
Eine Formel für wissenschaftlichen Erfolg
Berechenbare Karriere?
Die Messung wissenschaftlichen Erfolgs ist nicht ganz einfach. Dennoch versucht man, mit unterschiedlichen Methoden die Leistung von Forschern zahlenmäßig zu erfassen. Als Berechnungsbasis dienen in der Regel die Anzahl der Veröffentlichungen oder ihre Zitationen.
Comment in "Nature":
"Predicting scienctific success" von Konrad P. Kording et al.
Eine relative neue Maßzahl ist der sogenannte h-Index oder Hirschfaktor, der 2005 vom argentinischen Physiker Jorge E. Hirsch entwickelt wurde. Im Unterschied zu anderen Indizes werden dabei Zitierung und Publikationen verknüpft, laut Konrad P. Kording von der Northwestern University ein Vorteil gegenüber anderen Zählweisen - auch wenn der echte Wert bzw. die Qualität der Forschungsarbeit damit genauso wenig vollständig erfasst werden kann. Mehr könne Statistik eben einfach nicht leisten.
Vereinfacht ausgedrückt hat ein Forscher einen h-Index von n, wenn er n Artikel veröffentlicht hat und jeder mindestens n-mal zitiert wurde. Bei vier Veröffentlichungen, die jeweils vier Mal zitiert wurden, ergibt sich also ein Index von vier. Einstein, Darwin und Feynman haben beispielsweise einen h-Index von 96, 63 bzw. 53. Laut Hirsch hätte etwa ein Physiker mit einem h-Index von 12 gute Aussichten auf eine Karriere an einer einflussreichen Universität.
Fünf Parameter
Der Hirschfaktor und vergleichbare Metriken können laut Kording aber immer nur die Vergangenheit erfassen, Prognosen für zukünftige Entwicklungen liefern sie keine. Das soll nun die neue, von Kordings Team entwickelte Formel leisten. Erstellt wurde sie auf der Datenbasis von mehr als 3.200 Neurowissenschaftlern, Fruchtfliegen- und Evolutionsforschern. Die Analyse ergab, dass insgesamt fünf Parameter für den zukünftigen h-Index ausschlaggebend sind: Der derzeitige h-Index, die Anzahl aller publizierten Artikel, die Jahre seit der ersten Publikation, die Anzahl der Publikationen in unterschiedlichen Journals und die Anzahl der Veröffentlichungen in sogenannten Top-Journalen wie Science oder Nature, wobei der Einfluss des ursprünglichen h-Indexes im Lauf der Jahre zugunsten der anderen Parameter abnimmt.

Für einen Forscher aus einer der herangezogenen Disziplinen, dessen erste Publikation fünf bis 15 Jahre zurückliegt, lassen sich Kording zufolge damit relativ verlässliche Werte für die nächsten zehn Jahre berechnen. Die Gültigkeit für andere Fachbereiche wurde nicht überprüft. Der Einfluss der verschiedenen Faktoren ließe sich leicht erklären: Forscher, die schon in jungen Jahren produktiv sind, bleiben das meist. Publiziert man in unterschiedlichen Journalen, wird man vermutlich auch von unterschiedlichen Forschungsgruppen gelesen und in der Folge häufiger zitiert. Und die Veröffentlichung in Top-Journale bringt generell viel Aufmerksamkeit.
Unzulängliche Bewertung
Den Forschern zufolge könnte die Formel für junge Wissenschaftler auch tröstlich sein, denn sie zeige, dass die Zukunft gar nicht so zufällig ist, wie man häufig meint. Aber wollen Jungforscher überhaupt wissen, wie sich ihre Karriere - zumindest statistisch - entwickeln wird? Eine Nachfrage bei wissenschaftlichen Institutionen, wie etwa dem IMBA (Institut of Molecular Biology), legt das Gegenteil nahe.
Keiner der kontaktierten jungen Wissenschaftler wollte die Formel mit seinen individuellen Parametern füllen, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Sie glauben nicht an derartige Zahlenspiele, zudem seien wissenschaftliche Karrieren von so vielen anderen Faktoren, nicht zuletzt privaten, abhängig. Auch wenn es im Moment noch gut läuft, könnten äußere Umstände dazu führen, dass der Erfolg in zwei Jahren plötzlich abreißt. Hinzu kommt eine generelle Skepsis gegenüber derartigen Bewertungsmethoden. Für die Zukunft könne das schon gar nicht funktionieren. Denn Qualität der Arbeit lasse sich ohnehin erst im Nachhinein beurteilen, nämlich dann, wenn andere davon profitiert haben.
Wenn schon nicht für die Forscher selbst, könnte der Zukunftsrechner doch für andere interessant sein, nämlich für potenzielle Arbeit- bzw. Geldgeber. Aber auch der FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) winkt auf Anfrage von science.ORF.at ab: "Die Bewertung von Einzelpersonen auf Basis einzelner quantifizierbarer Indikatoren halten wir nicht für sinnvoll", erklärt Stefan Bernhardt. Das werde weder der inhaltlichen Komplexität noch den Personen gerecht. Beurteilungen enthalten sehr viele Unwägbarkeiten und Indikatorensysteme liefern bestenfalls Scheinsicherheit. Der FWF verlässt sich lieber auf qualitative Bewertung durch geeignete Gutachter.
Eva Obermüller, science.ORF.at


