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Die Sonne scheint genau hinter einer der Waagschalen der Statue von Justitia.

"Forscher können nicht für Prognosen haften"

Das harte Urteil gegen sechs Seismologen - sechs Jahre Haft wegen ungenügender Warnung vor einem schweren Beben in Mittelitalien - sorgt besonders unter Forschern für Kopfschütteln und Entsetzen. Wissenschaftler für ihre Bewertungen anzuklagen würde das Wesen ihrer Tätigkeit verkennen, bei dem Irrtum ein unabdingbarer Bestandteil sei.

Urteil 24.10.2012

Das meint der Direktor der Forschungsstelle für Wissenschafts- und Hochschulrecht an der deutschen Universität Erlangen, Max-Emanuel Seis, im Interview mit science.ORF.at. Geophysiker Wolfgang Lenhardt von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ergänzt: Die Vorhersagen der Erdbebenforschung werden nie absolut sicher sein.

Fataler Irrtum

Den sechs Seismologen und dem stellvertretenden Leiter der Zivilschutzbehörde wurde in dem Verfahren zum Verhängnis, dass sie nach einer Besprechung der Risikokommission sechs Tage vor dem schweren Beben am 6. April 2009 in der Region um L'Aquila bei einer Pressekonferenz gemeint hatten, dass kein erhöhtes Risiko für ein schweres Beben bestehe. Das zuvor registrierte schwache Bodenzittern sei in der Region normal und kein Hinweis auf eine Katastrophe. Im Gegenteil: Durch die schwachen Erschütterungen habe sich die Spannung abgebaut.

Die Forscher hatten sich geirrt: 309 Menschen kamen bei dem Erdbeben ums Leben, Zehntausende konnten nicht mehr in ihre zerstörten Häuser zurückkehren (siehe ORF.at). Angehörige von 29 Opfern klagten die sieben Mitglieder der Risikokommission. Aufgrund ihrer Aussage seien die Menschen in ihren Häusern geblieben und dort unter den Trümmern umgekommen.

Sündenbockstrategie

Dieser Argumentation schloss sich nun auch in erster Instanz das Gericht an und verhängte mit sechs Jahren Gefängnis ein schärferes Urteil, als es der Staatsanwalt mit vier Jahren gefordert hatte. Das Verfahren hatte schon im Vorfeld gehörig für Unruhe in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft gesorgt.

Ihren Ausdruck fand diese Besorgnis in einem offenen Brief an den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, den 5.000 Forscher weltweit unterzeichnet haben - unter anderem auch Alan Leshner, Herausgeber des Magazins "Sciences", der schreibt, dass die Vorwürfe "unfair und naiv" seien, weil es den Angeklagten aufgrund des Wissensstands in der Erdbebenforschung gar nicht möglich gewesen sei, die Menschen vor Ort vor einem schweren Beben zu warnen (der Brief als .pdf).

Unverständnis für das Urteil äußert auch Wolfgang Lenhardt, Leiter der Abteilung für Geophysik an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, wo auch der österreichische Erdbebendienst angesiedelt ist. Die Forschung sei einfach nicht so weit, Beben mit Sicherheit vorhersagen zu können. Auch in seiner Abteilung werden Gefährdungsstudien erstellt, etwa wenn in einer Region ein Kraftwerk geplant wird. Er höre meist den gegenteiligen Vorwurf, nämlich das Erdbebenrisiko zu hoch einzuschätzen.

Von Seismologen sichere Prognosen zu verlangen, sei völlig widersinnig, so Lenhardt, man könne immer nur von Wahrscheinlichkeiten sprechen. Er glaubt, dass in Italien ein Sündenbock gesucht und in Person der Wissenschaftler gefunden wurde. "Dadurch erspart man es sich, Fehler in der Stadtplanung bzw. Versäumnisse der Bauordnung zu thematisieren" (mehr dazu in oe1.ORF.at).

"Angriff auf die Wissenschaft"

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Urteil berichteten auch die Journale.

Max-Emanuel Geis, Jurist an der Universität Erlangen, glaubt ebenfalls an die Sündenbockstrategie, ortet aber auch einen "Generalangriff gegen die Wissenschaft". Natürlich müssten auch Forscher für ihre Tätigkeiten haften, etwa wenn falsche Ergebnisse publiziert werden oder fahrlässiges Fehlverhalten vorliegt.

Im Fall der Risikokommission gäbe es aber im deutschsprachigen Raum keine rechtliche Basis für die nun gefällten Urteile, so der Experte für Wissenschafts- und Hochschulrecht. "Wenn die Mitglieder es schlicht verweigert hätten, ihre Tätigkeit aufzunehmen, wäre das ein Fall für die Gerichte gewesen. Ihnen aber vorzuwerfen, dass eine Prognose sich im Nachhinein als falsch herausgestellt hat, ist schlicht absurd," erklärt Geis. Irrtum sei ein grundlegendes Merkmal der Wissenschaft. Ohne ihn gebe es - frei nach Karl Popper - auch keinen Fortschritt.

