
Ein Dach über zwei Häuser?
Diesen Grundsatzbeschluss haben die Akademiemitglieder in einer Sondersitzung vergangenen Freitag gefasst und zum Teil als "historischen Schritt" bezeichnet, erklärte ÖAW-Präsident Helmut Denk am Montag im Gespräch mit der APA.
Zunehmender Reformdruck
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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 15.11., 13:55 Uhr.
Bereits seit Jahren steht die ÖAW unter Reformdruck, seit knapp einem Jahr besonders stark, nachdem die erste Leistungsvereinbarung der Akademie mit dem Wissenschaftsministerium die Budgetnöte erhöht hat. Mitarbeiterabbau und die Angliederung von Akademieinstituten an Universitäten haben deshalb in den vergangenen Monaten zu heftigen Diskussionen geführt, die durch Austritte einiger prominenter Mitglieder verstärkt wurden.
Die "Entflechtung der Akademie" sei notwendig, um sie "an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen", sagte Denk. Die Forschungsträgerorganisation mit Spitzeneinrichtungen wie dem Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) oder dem Institut für molekulare Biotechnologie (IMBA) würden "moderne und transparente Managementstrukturen benötigen", sagte Denk.
Auf der anderen Seite soll die Rolle der Gelehrtengesellschaft, die künftig "Mitgliedergemeinschaft" heißen soll, im Bereich Gesellschafts- und Politikberatung gestärkt werden. Zudem ist eine "Verschlankung der derzeitigen Gremienstruktur geplant", sagte der Akademiepräsident.
Weisungsfreie Leitung der Forschungsträger
Mit der - auch schon vom ÖAW-Betriebsrat geforderten - Entflechtung von Gelehrtengesellschaft und Forschungsträgerinstitution sollen auch mögliche Interessenskonflikte ausgeschlossen werden, ohne wissenschaftlich sinnvolle Interaktion zu verhindern, sagte Helmut Denk.
Das gemeinsame Dach der Akademie biete Gelegenheit für "intellektuelle Interaktion" zwischen Gelehrtengesellschaft und Forschungsträger, die gewahrt bleiben soll. Organisatorisch geht die Trennung durchaus weit, vorgesehen sind auch getrennte Budgets sowie getrennte "Leistungs- und Verantwortungsbereiche".
Für die Forschungsträgerorganisation ist eine eigene Geschäftsführung vorgesehen, die aus einem wissenschaftlichen Direktor und einem Direktor für Finanzen und Administration bestehen soll. Statt bisher das ÖAW-Präsidium soll der wissenschaftliche Leiter - Denk wünscht sich eine international renommierte Persönlichkeit dafür - den Forschungsträger weisungsfrei leiten, die Posten würden ausgeschrieben.
Auch Gelehrtengesellschaft soll reformiert werden
Zur Kontrolle der Geschäftsführung wird ein Akademierat eingerichtet. Nach derzeitigen, noch nicht endgültig fixierten Plänen umfasst dieser elf Mitglieder, wobei vier von der "Mitgliedergemeinschaft", vier von den Institutsdirektoren, zwei vom Forschungsbeirat und eines vom Betriebsrat nominiert werden. Schließlich soll ein unabhängiger Forschungsbeirat das bisherige Forschungskuratorium ersetzen und die Geschäftsführung in strategischer und konzeptueller Hinsicht beraten.
Auf der anderen Seite soll sich die Gelehrtengesellschaft, "die bisher in den Forschungsträger hineinregiert und sich dabei viel mit Bürokratie beschäftigt hat" (Denk), auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können: die Pflege des wissenschaftlichen Diskurses, auch mit dem Ziel einer unabhängigen wissenschaftsbasierten Gesellschafts- und Politikberatung. Dazu soll auch die Gelehrtengesellschaft noch in diesem Jahr reformiert werden, "wir werden sehen, wie radikal das wird", sagte Denk.
