
Schimpansen ignorieren Diebstahl an Dritten
Strafen, um Kooperation zu erhalten
Nach der evolutionären Anthropologie erfüllt die Bestrafung in menschlichen Gesellschaften den wichtigen Zweck, Kooperation zu erzwingen und Trittbrettfahrer und Betrüger in Schach zu halten. Trittbrettfahrer sind jene egoistischen Individuen, die nicht kooperieren oder sich die Leistung anderer zunutze machen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Die Bestrafung eines Normübertreters durch unbeteiligte Dritte gilt als besonders wichtig, um menschliche Kooperation zu erhalten.
Die Studie:
"No third-party punishment in chimpanzees" von Michael Tomasello et al. ist am 27.August in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.
Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie und seine Kollegen untersuchten, ob Schimpansen einen Diebstahl bestrafen würden, von dem sie selbst nicht betroffen waren. Dafür führten sie ein Experiment mit 13 Schimpansen (neun weiblich, vier männlich) vom Leipziger Wolfgang Köhler Primatenforschungszentrum durch.
Verwandtschaft macht keinen Unterschied
Die Wissenschaftler steckten die Schimpansen in drei Käfige. Ein Primat fungierte als Dieb und stahl Essen vom Opfer, während ein Dritter dabei zusah. Dieser hatte die Möglichkeit, den Dieb zu bestrafen, indem er eine Plattform kollabieren lassen konnte, um das Essen vom Dieb wegzuschlagen. Die Schimpansen machten aber davon keinen Gebrauch, sondern ließen den Dieb mit der Beute ungeschoren davonkommen. Selbst wenn das Opfer ein Verwandter war, straften sie den Übeltäter nicht, schreiben die Forscher in ihrer Studie.
Diebstahl eigenes Essens wird bestraft
Hingegen griffen die Schimpansen sehr wohl zur Selbstjustiz, wenn ihr eigenes Essen gestohlen wurde. Bei jenen Primaten, die dominant waren, geschah dies öfter, als bei den nicht dominanten.
Laut den Wissenschaftlern zeigt ihr Experiment, dass Schimpansen als unbeteiligte Dritte keine Normübertretung bestrafen. Offensichtlich ist dieses Verhalten evolutionär erst später aufgetreten. Wie es sich beim Menschen entwickelt hat, sei aber noch unklar, so die Forscher.
Schimpansen kooperieren seltener
Von Schimpansen ist bekannt, dass sie im Gegensatz zu Menschen seltener kooperieren. Max-Planck-Forscher aus Deutschland fanden etwa in einem Experiment mit Kleinkindern und Primaten heraus, dass Letztere komplexe Aufgaben weit weniger effektiv lösten, weil sie nicht zusammen arbeiteten. Dafür ist erwiesen, dass Schimpansen selbstlos helfen. Max-Planck-Wissenschaftler um Felix Warneken beobachteten Primaten, wie sie Artgenossen und Menschen halfen, einen entfernt liegenden Gegenstand zu erreichen, ohne dafür selbst belohnt zu werden.
David Donnerer, science.ORF.at


