
Fettsucht: Ein Immunproblem?
Falsche Ernährung und mangelnde Bewegung, das haben Forscher bis dato als die zwei Hauptursachen der um sich greifenden "Fettsucht-Epidemie" (Zitat WHO) angesehen. Womöglich hat man einen gewichtigen Spieler übersehen. Wie Lydia Lynch im Fachblatt "Immunity" schreibt, wird man Fettsucht künftig stärker als Problem des Immunsystems betrachten müssen.
Die Studie:
"Adipose Tissue Invariant NKT Cells Protect against Diet-Induced Obesity and Metabolic Disorder through Regulatory Cytokine Production" von Lydia Lynch und Kollegen ist am 13.9. in der Fachzeitschrift "Immunity" erschienen.
Ö1-Sendungshinweis:
Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 14.9., 13:55 Uhr.
Begonnen hat alles im Jahr 2007, als Lynch am St. Vincent's University Hospital in Dublin stark übergewichtige Patienten untersuchte. "Wir wussten, dass fettleibige Menschen nicht nur öfter Herzinfarkte erleiden und Diabetes 2 entwickeln. Wir wussten auch, dass sie häufiger Entzündungen haben als schlanke Menschen."
Zu wenige Killerzellen
Blutproben führten Lynch auf die richtige Spur. Die Patienten produzierten offenbar weniger Killerzellen namens iNKT. Das sind Immunzellen, die normalerweise gegen Virus-befallene Zellen aktiv werden, aber auch Tumoren vernichten, sobald sie auf der Bildfläche erscheinen. Dass die körpereigenen Defensivkräfte eine wichtige Rolle spielen könnten, zeigte noch ein zweiter Befund: Bei Patienten, die durch eine Magenverkleinerung abgenommen hatten, flottierten plötzlich wieder mehr von den iNKT-Zellen im Blut.
Um den Verdacht zu erhärten, führte Lynch mit ihren Kollegen Tierversuche durch. Sie entfernte Mäusen die entsprechenden NKT-Gene aus dem Erbgut und setzte sie auf eine fettreiche Diät. "Die Diät führte bei allen Mäusen zu Übergewicht", erzählt Lynch. "Aber bei den Knock-out-Mäusen war der Effekt bedeutend stärker: Sie waren um 30 Prozent fetter als Tiere aus der Kontrollgruppe und entwickelten auch sehr schnell Diabetes, nämlich innerhalb von nur sechs Wochen."
Ähnliches galt für andere Begleiterscheinungen der rapiden Gewichtszunahme: Die genetisch veränderten Versuchstiere entwickelten eine Fettleber, hatten mehr Triglyceride im Blut und nicht zuletzt auch größere Fettzellen als ihre Artgenossen. Gleichwohl ließ sich dieser Effekt umkehren. Nachdem Lynch den Tieren iNKT-Zellen injiziert hatte, nahmen sie trotz der Fettdiät wieder ab. Das Diabetes-Problem verschwand, Entzündungsherde bildeten sich zurück, Fettzellen schrumpften und die Blutwerte normalisierten sich wieder.
Therapie wirkt bei Mäusen
Warum es einen Konnex zwischen Fettgewebe und Entzündungen gibt, erklärt Lynch so: "Ein Überangebot an Lipiden erzeugt größere und gestresste Fettzellen, die im Gegenzug entzündungsfördernde Stoffe wie Adipokine und Cytokine erzeugen. Diese Proteine erzeugen eine Immunantwort, die wiederum zur Insulinresistenz führt."
iNKT-Zellen unterbinden diese Kausalkette offenbar - ein möglicher Ansatz für neue Therapien? Lynch zufolge ist das nicht unrealistisch. Sie glaubt, dass Therapien am ehesten indirekt Erfolg haben könnten. Die Substanz aGC ("Alpha-Galaktosylceramid") wäre ein Kandidat. Sie aktiviert iNKT-Zellen und macht fette Mäuse, wie Versuche zeigen, wieder schlank.
"aGC wurde bereits in klinischen Studien zur Behandlung von diversen Krebsarten getestet", sagt Lynch. "Die Substanz war sicher und erzeugte wenige Nebeneffekte."
Robert Czepel, science.ORF.at
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