
"Forscher können nicht für Prognosen haften"
Das meint der Direktor der Forschungsstelle für Wissenschafts- und Hochschulrecht an der deutschen Universität Erlangen, Max-Emanuel Seis, im Interview mit science.ORF.at. Geophysiker Wolfgang Lenhardt von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ergänzt: Die Vorhersagen der Erdbebenforschung werden nie absolut sicher sein.
Fataler Irrtum
Den sechs Seismologen und dem stellvertretenden Leiter der Zivilschutzbehörde wurde in dem Verfahren zum Verhängnis, dass sie nach einer Besprechung der Risikokommission sechs Tage vor dem schweren Beben am 6. April 2009 in der Region um L'Aquila bei einer Pressekonferenz gemeint hatten, dass kein erhöhtes Risiko für ein schweres Beben bestehe. Das zuvor registrierte schwache Bodenzittern sei in der Region normal und kein Hinweis auf eine Katastrophe. Im Gegenteil: Durch die schwachen Erschütterungen habe sich die Spannung abgebaut.
Die Forscher hatten sich geirrt: 309 Menschen kamen bei dem Erdbeben ums Leben, Zehntausende konnten nicht mehr in ihre zerstörten Häuser zurückkehren (siehe ORF.at). Angehörige von 29 Opfern klagten die sieben Mitglieder der Risikokommission. Aufgrund ihrer Aussage seien die Menschen in ihren Häusern geblieben und dort unter den Trümmern umgekommen.
Sündenbockstrategie
Dieser Argumentation schloss sich nun auch in erster Instanz das Gericht an und verhängte mit sechs Jahren Gefängnis ein schärferes Urteil, als es der Staatsanwalt mit vier Jahren gefordert hatte. Das Verfahren hatte schon im Vorfeld gehörig für Unruhe in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft gesorgt.
Ihren Ausdruck fand diese Besorgnis in einem offenen Brief an den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, den 5.000 Forscher weltweit unterzeichnet haben - unter anderem auch Alan Leshner, Herausgeber des Magazins "Sciences", der schreibt, dass die Vorwürfe "unfair und naiv" seien, weil es den Angeklagten aufgrund des Wissensstands in der Erdbebenforschung gar nicht möglich gewesen sei, die Menschen vor Ort vor einem schweren Beben zu warnen (der Brief als .pdf).
Unverständnis für das Urteil äußert auch Wolfgang Lenhardt, Leiter der Abteilung für Geophysik an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, wo auch der österreichische Erdbebendienst angesiedelt ist. Die Forschung sei einfach nicht so weit, Beben mit Sicherheit vorhersagen zu können. Auch in seiner Abteilung werden Gefährdungsstudien erstellt, etwa wenn in einer Region ein Kraftwerk geplant wird. Er höre meist den gegenteiligen Vorwurf, nämlich das Erdbebenrisiko zu hoch einzuschätzen.
Von Seismologen sichere Prognosen zu verlangen, sei völlig widersinnig, so Lenhardt, man könne immer nur von Wahrscheinlichkeiten sprechen. Er glaubt, dass in Italien ein Sündenbock gesucht und in Person der Wissenschaftler gefunden wurde. "Dadurch erspart man es sich, Fehler in der Stadtplanung bzw. Versäumnisse der Bauordnung zu thematisieren" (mehr dazu in oe1.ORF.at).
"Angriff auf die Wissenschaft"
Ö1 Sendungshinweis:
Über das Urteil berichteten auch die Journale.
Max-Emanuel Geis, Jurist an der Universität Erlangen, glaubt ebenfalls an die Sündenbockstrategie, ortet aber auch einen "Generalangriff gegen die Wissenschaft". Natürlich müssten auch Forscher für ihre Tätigkeiten haften, etwa wenn falsche Ergebnisse publiziert werden oder fahrlässiges Fehlverhalten vorliegt.
Im Fall der Risikokommission gäbe es aber im deutschsprachigen Raum keine rechtliche Basis für die nun gefällten Urteile, so der Experte für Wissenschafts- und Hochschulrecht. "Wenn die Mitglieder es schlicht verweigert hätten, ihre Tätigkeit aufzunehmen, wäre das ein Fall für die Gerichte gewesen. Ihnen aber vorzuwerfen, dass eine Prognose sich im Nachhinein als falsch herausgestellt hat, ist schlicht absurd," erklärt Geis. Irrtum sei ein grundlegendes Merkmal der Wissenschaft. Ohne ihn gebe es - frei nach Karl Popper - auch keinen Fortschritt.
Eine Klagswelle gegen Forscher befürchtet er nicht, auch wenn wissenschaftliche Expertise auf vielen Gebieten zur Grundlage politischer Entscheidungen gemacht wird: von der Zulassung genmanipulierten Saatguts bis hin zu den Regelungen für künstliche Befruchtungen.
Wirkungslose Warnungen
Ob und welche langfristigen Folgen das Urteil für die Arbeit von Erdbebenforschern haben wird, darüber sind sich Seismologen noch nicht einig. Wolfgang Lenhardt von der ZAMG sieht keine unmittelbaren Auswirkungen für seine Arbeit.
Christian Bönnemann von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hingegen befürchtet gravierende Folgen, sollte das Urteil in der nächsten Instanz nicht aufgehoben bzw. drastisch reduziert werden: "Seismologen müssten dann extrem vorsichtig sein und auch bei jedem Verdacht vor einem möglicherweise bevorstehenden Beben warnen. Die Folge wäre, dass dann niemand mehr die vielen Warnungen ernst nehmen würde."
Elke Ziegler, science.ORF.at


