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Aufgeschlagenes Buch

Gegen die Plünderer von Wissen und Gedanken

Vor 30 Jahren hat der renommierte Zeithistoriker Götz Aly Texte geschrieben, die er nun aktualisiert wiederveröffentlicht. Im Zuge der Arbeit bemerkte er, wie oft seither Kollegen von ihm abgeschrieben haben. In einem ungewöhnlichen Schritt konfrontierte er die Abschreiber damit - und machte wenig angenehme Erfahrungen.

Zeitgeschichte 25.10.2012

Götz Aly, bekannt geworden mit Veröffentlichungen zur Sozial- und Wirtschaftspolitik im Nationalsozialismus, hält sich selbst für einen Außenseiter der akademischen Zunft. "Das macht mich vielleicht besonders anfällig für diese Plünderungen von Gedanken und Wissen", sagte er gegenüber science.ORF.at.

Porträtfoto des Historikers Götz Aly

Der deutsche Historiker Götz Aly, geboren 1947 in Heidelberg, ist derzeit Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessor an der Universität Wien. Aly ist in seinem 2011 erschienen Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" der Frage nachgegangen, wie es zum Holocaust kommen konnte. Seine These: Das Streben nach sozialer Gleichheit, das sich seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland ausgebildet hat, richtete sich letztendlich gegen die Juden. In seinem früheren Werk "Hitlers Volksstaat" hatte er über den Nationalsozialismus als Wohlfahrtsstaat geschrieben. Neben anderen Auszeichnungen wurden Aly der Heinrich-Mann-Preis und der Ludwig-Börne-Preis verliehen.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 25.10., 13:55 Uhr.

Der Historiker, der derzeit die Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessur am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien innehat, hat als einer der ersten die "Euthanasiemorde" im Nationalsozialismus untersucht: Gemeint ist damit die Ermordung zehntausender Menschen mit Behinderungen aus "rassenhygienischen" und wirtschaftlichen Gründen.

Neuerscheinung im März

"Ich war einer der ersten, der etwa die anatomischen Sammlungen der Max-Planck-Gesellschaft, die im Zusammenhang mit den Euthanasiemorden angelegt wurden, untersucht hat", erzählt er. Auf diesen und anderen Quellen schrieb Aly vor 30 Jahren eine Reihe von Texten an "aus heutiger Sicht entlegenen Orten".

Um diese zugänglicher zu machen, arbeitet er derzeit an dem Buch "Die Belasteten", das im kommenden März im Fischer Verlag erscheinen soll. Darin sollen die Inhalte von damals auf die Höhe der Zeit gebracht werden. Dafür hat er sich die in den drei Jahrzehnten stark angewachsene Literatur zu dem Thema angesehen - und dabei einige Überraschungen erlebt.

In nicht wenigen Veröffentlichungen stieß er auf eigene Passagen; zum Teil waren sie korrekt zitiert, zum Teil aber nicht.

Drei unkorrekte Varianten

Der Historiker hat drei Phänomene beobachtet. "Entweder werden ganze Seiten ohne Kennzeichnung und Zitate einverleibt. Oder die Kollegen beziehen sich in einem Buch korrekt auf meine Texte, verweisen in einem späteren Buch aber dann auf diese Stelle bei sich selbst und nicht auf das Original - das auf diese Weise verschwindet."

Die Variante drei der Unkorrektheiten nennt sich nach dem zunftinternen Jargon "Bauernopfer" und geht so: "In einem Text steht irgendwo ganz weit weg von dem ungekennzeichneten Zitat eine Anmerkung wie 'vgl. auch Aly 1985', und zwar gemeinsam mit drei anderen Autoren, die mit dem Zitat gar nichts zu tun haben. Viel später werden dann ganze Passagen locker nachformuliert, und der Autor kann sich darauf ausreden, ohnehin den Verweis gemacht zu haben. Wer es aber nicht genau weiß, wird so in die Irre geführt."

E-Mails an die Historikerkollegen

Aly stand somit bei der Arbeit zu seinem neuen Buch vor einer unangenehmen Situation: "Wenn ich die 30 Jahre alten Texte neu veröffentliche, sieht es an vielen Stellen so aus, als hätte ich von meinen Abschreibern abgeschrieben." Um dem entgegenzuwirken, hat er zu einem für die akademische Welt ungewöhnlichen Mittel gegriffen. Er schrieb den Kollegen und Kolleginnen, die er beim Abschreiben oder unkorrekten Zitieren erwischt hat, E-Mails mit Bitte um Aufklärung. Darunter sind namhafte Medizinhistoriker wie Thomas Beddies, Gerrit Hohendorf und Maike Rotzoll.

