
Kranke Ärzte "dürfen nicht sein"
Max Henderson vom Kings College in London und Kollegen fordern deshalb Änderungen in der Ausbildung, um das Bild des "unbesiegbaren Arztes" zu schwächen und Krankheit auch in der Profession Medizin zuzulassen.
Die Studie:
"Shame! Self-stigmatisation as an obstacle to sick doctors returning to work" ist am 15. Oktober 2012 im "British Medical Journal" erschienen (DOI:10.1136/bmjopen-2012-001776).
Ein Arzt geht nicht zum Arzt
Es sind dramatische Fälle wie jener von Daksha Emson, die den Psychiater Max Henderson auf die Idee zu ihrer Studie brachten. Die angehende Psychologin litt selbst unter einer bipolaren Persönlichkeitsstörung und beging Selbstmord aus der Angst, dass ihre Krankheit - so sie bekannt würde - eine Berufsausübung verhindern würde.
Ärzte sind von psychischen Erkrankungen, Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie Selbstmordgedanken nicht weniger als andere Berufsgruppen betroffen - eher im Gegenteil. Gleichzeitig haben aber schon frühere Studien gezeigt, dass kranke Ärzte große Hemmungen haben, Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch zu nehmen. Diffuse Ängste, dass dadurch die eigene Kompetenz in Frage gestellt werde, wurden von Betroffenen formuliert.
Krankheit mindert "Wert"
Österreich: 54 Prozent Burnout
Vergleichszahlen zu Österreich gibt es keine, erklärt die Österreichische Ärztekammer auf Anfrage. Außerdem sei es aufgrund der geringen Fallzahl in der britischen Studie schwierig, Rückschlüsse auf den Berufsstand generell zu ziehen. Dass Ärzte auch in Österreich unter gesundheitlichen Problemen leiden, zeigte aber eine 2011 veröffentlichte Studie, für die die Uni Graz 6.000 Ärzte befragte. Damals gaben 54 Prozent an, an Burnout zu leiden.
Henderson und seine Kollegen wollten mit ihrer Studie herausfinden, wie es Ärzten geht, die eine mindestens sechsmonatige, krankheitsbedingte Auszeit nehmen mussten. Über Partnerorganisationen - unter anderem das speziell kranke Mediziner ansprechende Practitioner Health Programme - kamen die Forscher zu 77 Kontaktpersonen, von denen 19 sich zu einem teilstrukturierten Tiefeninterview bereit erklärten. Beinahe alle Interviewpartner litten unter psychischen Problemen bzw. Suchtverhalten, einige davon in Kombination mit einem körperlichen Gebrechen. Die übrigen verweigerten trotz zugesicherter Anonymität eine Teilnahme an der Studie aus Angst, dass ihre gesundheitlichen Probleme an die Öffentlichkeit gelangen könnten - auch ein Hinweis darauf, dass Ärzte mit angeknackster Gesundheit einfach "nicht sein dürfen".
Im Zentrum der Gespräche standen die Erfahrungen der kranken Ärzte mit ihrer - privaten und beruflichen - Umgebung sowie ihre Selbstsicht. Zur Familie befragt machten die Interviewpartner sehr unterschiedliche Angaben: Manche berichteten von großer Unterstützung und tiefem Verständnis, andere von Ablehnung (besonders, wenn der Partner selbst Arzt war) und Verschweigen.
Eindeutiger waren da schon die Reaktionen im Job: "Man wird als schwach wahrgenommen. Als meine Chefin erfahren hat, dass ich zur Psychotherapie gehe, meinte sie nur: 'Du wirst es wohl nötig haben.' Von da an war ich nur mehr ein minderwertiger Mitarbeiter", zitieren die Wissenschaftler einen Interviewpartner in ihrer Studie. Auch körperliche Beeinträchtigungen werden in erster Linie als Störfaktor gesehen, der den Ablauf in einer medizinischen Einrichtung stören.
Unbesiegbar oder nutzlos
Das Feedback der Umgebung aber noch übertroffen hat die Selbsteinschätzung der kranken Ärzte. Denn mit der Gesundheit ging in vielen Fällen auch der Selbstwert verloren. Die befragten Personen hatten das Gefühl, zu nichts mehr nutze, Versager zu sein. Diese Einschätzung ist laut Studienautoren eng mit den Umständen von Medizin als Beruf verknüpft.
Ausbildung und Arbeit als Arzt sind meist so zeitintensiv, dass für ein Leben abseits des Berufs kaum Zeit bleibt. Fällt dann der Job weg, bleibt, wie ein Interviewpartner es ausgedrückte, "fast nichts mehr übrig". Die betroffenen Ärzte verloren durch die Krankheit die Achtung vor sich selbst, nahmen sich als Versager wahr.
In dieser Selbsteinschätzung spiegle sich die gesellschaftliche Haltung gegenüber Ärzten, meinen die Forscher: Krankheit sei nur etwas für Patienten, Ärzte seien 'unbesiegbar' - dieses Bild gelte es aufrecht zu erhalten, sowohl in den medizinischen Einrichtungen als auch als einzelner Arzt bzw. einzelne Ärztin. An diesem Bild der Unverwundbarkeit halten Ärzte offenbar eiserner fest als die Öffentlichkeit, schließlich sind besonders psychische Erkrankungen in diesem Kreis noch stigmatisierter als in anderen Berufsgruppen. Es brauche eben Härte und Klarheit, um im Klinikalltag mithalten zu können, so die Einstellung. Wer diese Eigenschaften nicht hat, passe auch nicht in das System.
"Makel der Verwundbarkeit"
Diese Haltung führe dazu, dass Ärzte auch nach ihrer Genesung kaum an die alte Arbeitsstelle zurückkehren können. Ihnen hafte der "Makel des Verwundbaren" an, und davor möchte man die eigene Einrichtung schützen.
Dabei wäre es wichtig, dass genesene Mediziner wieder ihre Arbeit aufnehmen und ihre Erfahrungen mit dem Nachwuchs teilen, schreiben Max Henderson und Kollegen. Nur so könnte der Teufelskreis aus Verleugnung und Ausschluss durchbrochen werden.
Sie plädieren auch für die Integration des Themas in die Ausbildung, besonders Fragen der mentalen Gesundheit sollten direkt angesprochen werden. Denn eines müssten Ärzte noch lernen, so die Forscher: Für sich selbst genauso gut zu sorgen wie für die Patienten.
Elke Ziegler, science.ORF.at


