Standort: science.ORF.at / Meldung: "Diskriminierung mal drei"

Studierende aus den USA bei der Abschlussfeier, im Vordergrund eine Frau

epa

Diskriminierung mal drei

Gleich drei aktuelle Studien zeigen, dass Frauen in den Naturwissenschaften nach wie vor benachteiligt sind. Bei exakt gleicher Qualifikation werden Jobbewerberinnen inkompetenter eingeschätzt als ihre männlichen Kollegen und bekommen weniger Geld. Auf wissenschaftlichen Symposien kommen sie ebenso seltener vor wie in Fachzeitschriften.

Gender 23.11.2012

Das britische Journal "Nature" übt deshalb in seiner aktuellen Ausgabe unter dem Titel "Der Sexismus von Nature" Selbstkritik und gelobt sich in Zukunft zu bessern.

Die Artikel und Studien:

Gleiche Bewerbungsunterlagen

Der Versuch, den Frauenanteil in die Naturwissenschaften zu erhöhen, ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit den unterschiedlichste Mitteln unternommen worden: Angefangen mit Schulinitiativen, speziellen Mentoringprogrammen für Studierende bis hin zu Förderung von Professuren. Die Situation hat sich leicht geändert, aber vor allem die Zahl von Frauen in Spitzenpositionen ist nach wie vor bescheiden.

Obwohl sich in der politisch korrekten Öffentlichkeit von Universitäten kaum jemand öffentlich sexistisch äußert, sind diese Einstellungen nach wie vor verbreitet. Wie stark, hat vor Kurzem eine Studie in den "PNAS" gezeigt, die die Psychologin Corinne Moss-Racusina von der Universität Yale und ihr Team gemacht hat.

Die Forscher legten dabei 127 Professoren und Professorinnen aus den Bereichen Chemie, Physik und Biologie Bewerbungsunterlagen von Studenten vor, die einen Platz an ihrem wissenschaftlichen Labor ergattern wollten. Alle bekamen die genau gleichen Dokumente, bei der einen Hälfte bewarb sich allerdings ein Student, bei der anderen Hälfte eine Studentin.

Auch Frauen diskriminieren Frauen

Die Resultate waren eindeutig: Die Professoren bewerteten die männlichen Studenten eindeutig besser; sie schätzten sie kompetenter ein und waren eher gewillt sie einzustellen. Der Vorschlag für das Einstiegsgehalt unterschied sich mit 30.200 Dollar gegenüber 26.500 Dollar pro Jahr ebenfalls deutlich.

Diese schlechtere Einschätzung wurde sowohl von Professoren als auch von Professorinnen getroffen - Frauen hatten in der Studie also genau die gleichen Vorurteile wie Männern. Auch beim Alter und der Fachrichtung der Professur zeigten sich keine Unterschiede.

Daraus schlossen die Forscher, dass es sich um keine bewussten Vorurteile der Beteiligten handelte, sondern um "weitverbreitete kulturelle Stereotype", die sich quasi hinter dem Rücken der Handelnden nachteilig auf Frauen auswirken.

Selbstkritik von "Nature"

Etwas Ähnliches könnte man auch für Fachjournale wie "Nature" und "Science" konstatieren. Ende August berichteten zwei Forscher, dass in beiden Zeitschriften Frauen unterdurchschnittlich oft schreiben. In den prestigeträchtigen Ressorts, in denen Wissenschaftler einen Überblick über das bekannte Wissen zu aktuellen Studien liefern ("News and Views" bzw. "Perspectives"), kamen Männer in den Jahren 2010 und 2011 viel öfter vor.

Zum Vergleich verwiesen die Forscher auf offizielle Zahlen aus den USA: Während es etwa 32 Prozent Chemikerinnen und Biologinnen gibt, stammten nur 17 Prozent der Artikel dieser Fachgebiete von Frauen. Bei den Erd- und Umweltwissenschaften war der Unterschied mit 20 bzw. knapp vier Prozent noch eklatanter.

Da die Einladung zu solchen Artikeln von den Journalen selber erfolgt, greift sich "Nature" in der aktuellen Ausgabe nun in einem Editorial selbst an die Nase. Der "Sexismus" in den eigenen Reihen geschieht nicht aus Absicht: Das zeige schon der Umstand, dass mehr als die Hälfte der weltweiten Redaktion aus Frauen besteht. Dennoch ist das Ergebnis "weit weniger ausgeglichen": So waren im Jahr 2011 nur 14 Prozent aller Peer-Reviewer Frauen, nur 19 Prozent aller Kommentare wurden von Frauen verfasst, wie "Nature" nun selbst ausgerechnet hat.