Eine Klagswelle gegen Forscher befürchtet er nicht, auch wenn wissenschaftliche Expertise auf vielen Gebieten zur Grundlage politischer Entscheidungen gemacht wird: von der Zulassung genmanipulierten Saatguts bis hin zu den Regelungen für künstliche Befruchtungen.

Wirkungslose Warnungen

Ob und welche langfristigen Folgen das Urteil für die Arbeit von Erdbebenforschern haben wird, darüber sind sich Seismologen noch nicht einig. Wolfgang Lenhardt von der ZAMG sieht keine unmittelbaren Auswirkungen für seine Arbeit.

Christian Bönnemann von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hingegen befürchtet gravierende Folgen, sollte das Urteil in der nächsten Instanz nicht aufgehoben bzw. drastisch reduziert werden: "Seismologen müssten dann extrem vorsichtig sein und auch bei jedem Verdacht vor einem möglicherweise bevorstehenden Beben warnen. Die Folge wäre, dass dann niemand mehr die vielen Warnungen ernst nehmen würde."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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Forum

 
  • logopezi, vor 238 Tagen, 10 Stunden, 38 Minuten

    da rühmen sich die wissenschaftler dauernd der eindeutigkeit der naturwissenschaften im ggs zu den geisteswissenschaften, und wenns dann hart auf hart geht und man sie beim wort nimmt, verstecken sie sich hinter vageheiten.

  • opfer wissenschaftlicher eitelkeit!

    logopezi, vor 238 Tagen, 17 Stunden, 35 Minuten

    ich verstehe die aufregung über das urteil nicht: die herren HABEN eine prognose erstellt, und die war falsch. darauf hin verschanzen sie sich hinter der aussage, dass eine prognose gar nicht möglich ist?
    na wenn eine prognose nicht möglich ist, dann sollen sie gefälligst auch keine machen, anstatt, durchdrungen davon, endlich wichtig zu sein und zu was gefragt zu werden, einfach irgend was in die kameras zu reden.

    • hmoll, vor 238 Tagen, 16 Stunden, 2 Minuten

      na dann verurteilen wir doch alle meteorologen, die uns nicht vor plötzlichen schneestürmen, lawinenabgängen und hochwasser gewarnt haben. Hier gabs sicher auch schon genug tote und verletzte aufgrund falscher wettervorhersagen.

      Wenn sie ihren standpunkt konsequent zu ende denken, dürften wir überhaupt keine expertise von forschern einholen - es gibt immer unsicherheiten, das ist inhärenter bestandteil von wissenschaft.

      Sobald ein unglück mit toten im spiel ist, werden menschen immer irrational und reiten prinzipiell auf der sinnlosen schuldfrage herum.

    • logopezi, vor 238 Tagen, 14 Stunden, 36 Minuten

      es geht nicht um schuld an dem ereignis. mir ist schon klar, dass die seismologend as erdbeben nicht ausgelöst haben. aber wenn sie eine aussage mit bestimmtheit, also als tatsachenfeststellung treffen, dann haben sie auch dafür zu haften, wenn das nicht eintrifft. andernfalls gibts genug vokabel, um unsicherheiten verschiedenster abstufungen auszudrücken. (alternative: einfach mal die klappe halten als wissenschaftler, anstatt sich mit unhaltbaren aussagen in den medien wichtig zu machen)

    • udn woher kennst du die vokabeln die im bericht standen?

      albundyfan, vor 238 Tagen, 12 Stunden, 51 Minuten

      hier im artikel kommt dieser bericht nämlich nicht vor und auch in anderen medien nicht.

      und ich bin mir ziemlich sicher, daß sie genau solche vokablen benutzt haben die mit wahrscheinlichkeiten arbeiten und nicht mit sicherheit eine behauptung aufgestellt haben.

  • Ist halt "blöd gelaufen"...

    salai, vor 238 Tagen, 22 Stunden, 15 Minuten

    Wenn ein Baustatiker behauptet, ein Gebäude ist sicher und 1 Woche später stürzt es ein, sucht man auch nicht lange nach einem Schuldigen.

    Schon möglich, dass Erdbebenvorhersagen nicht sicher möglich sind, dann sollte man sich aber seriöser weise verkneifen, welche zu machen.

    • solidstate, vor 238 Tagen, 11 Stunden, 35 Minuten

      Der Vergleich hinkt, denn ein Baustatiker kann die Statik berechnen. Wenn er sich an die Standards gehalten und keinen Fehler gemacht hat kann das Gebäude trotzdem zusammenstürzen wenn z.B. die ausführende Firma gepfuscht hat. Der Statiker wird dann wohl nicht verurteilt werden. Hat er hingegen handwerkliche Fehler gemacht ist er dran.
      In der Seismologie weiss man, dass man keine sicheren Prognosen machen kann. Man kann Lagen beurteilen und abschätzen, aber man kann keine sicheren Vorhersagen machen. Das ist allgemein bekannt, nicht nur innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde. Seismologen können daher Hilfen geben, abe sie können niemals Garantien abgeben und daher auch keine Haftung übernehmen weil ganz einfach die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen.