
Historiker Eric Hobsbawm ist tot
Sein Leben lang verband er auch Politik und Geschichtswissenschaft: "Der Historiker muss genau unterschieden zwischen seiner Funktion als Wissenschaftler und als politisch Aktiver, das bedeutet aber nicht, dass er gänzlich parteilos, sozusagen frei schwebende Intelligenz ist. Das kann er nicht sein", sagte er 2008 im Gespräch mit der APA.
Nach Angaben seiner Tochter Julia starb Hobsbawm an einer Lungenentzündung. "Es ist ein großer Verlust nicht nur für seine Witwe Marlene, die 50 Jahre lang mit ihm verheiratet war, und seine drei Kinder, sieben Enkel und Urenkel, sondern auch für Tausende Leser und Studenten auf der ganzen Welt", hieß es in einem von der Familie veröffentlichten Statement.
Wurzeln in Wien
Ö1 Sendungshinweis:
Donnerstag, 4.10.2012, 21.00 Uhr: Im Gespräch: "Das 20. Jahrhundert - das Zeitalter der Extreme". Helene Maimann spricht mit Eric Hobsbawm.
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Hobsbawm wurde am 9. Juni 1917 in Alexandria in Ägypten als Sohn eines jüdischen Ehepaars geboren. Seine Schulzeit verbrachte er im Wien der Zwischenkriegszeit. 1931 ging er nach Berlin, von wo er 1933 er vor den Nazis fliehen musste. Seitdem lebte er in London. Nach dem Studium der Geschichte an der University of Cambridge nahm er 1947 seine Lehrtätigkeit am Birkbeck College an der Universität London auf.
Von 1971 bis zur Emeritierung 1982 hatte er eine Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Uni London inne. 1984 erhielt er einen Lehrstuhl an der New School of Social Research in New York. Gastprofessuren führten ihn an die Stanford University, das Massachusetts Institute of Technology, die Cornell University, die New School for Social Research in New York, die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, das College de France und an die Unversidad Nacional Autonoma in Mexiko.
Die wichtigsten Bücher
Als Autor wichtiger wissenschaftlicher Publikationen hat Hobsbawm Standardwerke geschaffen. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Sozialrebellen" (1962), "Europäische Revolution 1789 - 1848" (1962), "Revolution und Revolte" (1977), "Die Blütezeit des Kapitals 1848-1875" (1977), "Das imperiale Zeitalter 1875 - 1914" (1989), "Nationen und Nationalismus" (1991), "Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts" (1995), "Das Gesicht des 21. Jahrhunderts" (2000). Erst vor kurzem erschien seine Aufsatzsammlung "Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus".
Im Mittelpunkt seiner Bücher stehen Unterdrückte, Unterprivilegierte und Schwache - Arbeiter, Landarbeiter, Rebellen, Widerstandskämpfer - und deren Weg der Emanzipation. Hobsbawm war eines der bekanntesten Mitglieder der Kommunistischen Partei Großbritanniens und seit seiner Jugend überzeugter Marxist.
Zahlreiche Ehrungen
Hobsbawm erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, unter anderem den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 1997, den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 1999 und den Ernst-Bloch-Preis 2000 und die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold (2003) sowie den Bochumer Historikerpreis 2008. Hobsbawms Verbundenheit mit Österreich und Wien drückte sich in regelmäßigen Besuchen aus - sei es als Teilnehmer internationaler Tagungen, sei es als Gast bei den "Wiener Vorlesungen" - und durch Kontakte zu österreichischen und Wiener Zeithistorikern.
Auch von offizieller Seite wurde Hobsbawm in Wien geehrt: 2008 wurde er Ehrendoktor der Universität Wien, und die Stadt Wien ernannte ihn zum Ehrenbürger. Gegenüber das APA sagte er in einem Interview anlässlich dieser Verleihung, Wien habe ihn vor allem kulturell geprägt: "Ich bin als Kind zu 'Wilhelm Tell' ins Theater gegangen, aber auch zu 'Einen Jux will er sich machen' oder zu Ferdinand Raimund. Meine Mutter hat sich 'Die letzten Tage der Menschheit' gekauft, sobald sie erschienen waren, die hab ich sofort gelesen. Da muss schon etwas davon hängengeblieben sein."
science.ORF.at/APA
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