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Sujet aus dem Buch "Wien im Bann der Schattenjahre"

"Im Bann der Schattenjahre"

1929 brach das internationale Finanzsystem zusammen. Auch in Österreich kam es zu einer schweren und folgenreichen Wirtschaftskrise. Ein neues Buch dokumentiert diese Zeit der großen Depression in Wien in erstmals publizierten Bildern - Anlass für die Autoren, Vergleiche zur aktuellen Finanzkrise zu ziehen.

Zeitgeschichte 02.11.2012

© AZ-Fotoarchiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung

Die Kulturwissenschaftlerin Michaela Maier und der Historiker Wolfgang Maderthaner zeigen in dem umfassenden Bildband "Im Bann der Schattenjahre" die fatalen sozialen, kulturellen und politischen Folgen der Krisenzeit. Die Fotos stammen aus dem Archiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung.

Das Wiener Stadtleben zu Beginn der 1930er Jahre wird in seiner ganzen Bandbreite dokumentiert: die alltäglichen Sorgen und Freuden der verarmenden Bevölkerung, wie herausragende sportliche und kulturelle Ereignisse, die zunehmenden politischen Spannungen und die Resignation der Arbeitslosen, wie die innovativen Strategien der Wiener Stadtverwaltung der Krise entgegen zu wirken, eine neue Kultur des befreiten Körpers, ebenso wie die zunehmende Militarisierung der Massen.

Fotos von Profis und Amateuren

"Im Bann der Schattenjahre" Buchcover

Michaela Maier und Wolfgang Maderthaner:
"Im Bann der Schattenjahre. Wien in der Wirtschaftskrise von 1929 bis 1934".
echomedia Buchverlag, Wien, 240 Seiten,
ISBN: 978-3-902672-85-8

Der Großteil der Abbildungen stammt aus dem Fotoarchiv der "Arbeiterzeitung" und aus dem "Kuckuck". Diese sozialdemokratische Illustrierte wurde von Julius Braunthal und Siegfried Weyer herausgegeben. Die Artikel waren kurz gefasst und massentauglich, die politische Ausrichtung klar antifaschistisch. Das Fotomaterial, aus dem die Autoren Michaela Meier und Wolfgang Maderthaner schöpfen konnten, sei einzigartig.

"Diese Illustrierte war ultramodern gestaltet. Sie erinnerte ein bisschen an die Berliner Arbeiter Illustrierte Zeitung. Die Fotos im Kuckuck stammten auch von Amateuren. Es gab Wettbewerbe, beispielsweise zum Thema 'Wien und die Wiener'. Die Leser und Leserinnen wurden aufgefordert, ihre unmittelbare Umwelt zu fotografieren. Das macht die Fotos so außergewöhnlich. Auch weil Fotografen wie Walter Henisch und Franz Votava genau aus diesem Umfeld kommen", erklärt der Historiker Wolfgang Maderthaner.

"An solchen Wettbewerben hat sich beispielsweise auch die Sektion der Naturfreunde beteiligt", ergänzt Michaela Meier, "und diese Fotos haben wir im Archiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung gesammelt."

Aktienboom und Spekulationsblase

Nach dem Zusammenbruch der New Yorker Börse im Oktober 1929 schlittert die Weltwirtschaft in eine verheerende Krise. Dem wirtschaftlichen Kollaps war ein euphorischer Marktoptimismus vorausgegangen, der sich von den USA auf Europa ausgebreitet hatte. Das Aktiengeschäft boomte und die Spekulationslust war groß. Doch das damalige Wirtschaftswachstum und der gesellschaftliche Wohlstand waren auf ein fragiles Fundament gebaut. In den USA nahmen beispielsweise 70 Prozent der Familien sogenannte "Verbraucherkredite" in Anspruch. Dieses billige Geld kurbelte den Konsum an, führte jedoch auch zu einer Börsenblase, die schließlich am "Black Thursday", dem 24. Oktober 1929, platzte.

