
Experiment: Jeder Zweite ist ein Wendehals
Ein bisschen perfid ist die Versuchsanordnung schon, die Lars Hall von der Universität Lund entwickelt hat. Man drücke einem Passanten ein Clipboard in die Hand, und lasse ihn einen zwei Seiten langen Fragebogen zu seinen moralischen Überzeugungen ausfüllen. Darunter Ja-Nein-Fragen zur Überwachung von Internet und Email, zur Prostitution oder zum Israel-Palästina-Konflikt. Das Brett ist allerdings so konstruiert, dass sich beim Umblättern die vorgedruckten Statements von Seite eins lösen und darauf nun die gegenteiligen Aussagen zu sehen sind (siehe Video).
Die Studie
"Lifting the Veil of Morality: Choice Blindness and Attitude Reversals on a Self-Transforming Survey", PLoS One (7(9): e45457; doi: 10.1371/journal.pone.0045457).
160 Mal wandte Hall diesen Trick an - und forderte danach die Probanden auf, ihre Statements zu überprüfen und zu begründen. Rund zwei Drittel der Teilnehmer entdeckten zumindest eine der inhaltlichen 180-Grad-Drehungen im Text nicht. Wirklich bemerkenswert aber ist: 53 Prozent begannen tatsächlich für die neue Position zu argumentieren - verteidigten also das Gegenteil dessen, was sie noch Sekunden zuvor vertreten hatten.
Das Phänomen ist nicht neu: "Choice blindness" bzw. "Wahlblindheit" heißt diese offensichtliche Unaufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Standpunkt. Hall hat das Phänomen ursprünglich bei ästhetischen Entscheidungen (Testfrage: "Welches der beiden Gesichter ist attraktiver?") entdeckt, später nachgewiesen, dass der Trick überdies bei Geruchs- und Geschmackseindrücken funktioniert. Wie er vor zwei Jahren im Fachblatt "Cognition" berichtete, bemerken etwa 50 Prozent der Menschen nicht, wenn sie statt der zuvor gewählten Apfel-Zimt-Marmelade nun bittere Grapefruit-Marmelade essen.
Ebenfalls bitter ist die Tatsache, dass das offenbar auch für argumentativ begründbare, moralische Urteile gilt. Hall zufolge lässt dieses Ergebnis Zweifel an der Validität von Umfragen aufkommen. Ein Schelm, wer nun auch an die politische Praxis denkt. Wie soll einst ein deutscher Bundeskanzler bekannt haben? "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!"
Robert Czepel, science.ORF.at
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