
Qualität wichtiger als Quote?
Fernsehen, Radio, Tageszeitungen oder Internet? Politiker wollen, dass ihre Anliegen gehört, gesehen und gelesen werden. Der Politikwissenschaftler Jens Tenscher hat nun untersucht, welche Medien österreichische Abgeordnete wichtig finden. Seiner Studie zur Folge wollen Politiker ihre Statements lieber in Qualitätszeitungen lesen als in der Kronen Zeitung.
Die Studie:
"Nur ZiB und Krone? Medienorientierungen österreichischer Abgeordneter" von Jens Tenscher erscheint in Heft 3/2012 der "SWS-Rundschau".
Nationalratsabgeordnete wollen ins Fernsehen
Die Kernfrage der Studie von Jens Tenscher, Senior Scientist am Zentrum Sozialwissenschaften der Österreichische Akademie der Wissenschaften, lautet: In welchen Medien wollen österreichischen Politiker präsent sein? Dazu hat er die Ansichten österreichischer Nationalrats- und Landtagsabgeordneter per Online-Befragung untersucht. Alle politischen Parteien waren vertreten. An der Umfrage beteiligte sich rund ein Viertel der 183 Nationalratsabgeordneten und fast ein Drittel der 448 Landtagsabgeordneten.
Für die Nationalratsabgeordneten scheint es am wichtigsten zu sein, ihre Anliegen im Fernsehen vortragen zu können. Die Zeit im Bild liegt für sie an erster Stelle, gefolgt von den politischen Interview- und Diskussionssendungen des Landes. Landtagsabgeordnete favorisieren dagegen regionale und lokale Zeitungen sowie Magazine. An zweiter Stelle folgen die ORF Radios.
In der Untersuchung wurde 16 Kategorien abgefragt. Ein überraschendes Ergebnis ist, dass die Nationalratsabgeordneten die Kronen Zeitung nur auf Platz zwölf sehen. Die Landtagsabgeordneten sehen das Boulevardblatt nicht ganz so weit hinten. Von den Medien, in denen sie präsent sein möchte, liegt die Krone auf Platz sieben, hinter Qualitätszeitungen und sozialen Netzwerken im Internet.
Qualität vor Boulevard
Ö1 Sendungshinweis:
Journal-Panorama, 19. 9., 18:25-18:55 Uhr: Die Runde der Chefredakteure/innen zum Thema " Die Qual der Wahl"
Warum die auflagen- und leserstärkste Zeitung Österreichs in die hinteren Ränge verwiesen wird, kann die Studie letztlich nicht beantworten. Eine mögliche Erklärung für Tenscher: Das Boulevardblatt gilt als wichtiger innenpolitischer Einflussfaktor. Es könnte sein, dass sich die österreichischen Politiker vor einer negativen Berichterstattung in der Kronen Zeitung fürchten. Diese Angst wollen sie offensichtlich mit Geringschätzung kompensieren.
Ein weiterer Grund könnte "soziale Erwünschtheit" sein. Der Großteil der Politiker will wohl nicht mit dem Boulevard in Verbindung gebracht werden. Das könnte auch das gute Ergebnis für die Qualitätszeitungen Österreichs erklären. Diese rangieren für Nationalratsabgeordnete, gemeinsam mit den Radioprogrammen des ORF, an vierter Stelle.
Mehr Kontrolle im Netz
Ein weiteres überraschendes Ergebnis betrifft soziale Netzwerke im Internet. Aus Sicht der Nationalratsabgeordneten liegen Facebook und Co. an siebter Stelle in der medialen Selbstdarstellung, vor Krone, Kurier oder Österreich. Bei persönliche Web-Auftritten können Politiker die Inhalte selbst bestimmen. Sie haben anders als in den klassischen Massenmedien, die alleinige Kontrolle über ihre Selbstdarstellung.
Aus Sicht der Politiker haben sich die Herausforderungen ihres Berufes vor allem in Hinsicht auf die Medien gewandelt. Als stärkste Veränderung wird der wachsende Druck zur öffentlichen Präsenz empfunden. An zweiter Stelle finden sich die gewachsenen Erwartungen der Wähler an die Politiker und an dritter Stelle der größere Stellenwert der Kommunikation mit Massenmedien und einzelnen Journalisten.
Viele Kanäle für verschiedene Medientypen
Im Rahmen seiner Untersuchung hat Jens Tenscher auch sechs verschiedene Medientypen unter den österreichischen Politikern identifiziert: die Allrounder, die gemäßigten Allrounder, die Geringschätzer, die Rundfunkfixierten, die Printverweigerer und die Boulevardvermeider. Das jeweilige "Medienmenü" der Politiker wird entsprechend der Vorlieben zusammengestellt. Die meisten Volksvertreter finden sich unter den gemäßigten Allroundern. Diese 30 Prozent finden alle Medien wichtig, ihr mediales Interesse hält sich insgesamt aber in Grenzen.
Alter, Geschlecht, die mediale Strategie der Partei sowie die Position der Politiker beeinflussen die jeweilige Medienorientierung. Dabei ist nicht überraschend, dass vor allem jüngere Abgeordnete stärker zu Online-Kommunikation tendieren, als ältere. Nationalratsabgeordnete orientieren sich vermehrt an Qualitätsmedien und Landtagsabgeordnete an regionalen Kommunikationskanälen. Jens Tenscher sieht in der Studie einen Ausgangspunkt für weitere Forschungen. In Zukunft soll das Medienverhalten österreichischer Politiker mit anderen Ländern verglichen werden.
Marlene Nowotny, science.ORF.at