Eine Gedankenschleife mehr einbauen

Zwar gebe es einige bekannte Erklärungen - der geringere Anteil von Frauen in Führungspositionen, ihre geringere Bereitschaft zu Eigenwerbung, weniger Zeit, da sie sich mehr um Kinder und Haushalt kümmern -, die aber nicht hinreichend sind. Insofern müsse es "unbewusste Faktoren" geben, wie das Editorial im Sinne der "PNAS"-Studie schließt. "Es liegt einige Arbeit vor uns", schreibt "Nature".

Eine Möglichkeit dazu: eine zusätzliche Gedankenschleife einzubauen, ehe Aufträge für Texte erteilt werden. Bevor dies geschieht, sollte die Frage gestellt werden: "Welche fünf Frauen kämen dafür in Frage?"

Damit sollen keine Quoten erfüllt oder schlechtere Qualität erzielt werden, wie "Nature" betont. "Es scheint uns aber ein Schritt in die Richtung, auf unseren Seiten die Beiträge von Frauen für die Wissenschaft angemessen zu reflektieren."

Unterrepräsentiert auf Symposien

Dass dies nötig ist, zeigt eine dritte aktuelle Studie, in der sich Forscher um Lynne Isbell von der University of California die Geschlechterverhältnisse auf wissenschaftlichen Symposien angesehen haben. Sie wählten das Gebiet der Primatenforschung, in der Frauen traditionell sehr stark vertreten sind.

Die Analyse von 21 Jahrestagungen der Wissenschaftlergemeinschaft AAAP zeigte, wie stark die Auswahl der Vortragenden vom Geschlecht der Veranstalter abhängt. Wenn nur Männer die Konferenz organisiert hatten, hielten Männer 71 Prozent aller Hauptvorträge. Wenn nur Frauen verantwortlich für die Veranstaltung waren, waren es zu 64 Prozent Frauen.

Letzteres entspricht weit eher den Verhältnissen in der Primatenforschung, in denen Frauen in der Mehrheit sind. "Wenn das sogar in dieser Disziplin so ist, was bedeutet das für andere Fachrichtungen, in denen die Frauen in der Minderheit sind?", fragt Lynne Isbell.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema aus dem Archiv:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  • Männer drücken sich bei Versorgung der Kinder

    falottenparteiösterreich, vor 606 Tagen, 21 Stunden, 46 Minuten

    Wenn es aber um Macht geht, siehe Obsorge, sind sie neuerdings wieder im Vorteil.

    So bedeutet es eben für engagierte Wissenschafterinnen, entweder auf Karriere verzichten, wenn auch unter mieseren Bedingungen, die sich bsi zum Lebensende hinziehen, oder auf ein Familienleben bze. Fortpflanzung.

    • Macht und Obsorge?

      slartibartfast, vor 606 Tagen, 8 Stunden, 27 Minuten

      das klingt ja stark idelogisch gefaerbt. "die maenner" sind schon "wieder" an der "macht", "siehe obsorge".

      es sollten (wieder) die frauen an die macht, dann lebten wir endlich in einer besseren welt, in einem postmodernen matriarchat. woman of the world, take over, weil, if you don't, the world will come to an end (mitschunkel). mami bitte hilf!

  • strache und burgstaller

    slartibartfast, vor 607 Tagen, 7 Stunden, 45 Minuten

    beide fuer die beibehaltung der wehrpflicht, strache mit der begruendung: "solange die frauen weniger verdienen, muessen die burschen zum heer". nun soll es aber branchen geben (quelle unbekannt, weiters stellt sich die frage, wie das gerechnet wurde), in denen frauen mehr verdienen als die maenner. muesste da nicht fairerweise eine branchenspezifische gender-wehrpflicht eingefuehrt werden?

    • das konzept, eine ungerechtigkeit mit einer anderen

      xx13, vor 607 Tagen, 1 Stunde, 31 Minuten

      'auszugleichen' scheint mir sowieso alttestamentarisch.

      was nicht erwähnt wird: wenn man forschungsgelder aus drittmittel hat, die meist knapp bemessen sind und jemanden einstellt, der dann vllt. für jahre als arbeitskraft ausfällt weil schwanger (im labor länger als in einem büro), dann steht man mit einem bein im kriminal, weil die arbeit die im projekt steht nicht passiert und keine förderstelle eine ersatzkraft finanzieren wird...

