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Symboldbild: Chromosom

Abrechnung mit dem "Wissenschaftswahn"

Der britische Biologe Rupert Sheldrake ist Häretiker aus Passion. In seinem neuen Buch "The Science Delusion" rechnet er mit dem Materialismus der etablierten Wissenschaft ab - und erntet dafür überraschend respektvolle Aufmerksamkeit.

Neuerscheinung 24.10.2012

Das Buch entwickelt sich zum Bestseller und kann als implizite Antwort auf den Apologeten des Darwinismus, Richard Dawkins, gelesen werden. Letzterer hat vor ein paar Jahren seinerseits eine große Abrechnung abgeliefert, und zwar mit der Religion: Nach Dawkins' "Gotteswahn" folgt nun Sheldrakes "Wissenschaftswahn".

"Feind der Vernunft"

"Ein Buch für den Scheiterhaufen" nannte das Wissenschaftsmagazin "Nature" im Jahr 1981 Rupert Sheldrakes Erstling "Das schöpferische Universum". Darin hatte er seine provozierende Hypothese allgegenwärtiger "morphogenetischer Felder" als Grundlage der Entstehung der Formen in der Natur vorgestellt. Fortan war der als brillanter Kopf in Cambridge und Harvard ausgebildete und promovierte Forscher ein Ausgestoßener der Wissenschaftsgemeinde und wurde als mystischer Schwärmer und "Feind der Vernunft" (Dawkins) denunziert.

Nun also doch Respekt in den seriösen britischen Medien und auf den Podien - wenn schon nicht (oder noch nicht) für Sheldrakes eigene Hypothesen, so doch für den leidenschaftlichen Naturwissenschaftler Sheldrake, der seine Zunft zwölf Kapitel lang unverdrossen an ihren ureigenen Auftrag erinnert: vorurteilsfreie Forschung zu betreiben. Stattdessen sieht er sie in einem materialistischen "Glaubenssystem" gefangen, das in seinen Frageverboten, seiner Rigidität und Ausschließlichkeit dem der mittelalterlichen Kirche in nichts nachstehe.

"Ist Materie ohne Bewusstsein?"

Cover von: "Der Wissenschaftswahn"

Rupert Sheldrake: Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat. Droemer/Knaur Verlag, München, 491 Seiten, ISBN 978-3.426-29210-5

Als Belege führt er zehn "Dogmen der modernen Wissenschaft" auf, die er in Frageform kleidet. Beispielsweise: "Ist die Natur mechanisch?" "Ist Materie ohne Bewusstsein?" "Gibt es Geist nur im Gehirn?" "Sind unerklärliche Phänomene reine Einbildung?" "Ist mechanistische Medizin die einzig wirksame Medizin?" Als scheinbar naive Kinderfragen an die Wissenschaft zurückgegeben, entlarven sich deren "selbstverständliche" Gewissheiten dem Leser spontan in all ihrer Unzulänglichkeit. Sie widersprechen seiner persönlichen Erfahrung im Umgang mit allem Lebendigen, mit seinem eigenen Körper, seinen Tieren und Pflanzen, seinen Empfindungen und nicht zuletzt seinem Bewusstsein.

Und sie widersprechen zunehmend neuen und neuesten Erkenntnissen und Theorien der Wissenschaft selbst - die dennoch von ihrer materialistischen Basis noch immer nicht lassen will. Seit der Erschütterung durch die Quantentheorie mehren sich in Physik, Biologie und Kosmologie eher die Rätsel als die Gewissheiten: Je tiefer das Eindringen in den Kosmos, desto mehr dunkle Materie und dunkle Energie zeigt sich - oder eben nicht; je intensiver die Genforschung, desto geschmeidiger geben sich die einst so fixiert geglaubten Gene; je forcierter die Hirnforschung, desto unerbittlicher die bleibend ungelöste Frage: Was ist und wie entsteht Bewusstsein?

Wider die "Dogmen der Wissenschaft"

Hier zeigt sich Sheldrake als Autor in Hochform. Geduldig und beschlagen lotst er den Leser entlang der zehn "Dogmen" sowohl historisch wie systematisch durch die einzelnen Wissenschaften, ihre Errungenschaften, Kontroversen und Fragwürdigkeiten, immer verständlich, niemals trivial. Und, anders als seine Widersacher, eifert er nie. Für ihn scheint gewiss: Die Wissenschaft ist selbst Teil der Evolution, die sie beschreibt. Das Dogma von der Unwandelbarkeit der Naturgesetze ist widerlegt. Die Zeit arbeitet für ihn.

Nach seiner eigenen Theorie sind die Naturgesetze "so etwas wie Gewohnheiten", die sich durch Wiederholung und "morphische Resonanz" innerhalb umfassender Bewusstseinsfelder verstärken und eine Zeitlang Gültigkeit erlangen. Und es könnte ja sein, dass mit seiner Theorie genau das passiert, was sie selbst aussagt: Sie wird durch Wiederholung zunehmend wahrscheinlicher, gewohnheitsmäßiger. Seit Thomas Kuhn (1962) heißt ein solcher Prozess der Ablösung eines kollektiven Wirklichkeitsbildes "Paradigmenwechsel". Rupert Sheldrake hat nichts Geringeres als dies im Sinn.

Ingrid Staehle, dpa

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