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Der griechische Premier Antonis Samaras und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel stehen hintereinander und lauschen einer Hymne

EPA - Kay Netfeld

"Journalismus verlässt sich zu sehr auf Elite"

Über die Finanzkrise berichten die Medien zu einseitig aus Sicht der Eliten, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Katharine Sarikakis. Die Bürger wenden sich nicht zuletzt deshalb von ihnen ab: Sie führen nun ihre eigene öffentliche Debatte über Ländergrenzen hinweg - mit Neuen Medien, aber auch mit ganz alten wie etwa Plakaten.

Finanzkrise 23.11.2012

Die griechischstämmige Forscherin von der Universität Wien kritisiert in einem science.ORF.at-Interview, dass die meisten traditionellen Medien aus rein nationaler Sicht nach Schuldigen der Krise suchen.

science.ORF.at: Sie beforschen das Verhältnis zwischen den Medien und der Finanzkrise - mit welchem Ziel?

Zur Person:

Porträtfoto der Kommunikationswissenschaftlerin Katharine Sarikakis

Katharine Sarikakis ist Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Bevor die Wissenschaftlerin mit griechisch-britischer Nationalität 2011 nach Wien wechselte, forschte sie an der University of Leeds (UK). 1989 bis 1992 arbeitete sie als Journalistin, Programm-Producer und Moderatorin für Radiosender in Athen, Griechenland. Forschungsschwerpunkte sind u.a. Media Governance wie auch europäische Medien und Kulturpolitiken.

Links:

Ö1 Medienschwerpunkt:

Die Welt der Information, klassisch und im Web-2.0-Format - intensiv beleuchtet ein Ö1 Medien-Schwerpunkt von 16. bis 25. November 2012.

Graffiti auf einer Athener Straßenwand, das einen bedrängten Griechen zeigt

Graffiti an einer Hauswand in Athen

Katharine Sarikakis: Wir schauen uns an, wie die Medien die Krise verstehen. Und dabei erkennen wir sehr deutlich eine Entkoppelung der Bürger von den Institutionen, nämlich von Institutionen jeglicher Art: von den Medien selbst wie auch etwa von den Parlamenten oder von der Europäischen Union.

Was meinen Sie mit Entkopplung?

Es geht um den Verlust von Vertrauen in Institutionen und Entscheidungsprozesse und vom Gefühl der Zugehörigkeit, der Legitimität. Diese Entwicklung findet in jedem europäischen Land in unterschiedlichem Ausmaß statt. Aber in Griechenland, Spanien und auch Großbritannien etwa ist sie sehr ausgeprägt. Die Bürger erkunden neue Wege, an Demokratie und Entscheidungsbildung teilzunehmen.

Was gibt Anlass für diese Entwicklung?

In Europa wird die Debatte über die Finanzkrise lokalisiert geführt. Zum Beispiel wird Griechenland als das Problem, fast als die Krise selbst dargestellt. Als "die Anderen", die fremd, korrupt, chaotisch usw. sind. Zudem bezieht sich die Debatte auf einige wenige Individuen, etwa Merkel, Sarkozy und Hollande. Die öffentliche Debatte, wie sie über die Medien vermittelt wird, reflektiert die Stellungnahmen eines Teils der sogenannten Eliten. Der Journalismus verlässt sich zu stark auf diese Elite. Er vertraut ihr übermäßig. Viele Informationen werden direkt von der Polizei, den Parlamentariern, der EU übernommen.

Das klingt nach einem systemischen Problem.

Ja, unsere Forschung sagt uns, dass es vor allem eine systemische Ursache gibt. Es geht um die Sozialisierung der Journalisten durch die Medien, für die sie arbeiten: wie sie einer Geschichte gegenübertreten, was für sie eine Geschichte ausmacht. Natürlich spielen auch prekäre Arbeitsbedingungen und andere Faktoren eine Rolle. Letztlich ist die Arbeitsleistung der Journalisten ein Kompromiss. Und die Mehrheit der Medien hat ein Problem gehabt, die Story der Finanzkrise darzustellen.

Die verwendeten Narrative sind problematisch: Hat wirklich nur eine spezielle Nation ein Problem? Waren die Griechen einfach nur schlechte Europäer? Ist das Ideal der "schwäbischen Hausfrau" wirklich der moralische Standard? Diese Diskurse wurden von den Politikern in Umlauf gebracht. Bei der medialen Berichterstattung geht es immer um die Identifikation der Krise und den Schuldigen. Um ein Land, eine Person, einzelne Rettungsaktionen. Die paneuropäische Streikaktion vom 14. November und Bewegungen wie "Wir sind alle Griechen" zeigen aber, dass die Öffentlichkeit differenzierter auf die Krise blickt als die europäischen Medien.

Und wie berichten die griechischen Medien über die Krise?

Die Medien haben, genauso wie in anderen Ländern, versagt, die Gesellschaft darüber zu warnen, was sich anbahnt. Obwohl sie selbstkritisch sind, kann die Mehrheit der nationalen Medien nicht hinter die politischen Parteien blicken. Gleichzeitig reproduzierten die griechischen Medien die problematischen Diskurse Europas, etwa auch zum möglichen Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone.