    • hejdi, vor 607 Tagen, 15 Minuten

      Ich weiß ja nicht, wie es in Österreich abläuft, aber in Deutschland werden für die Zeit der Schwangerschaft, in der keine Laborarbeit durchgeführt werden kann, oft Laboranten o.ä. angestellt, die das übernehmen. Außerdem sollte der Arbeitgeber wenn eine Frau in Karenz geht normalerweise die Karenz nicht zahlen müssen, sondern der Staat. Damit wäre eine Karenzvertretung finanziert.

      Dass es in der Praxis natürlich anders abläuft und für eine speziell qualifizierte und über Jahre hinweg im Thema eingearbeitete Wissenschafterin nicht innerhalb weniger Monate ein adäquater Ersatz gefunden werden kann, ist auch klar.

      Hier sind meiner Meinung nach die Förderstellen und damit meistens die österreichische Bundesregierung gefragt, die Bedingungen für öffentlich geförderte Forschungsprojekte so umzustricken, dass eine Schwangerschaft auch während des Projekts möglich ist.

    • wird nicht bei allen Sorten

      hospitierendesfossil, vor 606 Tagen, 15 Stunden, 58 Minuten

      von Projekten gehen ... Du nennst einen wesentlichen Punkt selbst.
      Entweder jemand ist qualifiziert, oder jemand gefährdet die Qualität. Einspringen als Riesenchance, OK, aber so viele gute Einspringer gibt es nicht - es sollen schon Konzerte abgesagt worden sein, notabene.

      Apropos "gehen": Mir langt's langsam, in manchen Debatten kommt mir vor, als sollte es babys to go geben.

    • Die andere Seite der Medaille:

      hospitierendesfossil, vor 606 Tagen, 15 Stunden, 53 Minuten

      Die es geschafft haben, unersetzlich zu scheinen, schieben Überstunden, andere bekommen gar nicht erst eine Chance. Überall gehören im Grunde die Arbeitszeiten halbiert. Was ist das für eine Gesellschaft, in der der Lebenssinn am sogenannten Job hängt. Die Frauenfrage ist doch nur ein Symptom und greift zu kurz. Das alles ist bei beiden Geschlechtern traditions - und erziehungsbedingt.
      Stimmt schon, man sollte das alles gut erforschen.

    • Labor ???

      ingird2197, vor 606 Tagen, 15 Stunden, 7 Minuten

      In Mathematik sind Frauen auch unterräpresentiert (stärker als in Chemie oder Biologie) obwohl man viel von zu Hause arbeiten kann, da es keinen Laborbetrieb gibt. Auch ist der Zuwachs an Wissen nicht so schnell, sodass man sich eine kurze auszeit eher genehmigen kann. Es muss also andere Gründe geben als die Ausrede dass eine Frau schwanger werden könnte.

    • xx13, vor 606 Tagen, 23 Minuten

      1) sollte das keine ausrede sein, sondern auf ein problem hinweisen das es zu lösen gälte...
      2) ist mathematik keine naturwissenschaft
      3) ohne es genau zu wissen, werden prozentuell (f vs m) wesentlich weniger frauen mathematik studieren als biologie, dem fach von dem ich sprach...

    • gender-mathematik

      slartibartfast, vor 605 Tagen, 10 Stunden, 39 Minuten

      man betrachte doch einmal, nach welchen lehrbuechern heute in der schule unterrichtet wird. vor einiger zeit hab ich mir eines angesehen: geschrieben von drei frauen, demenstprechend fehlt in den textaufgaben oft die lebenssicht der buben ("rosi geht mit ihrer mutter zum friseur und bezahlt ...."). man betrachte, wer in den schulen mathematik unterrichtet. geht ein mathematik-lehrer in pension, wird die stelle mit einer lehrerin nachbesetzt. eine direktorin, die auf diese situation angesprochen wurde, meinte stolz, sie haben das problem geloest, jedoch ohne vermehrt maennliche lehrer einzustellen. ich finde diese aussage bemerkenswert im hinblick darauf, dass im umgekehrten fall durchaus eine frauenquote gefordert wird.