Gegen die zwei Arten von Mitgliedern
Der Präsident verwies darauf, dass die ÖAW als wahrscheinlich einzige westliche Akademie noch die Unterscheidung in "korrespondierende" und "wirkliche" Mitglieder kenne. Beide Kategorien würden nach bestem Wissen ausgewählt, er persönlich sei aber der Meinung, dass man nicht zwei Klassen an Mitgliedern benötige. Damit könnte auch die Expertise der Mitgliedergemeinschaft gesteigert werden.
Änderungen sind auch für die erst vor einigen Jahren neugeschaffene "Junge Kurie" vorgesehen, die in eine "Junge Akademie" übergeführt werden soll. So wie die Gelehrtengesellschaft solle sich auch die Junge Akademie aus dem "bürokratischen Kleinkram zurückziehen und ihre Aufgaben wie die Mitgliedergemeinschaft erfüllen, aber von einem jüngeren Standpunkt aus", so Denk.
Die Leistungsvereinbarung soll künftig eine Art Akademievorstand mit dem Wissenschaftsministerium verhandeln, bestehend aus Präsident und Vizepräsident sowie den beiden Direktoren des Forschungsträgers. Die bis 2014 gültige laufende Leistungsvereinbarung müsse nicht aufgeschnürt werden, auch eine Änderung des Akademiegesetzes sei für die Reform nicht notwendig, sagte der ÖAW-Präsident.
Für Töchterle ein wichtiger Schritt
Als "wichtigen Schritt zur Stärkung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften" (ÖAW) sieht Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) den Grundsatzbeschluss zur Neustrukturierung der ÖAW. Für Töchterle ist der Wunsch nach einer Trennung von Gelehrtengesellschaft und Forschungsträgerorganisation "plausibel", es sei eine sinnvolle Weiterentwicklung, die durch das starke Wachstum der Akademie in den vergangenen Jahren notwendig geworden sei.
Vorsichtig positiv zeigt sich die Betriebsratsvorsitzende der ÖAW, Bedanna Bapuly, zu dem Beschluss einer Trennung, die schon früh von der Personalvertretung gefordert worden war. Bapuly hofft, dass es tatsächlich zu einer Trennung kommt, entscheidend würden aber die "konkreten Anpassungen von Satzung und Geschäftsordnung der Akademie sein", sagte sie.
Beim geplanten Aufsichtsgremium der Forschungsträgerorganisation wünscht sich die Betriebsratschefin "klare Inkompatibilitätsregeln" für ÖAW-Mitglieder und mehr Mitsprache für Arbeitnehmervertreter. "Wichtig ist jedenfalls, dass die Einflussmöglichkeiten der Gelehrtengesellschaft möglichst reduziert werden", sagte Bapuly, die hofft dass durch die Reform "wieder das Vertrauen in die Institution hergestellt wird".
Mitarbeiter befürchten zu viel Machtfülle
"Der Teufel steckt im Detail, man muss sich das noch im Detail anschauen", erklärte Florian Ruppenstein, Sprecher der von Mitarbeitern im Vorjahr ins Leben gerufenen Plattform "Rettet die Akademie der Wissenschaften (ÖAW)", die Reformpläne. Beim geplanten wissenschaftlichen Direktor der Forschungsträgerorganisation befürchtet Ruppenstein "zu große Machtbefugnisse" in einer Person, "das hätten wir lieber auf mehrere Schultern verteilt".
Es bleibe abzuwarten, welche Kompetenzen der Direktor haben werde. So könne das ÖAW-Präsidium derzeit Institutsdirektoren bestellen und abberufen. Sollte diese Kompetenz auf den wissenschaftlichen Direktor übertragen werden, wäre das "zu viel an Machtfülle", hier würde es zumindest der Zustimmung des Akademierats bedürfen.
Als "sehr positiv" wertet Ruppenstein, dass derzeit kein Vertreter des Wissenschaftsministeriums im geplanten Akademierat, dem Aufsichtsgremium für die Forschungsträgerorganisation, vorgesehen ist.
science.ORF.at/APA
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