Ein harter Schlag für ein Land, das als Wiege der europäischen Zivilisation gilt, oder?

Es gibt das soziale Gedächtnis: Es besagt, dass Griechenland fraglos ein europäisches Land ist und eine europäische Identität hat. So wurde die europäische Berichterstattung als Verrat wahrgenommen.

Wie geht es in Zeiten der Krise denn den nationalen Medien?

Wegen der finanziellen Probleme und der politischen Situation - mit dem Aufwind der Rechtsextremen - laufen einige Dinge in Griechenland nicht gut. Eine der bekanntesten unabhängigen Zeitung, "Eleftherotypia", musste eingestellt werden, weil ein Darlehen in Zeiten der Krise nicht gewährt wurde. Journalisten wurden verfolgt, weil sie Kritik geäußert haben. Gleichzeitig sieht man eine Explosion von Social Media und Bürgerdebatten. Es gibt also den Bedarf, eine breitere Debatte zu führen, was passieren kann. Dabei haben wir auch sehr eigene Ausdrucksformen der Bürger gesehen.

Graffiti an einer Hauswand in Athen mit den Zeilen "You are the refugees of Europe"
Graffiti an einer Hauswand in Athen

Wie gestalten sich diese neuen Ausdrucksformen?

Die griechische Version der "Indignados", aber auch die spanischen Indignados, und andere spontane Protestveranstaltungen und Bewegungen kommunizieren über Mundpropaganda. Sie wollen sich nicht mit den Institutionen zu deren Bedingungen einlassen. Sie haben etwa keine Pressesprecher. Das ist ein Weg, um ihrer eigenen Form von Kommunikationspolitik bzw. ihre Entkoppelung von Mainstream-Praktiken zu etablieren. Politische Aktionen gibt es dann, wenn Worte nicht mehr genug sind.

Von diesem Phänomen ausgehend sehen wir eine andere, sehr aufregende Entwicklung. Wir beobachten eine direkte Kommunikation zwischen den griechischen Bürgern und Bürgern anderer Staaten. Nämlich in Form von Graffiti, Plakaten und ihren Aufschriften. Das Plakat als Kommunikationsmittel gibt es schon lange. Aber diese Form von Kommunikation wurde nie systematisch verfolgt. Heute ist es so.

Ein Beispiel?

Spanische Indignados hielten letztes Jahr etwa bei Zusammenkünften Plakate hoch mit: "Griechen, wacht auf. Geht auf die Straße." Ein Monat später waren die Griechen auf der Straße und hielten Plakate hoch, die sagten: "Wir sind aufgewacht." Das ist erstaunlich. Aber man nimmt das nur wahr, wenn man involviert ist. Doch der Punkt ist: Die Mehrheit der Bürger ist involviert. Sie umgehen also die Medien - zumindest teilweise.

Ein Plakat wird bei einer Demonstration hochgehalten, das Bezüge zwischen Athen und Kairo herstellt
Solidarische Grüße bei einer Demonstration

Sie brauchen die Medien, um die Bilder zu präsentieren ...

Ja, und weil die Proteste ein Spektakel sind, übertragen sie die Medien quasi unabsichtlich.

Ein anderes Beispiel: Die kommunistische Partei hisste eine große Flagge auf der Akropolis. Darauf stand: "Länder Europas, steht auf." Das geht auf die Geschichte des griechischen Widerstands unter der deutschen NS-Besatzung zurück: als Manolis Glezos, heute ein linksgerichteter Parlamentarier, 1941 die Hakenkreuz-Fahne von der Akropolis herunternahm und die griechische Fahne wieder hisste. Sie war natürlich nur kurz oben. Aber die jüngste Aktion hat eindeutig darauf Bezug genommen, da das Land in der öffentlichen Meinung "okkupiert" ist.

Zudem gibt es Graffiti auf Athener Hauswänden, begleitet von englischen Wörtern. Das ist ein klarer systematischer Versuch, international zu kommunizieren.

Es handelt sich also um eine neue Form des Dialogs?

Die Bürger halten damit auf Bürger- und Länderebene ihre Verbindung. Ihre Dialoge finden in der Öffentlichkeit statt. Von "Ihr habt Verantwortung als Bürger" bis hin zu "Wir sind mit euch solidarisch". Es geht also nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Solidarität, Verantwortung, Gerechtigkeit und Vielfalt in der Debatte. Während die medialisierte Debatte mehr auf Konfrontation aus und weniger europäisch ist.

Sie haben selbst als Journalistin Anfang der 1990er Jahre in Athen gearbeitet. Was war der Auslöser, in die Forschung zu wechseln?

Soll ich ehrlich sein?

Sie haben nicht genug verdient ...

Nein, daran habe ich damals noch nicht gedacht. (lacht) Was ich mir dachte: Wir, die professionellen Journalisten, wissen nicht genug, um den Job zu machen. Wir haben keine Theorien und keine Methoden. Wir sind durch die Medien konditioniert, auf eine bestimmte Art zu arbeiten. Für mich war das eine Einbahnstraße.

