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Schwangerschaftsbauch (8. Monat)

Hypothese: "Müttern geht die Energie aus"

Warum kommen Menschenkinder nach neun Monaten zur Welt? Weil sie sonst nicht mehr durch den Geburtskanal passen würden, lautete bisher die offizielle Erklärung. Eine US-Forscherin widerspricht: Die Energieversorgung sei der wahre Grund.

Schwangerschaft 28.08.2012

Die Geburt: Ein Dilemma

Im Vergleich zu den restlichen Primaten ist „Homo sapiens“ ein Modell mit Sonderausstattung. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Er hat ein großes Gehirn und bewegt sich auf zwei Beinen fort. Beides ist nicht nur äußerlich ungewöhnlich, es hat Anthropologen zufolge auch eine evolutionäre Kollision ausgelöst.

Denn ein großes Hirn passt nur in einen großen Kopf, der wiederum bei der Geburt einen starren Knochenring passieren muss. Andererseits ist das Becken nicht beliebig erweiterbar, weil das – so wurde zumindest bisher argumentiert – den zweibeinigen Gang beeinträchtigen könnte.

"Obstetrical dilemma" heißt dieser Widerspruch in der Fachliteratur. Dessen offizielle Lösung: Die Limitierung der Schwangerschaft auf neun Monate (respektive zehn, je nach Zählweise).

Sie soll laut Anthropologen verhindern, dass der Kopf von Babys zu groß wird, bewirkt allerdings auch, dass Menschenkinder im Vergleich zu anderen Primaten relativ unentwickelt auf die Welt kommen – und entsprechend umsorgt werden müssen.

Die Studie:

"Metabolic hypothesis for human altriciality" ist am 27.8. in den "PNAS" erschienen (sobald online).

"All diese faszinierenden Phänomene – Zweibeinigkeit, die schwierige Geburt, die weibliche Hüfte, große Gehirne und relativ hilflose Babys – werden traditionellerweise verknüpft", sagt Holly Dunsworth von der University of Rhode Island. "Die Theorie des 'obstetrical dilemma' wird seit Jahrzehnten in Anthropologie-Vorlesungen gelehrt. Doch als ich nach Belegen für diese These gesucht habe, fand ich keine."

"Breites Becken stört nicht"

Dunsworth und ihre Kollegen schickten im Rahmen einer Studie Frauen aufs Laufband und analysierten deren Bewegungen. Entgegen den Erwartungen fanden sie keinen Zusammenhang zwischen Beckenbreite und Beweglichkeit.

Eine gebärfreudige Statur ist der Untersuchung zufolge keineswegs hinderlich beim Gehen oder Laufen: "Unsere Studie widerlegt die Annahme, dass die Größe des Geburtskanals durch unsere Fortbewegung beschränkt wird", sagt Dunsworth. "Ein breites Becken zu haben bedeutet nicht, dass man nicht effizient gehen könnte."

"Es liegt am Stoffwechsel"

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", Di., 28.8., 13:55 Uhr.

Laut Dunsworth ist auch die Schwangerschaft beim Menschen keineswegs verkürzt. "Relativ zur Körpergröße ist die Schwangerschaft sogar ein wenig länger im Vergleich zu den anderen Primaten. Und Babys sind sogar ein bisschen größer als erwartet."

Dunsworth bietet in ihrer Studie eine alternative Erklärung für die Sonderstellung des Menschen an. Die Körpergröße ist laut bisherigen Forschungen von der Stoffwechselrate abhängig. Peter Ellison von der Harvard University und Herman Pontzer vom Hunter College in New York hatten schon früher Hinweise dafür gefunden, dass dieser Zusammenhang auch für das Timing der menschlichen Geburt verantwortlich sein könnte.

In der aktuellen, im Fachblatt "PNAS" publizierten Studie formulieren die beiden ihre Hypothese nun gemeinsam mit Dunsworth aus: "Die Geburt findet dann statt, wenn die Mutter nicht mehr ausreichend Energie in die Schwangerschaft und das Wachstum ihres Kindes investieren kann", erklärt Dunsworth. "Die Energie ist der entscheidende evolutionäre Faktor – nicht das Becken."

Daten zum Stoffwechsel schwangerer Frauen scheinen die Hypothese zu bestätigen. Die Geburt erfolgt demnach zu jenem Zeitpunkt, da die Mutter in die metabolische Gefahrenzone gerät. Der medizinische Hintergrund: Offenbar kann der weibliche Körper nicht beliebig viele Kalorien verbrennen, selbst wenn sie unbegrenzt zur Verfügung stünden.

Längere Schwangerschaft unmöglich

Dunworth zufolge könnte das auch erklären, warum menschliche Babys relativ hilflos geboren werden. Schimpansenkinder beginnen bereits mit einem Monat zu krabbeln, während Menschenkinder mehr als ein halbes Jahr dafür benötigen. Um den Entwicklungsstand der Schimpansen zu erreichen, bräuchte der Mensch – umgerechnet – eine 16 Monate dauernde Schwangerschaft. Und das sei, sagt Dunworth, energetisch unmöglich.

Ob sich die Fachkollegen dieser physiologischen Erklärung anschließen werden, ist freilich ungewiss. Für das Lexikon darf man jedenfalls den offiziellen Namen der Hypothese festhalten. Sie heißt "Energetics, gestation, and growth" - kurz: EGG.

Robert Czepel, science.ORF.at

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