
Der tödliche Mut der Hirsche
Scheue Exemplare hingegen, die sich eher verstecken und langsamer durch die Gegend traben, haben eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, der Flinte der Jäger zu entgehen, berichten kanadische Biologen in einer aktuellen Studie.
Die Studie:
"Human selection of elk behavioural traits in a landscape of fear"von Simone Ciuti und Kollegen ist am 4.9 in der Fachzeitschrift "Biological Sciences" der britischen Royal Society erschienen.
Dass manche Tiere sich schneller bewegen und häufiger durch offene Landstriche ziehen statt sich zu verstecken, liege an Persönlichkeitsmerkmalen, die aus Erfahrungen der Vergangenheit resultieren, schreibt das Team um Simone Ciuti von der Universität von Alberta.
Mutige Läufer - scheue Verstecker
Um zu überprüfen, welche Eigenschaften heute riskant sind und welche eher überlebensfähig machen, verpassten die Forscher 122 Rothirschen (Cervus elaphus) im kanadischen Teil der Rocky Mountains Sender und beobachteten die Tiere von Jänner 2007 bis Dezember 2011.

Von den 45 zweijährigen Männchen wurden in diesem Zeitraum 15 erschossen. "Männliche Rothirsche, die erfolgreich gejagt wurden, hatten auf die Jäger reagiert, indem sie sich schneller fortbewegten als die überlebenden Hirsche", schreiben die Biologen. Sie nannten diese Tiere "mutige Läufer" ("bold runners") - im Gegensatz zu den "scheuen Versteckern" ("shy hiders").
Erstere zeigten ein deutlich riskanteres Verhalten, sie begannen sich speziell überall dort schneller zu bewegen, wo es ein mögliches Aufeinandertreffen mit Menschen geben könnte, also in der Nähe von Straßen und in flacherem Gelände, und dies vor allem am Wochenende. Ihre schüchternen Artgenossen hingegen vermieden offene Terrains und bewegten sich insgesamt vorsichtiger.
Im Alter durchaus lernfähig
Die "mutigen Läufer" haben vor ihrem Tod durchschnittlich rund 329 Meter in zwei Stunden zurückgelegt, die überlebenden Hirsche nur rund 293 Meter. Als Ursache für diese unterschiedlichen Verhaltensmuster sehen die Forscher die Persönlichkeit der Tiere: Sie zeigten die verschiedenen Bewegungsraten nämlich nicht erst mit Beginn der Jagdsaison, sondern bereits zuvor.
Von den 77 weiblichen Rothirschen zwischen zwei und 19 Jahren wurden im Untersuchungszeitraum zehn von Jägern erschossen. Auch ihnen wurde eher "mutige" Persönlichkeitsmerkmale zum Verhängnis, allerdingst waren diese weniger stark ausgeprägt als bei den Männchen. Wahrscheinlich hätten sie im Laufe der Zeit dazugelernt, vermuten die Wissenschaftler.
Unter den weniger erfahrenen Weibchen zwischen zwei und neun Jahren waren - wie bei den Männchen - die kühnen Tiere erlegt worden. Ältere und erfahrenere Hirschkühe zwischen zehn und 19 Jahren hingegen senkten ihre Auffindbarkeit, indem sie langsamer liefen und offene Gegenden vermieden. Sie alle überlebten die Jagdsaison.
Insgesamt, so betonen die Forscher, sei die Rolle, die die menschliche Jagd bei der Selektion von tierischem Verhalten spielt, bisher eher unterschätzt worden. Die vergleichsweise junge Technologie der Schusswaffen würde die Tiere vor einen neuen Selektionsdruck stellen, auf den sie in evolutionären Zeiträumen gemessen noch nicht reagieren konnten.
Lukas Wieselberg, science.ORF.at/dpa
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