Standort: science.ORF.at / Meldung: "Schimpansen ignorieren Diebstahl an Dritten"

Schimpanse, auf dem Rücken liegend.

Schimpansen ignorieren Diebstahl an Dritten

Menschen strafen einen Übeltäter, auch wenn sie nicht selbst von seiner Tat betroffen sind. Schimpansen legen laut Forschern dieses Verhalten nicht an den Tag. Denn einem der engsten lebenden Verwandten des Menschen ist es egal, wenn ein Artgenosse Opfer eines Diebstahls wird.

Verhaltensforschung 28.08.2012

Strafen, um Kooperation zu erhalten

Nach der evolutionären Anthropologie erfüllt die Bestrafung in menschlichen Gesellschaften den wichtigen Zweck, Kooperation zu erzwingen und Trittbrettfahrer und Betrüger in Schach zu halten. Trittbrettfahrer sind jene egoistischen Individuen, die nicht kooperieren oder sich die Leistung anderer zunutze machen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Die Bestrafung eines Normübertreters durch unbeteiligte Dritte gilt als besonders wichtig, um menschliche Kooperation zu erhalten.

Die Studie:

"No third-party punishment in chimpanzees" von Michael Tomasello et al. ist am 27.August in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie und seine Kollegen untersuchten, ob Schimpansen einen Diebstahl bestrafen würden, von dem sie selbst nicht betroffen waren. Dafür führten sie ein Experiment mit 13 Schimpansen (neun weiblich, vier männlich) vom Leipziger Wolfgang Köhler Primatenforschungszentrum durch.

Verwandtschaft macht keinen Unterschied

Die Wissenschaftler steckten die Schimpansen in drei Käfige. Ein Primat fungierte als Dieb und stahl Essen vom Opfer, während ein Dritter dabei zusah. Dieser hatte die Möglichkeit, den Dieb zu bestrafen, indem er eine Plattform kollabieren lassen konnte, um das Essen vom Dieb wegzuschlagen. Die Schimpansen machten aber davon keinen Gebrauch, sondern ließen den Dieb mit der Beute ungeschoren davonkommen. Selbst wenn das Opfer ein Verwandter war, straften sie den Übeltäter nicht, schreiben die Forscher in ihrer Studie.

Diebstahl eigenes Essens wird bestraft

Hingegen griffen die Schimpansen sehr wohl zur Selbstjustiz, wenn ihr eigenes Essen gestohlen wurde. Bei jenen Primaten, die dominant waren, geschah dies öfter, als bei den nicht dominanten.

Laut den Wissenschaftlern zeigt ihr Experiment, dass Schimpansen als unbeteiligte Dritte keine Normübertretung bestrafen. Offensichtlich ist dieses Verhalten evolutionär erst später aufgetreten. Wie es sich beim Menschen entwickelt hat, sei aber noch unklar, so die Forscher.

Schimpansen kooperieren seltener

Von Schimpansen ist bekannt, dass sie im Gegensatz zu Menschen seltener kooperieren. Max-Planck-Forscher aus Deutschland fanden etwa in einem Experiment mit Kleinkindern und Primaten heraus, dass Letztere komplexe Aufgaben weit weniger effektiv lösten, weil sie nicht zusammen arbeiteten. Dafür ist erwiesen, dass Schimpansen selbstlos helfen. Max-Planck-Wissenschaftler um Felix Warneken beobachteten Primaten, wie sie Artgenossen und Menschen halfen, einen entfernt liegenden Gegenstand zu erreichen, ohne dafür selbst belohnt zu werden.

David Donnerer, science.ORF.at

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Forum

 
  • wenn jetzt noch verstanden würde,

    xx13, vor 271 Tagen, 1 Stunde, 23 Minuten

    dass man tieren (und ein tier selbst) nicht(s) stehlen kann, da es das abstrakte konzept des besitzes und daher auch den straftatbestand stehlen nicht kennt, dann kann man diese art der verhaltensforschung langsam mal ernst nehmen.

    darum heißt diese disziplin auch VERHALTENSforschung, weil wenn es um 'stehlen', 'gewissen' oder 'fairness' ginge, dann würde sie HANDLUNGSforschung heißen müssen...

    • Besitz

      karl273, vor 270 Tagen, 4 Stunden, 2 Minuten

      Das abstrakte Konzept des Besitzes bemerkt man sofort, wenn man einem hungrigen Löwen sein Futter wegzunehmen versucht.

    • eben nicht!

      xx13, vor 270 Tagen, 2 Stunden, 54 Minuten

      hier ist eben kein abstraktum beteiligt, sondern der krude instinkt fressen gegen andere zu verteidigen, solange bis man satt ist, oder der instinkt es gebietet...

      sieh dir mal die definition 'besitz' auf wikipedia an, und erkläre mir inwieweit das fressen des löwen mit diesem konzept zusammenpaßt...

      http://de.wikipedia.org/wiki/Besitz

    • *g*

      tüpfelsumpfhuhn, vor 270 Tagen, 1 Stunde, 14 Minuten

      aber karl273 lebt lieber als Gazelle! Dies fällt unter menschliche Meinungsfreiheit, gegen welche ich nicht anmissionieren will. Wie Gazellen allerdings per Strafgesetzbuch Löwen abschrecken sollen, ist wiederum mir nicht klar.
      Es ist das alles zu hoch :(

    • Abstrakt

      karl273, vor 269 Tagen, 21 Stunden, 16 Minuten

      Das Futter des Löwen, seine Umgebung, und seine aggressiven Reaktionen spielen sich in der physikalischen Aussenwelt ab.

      Im Gehirn des Löwen gibt es eine abstrakte Beschreibung des Futters, seiner Umgebung, seiner Zielsetzungen, und eine Anzahl von abstrakten Beschreibungen verschiedener Verhaltensweisen.

      Alle Vorgänge, die von Gehirnen gesteuert werden, funktionieren nur durch abstrakte Beschreibungen der physikalischen Aussenwelt, denn die physikalische Aussenwelt selbst ist viel zu gross und viel zu kompliziert, um in ein Gehirn hinein zu passen.

      Die abstrakten Beschreibungen der physikalischen Aussenwelt sind zwar auch selbst physikalische Vorgänge, aber sie sind stark vereinfacht und stark verkleinert, so dass sie in ein Gehirn hinein passen.