In der Folge stürzten die Warenpreise ab, der Konsum kam zum Erliegen. Die Kredite und Schulden, die Banken, Unternehmen und Staaten aufgenommen hatten, um das Wirtschaftswachstum zu finanzieren, konnten nicht mehr abbezahlt werden. Im Mai 1931 erreicht die Krise Österreich in vollem Ausmaß: die Wiener Creditanstalt (CA) brach zusammen. Als größte mitteleuropäische Bank kontrollierte die CA 70 Prozent der österreichischen Industrie- und Großhandelsunternehmungen. Staat und Nationalbank mussten sich an ihrer Sanierung beteiligen. Der Verlust machte mehr als zehn Prozent des Bruttonationalprodukts von 1931 aus.

© AZ-Fotoarchiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung. Titelbild der Illustrierten „Der Kuckuck“ vom 25. Jänner 1931, Seite 28

© AZ-Fotoarchiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung. Titelbild der Illustrierten „Der Kuckuck“ vom 25. Jänner 1931, Seite 28

Aktuelle Parallelen

"Heute warnen alle Ökonomen von Weltruf davor, dass in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation die 1930er wiederkommen könnten", sagt Wolfgang Maderthaner, Historiker und Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise ist für ihn und die Co-Autorin Michaela Maier auch der Anlass, die historische Krise der 1930er Jahre aufzuarbeiten.

"Für jüngere Menschen wird das vielleicht keinen Sinn ergeben, aber viele Wirtschaftswissenschaftler besinnen sich heute einer Zeit, in der das internationale, auf einem riesigen Kreditberg beruhende Finanzsystem mit einem Schlag in eine langanhaltende Krise gefallen ist. Es kam zu Massenarbeitslosigkeit und die Industrieproduktion ging zurück", ergänzt Wolfgang Maderthaner.

Soziale Erneuerung trotz Krise

Das Bruttoinlandsprodukt verringerte sich in Österreich von 1929 bis 1933 um ein Viertel. Das Lohnniveau sank in dieser Zeit um 30 Prozent. Am Tiefpunkt der Krise waren mehr als 550.000 Menschen arbeitslos, was einer Arbeitslosenrate von 26 Prozent entspricht. Die Unterstützungen für die Betroffenen waren knapp, viele mussten ohne staatliche Zuwendungen auskommen. Dauerarbeitslosigkeit wurde zu einer Massenerscheinung.

Michaela Maier und Wolfgang Maderthaner schildern in "Im Bann der Schattenjahre" die Konsequenzen dieser Entwicklung. Die Konsumnachfrage ging drastisch zurück: der monatliche Zuckerverbrauch sank in Wien von 18.000 auf 14.300 Tonnen; die Zahl der Fahrgäste der Wiener Straßenbahnen sank in dieser Zeit von 52 Millionen auf knapp 37 Millionen; die Anzahl der Lebendgeburten reduzierte sich von rund 18.000 zu Beginn der Krise auf knapp 11.000 im Jahr 1934 und auf 10.000 bis 1937.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin (02.11., 19:05 Uhr)

Doch die Kulturwissenschaftlerin Maria Maier betont, dass diese fünf Jahre nicht ausschließlich von der Wirtschaftskrise bestimmt waren und viele soziale Neuerungen hervorgebracht haben. "Wir haben auf der einen Seite 1931 die Arbeiterolympiade, ein Massenspektakel und Manifestation der Arbeiterbewegung. Und parallel dazu die Nazis, die schon Terror machen, etwa durch das Tränengasattentat im Kaufhaus Gerngross. 1932 wird die Werkbundsiedlung eröffnet, das bauliche Manifest der Moderne. Es war sicher nicht nur eine Zeit der Depression."