Die Reaktionen waren ernüchternd. "Es hat sich nur einer entschuldigt, die anderen haben dumme Ausreden gebraucht und halten ihr Verhalten für normal." Ein Kollege, so erzählt Aly, habe einen kompletten Text unter seinem Namen veröffentlicht. Darauf angesprochen meinte er, dass es ohnehin klar sei, dass dieser Text von ihm - Aly - sei, und deshalb nicht extra ausgewiesen werden müsse. "Tatsächlich ist er aber unter seinem Namen erschienen. Unglaublich!", echauffiert sich der Historiker.

Mutlosigkeit …

Götz Aly glaubt, dass die Praxis weit verbreitet ist und tendenziell zunimmt. Die Gründe dafür? "Im Einzelfall sind die sicher sehr unterschiedlich, dazu kann ich nichts sagen. Aber prinzipiell denke ich, dass es relativ viele begabungsfern eingesetzte Historiker gibt, die es nicht schaffen, ihre Texte zu Ende zu bringen. Es fehlt ihnen an Impetus und Mut, etwas Neues zu erforschen und sich zu exponieren. Sie gründeln in ihren kleinen Fachgebieten und beschäftigen sich mit winzigen oder nicht vorhandenen Fragestellungen. Dadurch finden sie praktisch keine Leser mehr. Aus Mangel an Selbstachtung verlieren sie die Souveränität, das zu respektieren, was ein anderer geleistet hat."

… und Schwäche

Wobei das Abschreiben an sich noch nicht das Problem für die Historikerzunft sei, wie Aly unterstreicht. "Einmal abschreiben oder unkorrekt zitieren kann jedem einmal passieren. Ich bin mir in dem einen oder anderen Fall in meinen Arbeiten auch selbst auf die Schliche gekommen. Systematisch abschreiben aber hat so etwas Mutloses und Enges.

Wer so etwas macht, ist nicht wegen des Abschreibens in der Wissenschaft fehl am Platz, sondern wegen seiner Engstirnigkeit. Wer Ideen plündert, ist schwach, Plagiieren und Plündern ist ein Symptom von Fantasielosigkeit, fehlendem Hunger nach Erkenntnis: Was die Kollegen und Kolleginnen leider nicht ganz schreiben, ist oft trostlos langweilig. Ihre Aufsätze verschwinden in irgendwelchen Wissenschaftsgräbern und werden nur für den inneren Betrieb verfasst.

Da wurschteln sich auf der einen Seite Leute mit Mühe durch den Wissenschaftsbetrieb, auf der anderen Seite tun sie ungemein wichtig. Im Fall meiner Abschreiber und Abschreiberinnen erlebe ich sehr oft: Erst wird abgeschrieben, dann wird 'Aly' mit ein paar abfälligen Bemerkungen bedacht. Abschreiben und das Plündern von Ideen macht die Leute auch noch aggressiv. Die Armen. Schlecht gelaunt sind sie dann auch noch."

Keine Strafen, aber Pranger

Bleibt die Frage, was man gegen das Verhalten tun kann. "Es ist ein Versagen der Betreuer von Arbeiten, dass sie ihre Studierenden, Graduierten und Doktoranden nicht besser darauf hinweisen, dass sie nicht abschreiben und klauen sollen. Das sollte sich ändern, man sollte den Nachwuchs auch zu mehr Mut erziehen. Je mehr Selbstbewusstsein jemand entwickelt, je klarer er seine eigenen Thesen, Gedanken und Fragen formulieren kann, desto weniger Grund hat er abzuschreiben. Hier müssen akademische Lehrer als Vorbilder wirken", meint Aly.

Von Strafen hält er im Übrigen wenig. "Bei krassen Fällen wie bei zu Guttenberg schon, aber nicht in der Regel. Wer eine Fußnote verwischt, plagiiert ja nicht." Was Aly schon gefällt, ist eine Art Online-Pranger. "Man könnte dort die abgeschriebenen Texte hineinstellen und daneben das ältere Original. Das kann man auch zeitlich begrenzen, lebenslängliche Strafen für ein einmaliges Fehlverhalten finde ich nicht gut."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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