Wie bringen Sie dann Ihre heutigen Erkenntnisse zurück in die Praxis?

Ich spreche mit jedem Journalisten, der mit mir reden will. (lacht) Und ich versuche meinen Studenten zu vermitteln, dass der Journalismus eine große Verantwortung hat.

Interview: Lena Yadlapalli

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Forum

 
  • eiserne lady und milchmädchen.

    enfin, vor 612 Tagen, 18 Stunden, 10 Minuten

    der thatcherismus ist wirklichkeit und damit vergessen. die privatisierer haben gut persönlich verdient. milchmädchenrechner - 25 experten - haben ein pensions(spar)konto vorgeschlagen: "was man hat das hat man". die oecd sprach von maximal 35% verstaatlichten betrieben. die köstliche (griechische) einführung der "pension für unverheiratete töchter" wollten östereichische kommentatoren unbedingt gestrichen sehen. und für die das garnichtexportarme griechenland gabs den hinweis: niedrigere löhne machten konkurrenzfähig; empirisch richtig ist hingegen, dass exportprodukte bessere löhne haben; nicht aber dass bessere löhne einen guten export machen. -
    so waren die fehlleistungen eine ideen-welt, den personen haften sie weniger an. diese sucht personen etwas anzuhaften! zuerst den zaren schaffen und dann revoltieren! so kam (m.E.) zutreffende kritik "die deutschen arbeiten zuviel" vor ein paar jahren (was weiss ich von wem). hingegen die anhaftung an person (positiv ODER negativ) finde ich nicht so gut. sagte doch der kulturräumlich katholische bauer zur möglichen desavoirung von krediten: "was, juden raus?" in unnachahmlichem jargon des 19.jhds. und warten nicht schon wieder die räubersozialisten, die zwangsarbeitsphilosophen, die menschenzuchtpädagogik?? und ist nicht die - soviel kritik "am volk" muss sein.
    aber dann ja bitte redefreiheit. hat auch die daisy duck gesagt.

  • Es ist alles nur ein Rechenfehler

    founder, vor 615 Tagen, 6 Stunden, 43 Minuten

    Spätesens 1973 hätten die Wirtschaftwissenschfen verkünden müssen

    "Der totale Umstieg aur erneuerbare Energie und elektrische Mobilität wird das größte Investmentgeschäft des 21. Jahrhunderts"

    Doch die Wirtschaftswissenschaften verstehen weder etwas von Wirtschaft noch sind die eine Wissenschaft, vielmehr ein destruktiver Kult.

    Nur so konnte über Jahrzehnte die Gesellschaft in eine falsche Richtung gedrückt werden. Alle Krisen der Gegenwart sind auf diese Unterlassungen zurück zu führen.

    Bin gerade mit 404 Seiten Buch dazu fertig
    http://calculation-error.org/

    • werter herr,

      enfin, vor 615 Tagen, 5 Stunden, 34 Minuten

      ... was sie äussern IST wirtschaftswissenschaft. wieso sie die zähne fletschen gegen einen plural unterschiedlichster leute bleibt das eigentliche rätsel. die meinung nämlich, ist nicht dumm. aber das beissen derer die nicht bestimmen,finde ich eine fiesze stimmungsmache, um abzulenken, dass wesentliche asoziale tendenzen von unbedarften glücksrittern mit aussergewöhnlichem monetären machtbedürfnissen herrührte. das oligarchische europa.

  • außerdem schreiben journalisten voneinander ab udn keiner traut sich selbst...

    zzratlos, vor 615 Tagen, 8 Stunden, 57 Minuten

    ...zu denken

    Einen solchen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

    Es ist durchaus legitim nach Schuldige zu suchen wenn man sich die Summen auf der Zunge zergehen lässt, die vom Steuerzahler aufgebracht werden müssen, nur weil es kein vernüftiges Regelwerk für die Bankenaufsicht gibt und weil eine Berufsgruppe den Hals nicht voll bekommen hat.

  • und was lernen wir daraus ?

    aber, vor 615 Tagen, 9 Stunden, 35 Minuten

    journalisten sind einfach zu dumm um die komplexität zu verstehen. diese thematik ist zu kompliziert um von einem journalisten-gehirn auch nur annähernd erfasst zu werden. wenn man weiß dass es für journalisten keine fundierte ausbildungsvorschrift gibt und die meisten genau null ahnung haben wie wirtschaft funktioniert und wenn man weiter weiß dass man leser nur dann kriegt indem man auf andere schimpft und primitiv schuldige präsentiert (da hat sich seit dem mittelalter kaum was geändert) und wenn man weiter weiß dass gute journalisten fast immer linke sind dann kann man auch die berichterstattung annähernd nachvollziehen. außerdem schreiben journalisten voneinander ab udn keiner traut sich selbst zu denken und eigene meinungen zu artikulieren. anderseits verlangen auch die leser genau nach solchem scheiß - nach vorurteilen und schulditgen auf die man beim stammtisch schimpfen kann. das ist aber europaweit so und wohl auch auf anderen kontinenten kaum anders.