Arbeiterolympiade, Vor der Rotunde
© AZ-Fotoarchiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung. Arbeiterolympiade - Vor der Rotunde, Seite 166

Mutiges Experiment

Die sozialdemokratische Wiener Gemeindeverwaltung versuchte dem Elend, das der Erste Weltkrieg über die Bevölkerung gebracht hatteund später der Wirtschaftskrise der 30er Jahre entgegenzuwirken. In einem mutigen und kreativen kommunalen Experiment sollten nicht nur die sozialen, sondern auch die kulturellen Lebensstandards gehoben werden: Schulreform, soziale Fürsorge und kommunaler Wohnbau. Zu den Reformpolitikern gehörte Hugo Breitner. Der seit 1919 amtierende Stadtrat für Finanzen gestaltete das Steuersystem radikal um.

Die Steuern wurden direkt, progressiv gestaffelt erhoben, schildert die Kulturwissenschaftlerin Michaela Maier: "Die sogenannten Breitner-Steuern, also die Besteuerung von Hausbesitz, Grundbesitz und Luxusgütern, sind direkt in Sozialprojekte eingeflossen. In der Illustrierten Kuckuck gab es ganze Serien mit Fotocollagen, wo es heißt: Woher nimmt es der Breitner und wofür gibt er es aus? Ein Beispiel: die höhere Besteuerung von Nachtlokalen, um damit das Mittagessen für tausende Kinder in Tagesheimen zu finanzieren."

Engels Hof
© AZ-Fotoarchiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung. Der Engels-Hof, der zweitgrößte Wohnbau des Roten Wien, Der Kuckuck, 16. Juli 1933, Seite 100

Wohnbau schafft Arbeitsplätze

Zu den Maßnahmen der sozialdemokratischen Regierung Wiens gehört auch der kommunale Wohnbau. 1933 verwaltet die Gemeinde mehr als 61.000 Wohnungen und 5.000 Siedlungshäuser, in denen fast elf Prozent der Wiener und Wienerinnen wohnen. Die Gemeindewohnanlagen begründeten eine neue Qualität im Massenwohnungsbau und wurden zum Leitsymbol des Roten Wien. Sie versorgten die Bevölkerung nicht nur mit Gemeinschafts-, Freizeit- und Hygieneanlagen, sondern stellten auch Einrichtungen zur Kinder- und Altenversorgung zur Verfügung.

Zudem brachte ihre Errichtung unzählige Arbeitsplätze in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit, ergänzt Michaela Maier: "1929 und 1930 sind die großen Gemeindebauten entstanden, der Karl-Marx-Hof und der George-Washington-Hof. Das schuf Arbeitsplätze für tausende von Menschen. Die Gemeinde beschäftigte vor allem Kleinbetriebe, unterstützte arbeitsintensive Methoden und keine technisierten Bauunternehmen."

Barrikaden am 12. Februar 1934
Wien-Ottakring, Kreitnergasse/Herbststraße. Das Bundesheer erstürmt gegenüber dem
Ottakringer Arbeiterheim Wohnungen.
© AZ-Fotoarchiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung. Barrikaden am 12. Februar 1934, das Bundesheer erstürmt gegenüber dem Ottakringer Arbeiterheim Wohnungen, Seite 226

Der letzte "Kuckuck"

Die wirtschaftliche Krise führte in Österreich zwangsläufig auch zu einer politischen Krise, resümieren die Autoren Michaela Maier und Wolfgang Maderthaner. Am 7. März 1933 richtete die Regierung Dollfuß ein autoritäres Regime ein. Schon in den Jahren zuvor war die funktionierende sozialdemokratische Gemeindepolitik ein Dorn in den Augen der christlich-sozialen Bundesregierung. Weniger als ein Jahr später sollte sie endgültig vorbei sein.

Der letzte Kuckuck erscheint am 11. Februar 1934. "Das Titelbild zeigt eine große Massendemonstration und zwar ist das der Leichenzug durch den Karl-Marx-Hof, eine Trauerfeier für den sozialdemokratischen Gemeinderat Anton Kohl", beschreibt Michaela Meier die letzte Ausgabe der Arbeiter-Illustrierten. "Das war bis auf viele Jahre die letzte große Arbeiterdemonstration, denn einen Tag später ist der Bürgerkrieg ausgebrochen."

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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