der Unterfamilien entwickelten sich dann vor etwa 4.500 bis vor 2.000 Jahren.

Die Forscher betonen, dass die Landwirtschaft eine maßgebliche Rolle für die Entwicklung der globalen Sprachvielfalt gespielt habe. Sie sei aber nicht der einzige Motor der Sprachentwicklung gewesen. Untersuchungen zur Entwicklung einer Sprache gäben wichtige Einblicke in die kulturelle Geschichte ihrer Sprecher.

science.ORF.at/dpa

Mehr zu diesem Thema:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  • Indogermanisch

    decordoba, vor 270 Tagen, 2 Stunden, 57 Minuten

    Es ist richtig, dass eine Indogermanische Sprache von den R1b1b Männern aus Anatolien über den Donauraum und die Westhälfte von Europa verbreitet worden ist.

    Es ist aber auch richtig, dass eine weitere Indogermanische Sprache von den R1a1 Leuten ausgehend vom Schwarzen Meer in der Osthälfte von Europa bis an die Ostsee verbreitet worden ist.

    Hingegen waren die ersten Ackerbauern in Mitteleuropa die Bandkeramiker, die schon um 2000 Jahre früher im Donauraum siedelten. Diese hatten oft die männliche Y-DNA E1b1b, kamen aus der Levante und hatten mit großer Wahrscheinlichkeit keine Indogermanische Sprache.

    • tüpfelsumpfhuhn, vor 269 Tagen, 11 Stunden, 13 Minuten

      Danke dir für den Hinweis an dieser Stelle

  • Das hat zu wenig Sinn.

    tüpfelsumpfhuhn, vor 270 Tagen, 13 Stunden, 7 Minuten

    Die Vorstellung von umfassenden "Ursprachen" führt in die Irre.
    Zwar existiert unbestreitbarer Weise die tocharokeltische Sprachfamilie - so benannt nach dem östlichsten und westlichsten Mitglied ;) doch hat sich das gegen das früher geprägte "Indogermanisch" nicht durchsetzen können -, und vergleichbare Phänomene bei anderen Sprachgruppen lassen sich nachweisen.
    Aber vor der Einführung von Schriftsystemen waren Wörter noch nicht so stark genormte abstrakte Zeichen für Begriffe. Ihr Gebrauch war nur innerhalb kleiner Gruppen, die häufig untereinander kommunizierten, längerfristig ausreichend normiert. Das gilt sowohl für die Bedeutung als auch, und das ist "sprachgeschichtlich" sehr wichtig, für die Aussprache.
    International, und dabei handelte es sich in der Frühzeit um kleine Populationen von unterschiedlichsten Verwandtschaftsgraden, musste man sich schon immer mit Zeichen verständigen, mit Zeichensprache (von Nordamerika gut dokumentiert), mit normierten Keilschriftzeichen, oder mit unserem heutigen, auf Schrift basierten, System.
    Daraus folgt, eine für eine gewisse Zeit quasi stabile "Ursprache" irgendeiner Sprachen - Großfamilie kann gar nicht existiert haben. Beim Latein und der heutigen romanischen Gruppe liegt der Fall nunmal anders.
    Silben sind eh keine DNA-Sequenzen, es ist methodisch falsch, die analoge Rechenmethode zu benutzen.