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Ein in sich versunkenes Kind

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Je schlechter die Luft, desto mehr Autisten

Kinder mit der Diagnose Autismus können schlecht Kontakt zu ihrer Umwelt aufnehmen und verhalten sich auffallend stereotyp. Woher diese tiefgreifende Entwicklungsstörung kommt, ist noch immer unklar. US-Mediziner meinen nun: Je höher die Luftverschmutzung in Schwangerschaft und früher Kindheit, desto größer das Autismusrisiko.

Umweltmedizin 27.11.2012

Die dahinter liegenden, biologischen Mechanismen müssten noch geklärt werden, schreiben die Umweltmedizinerin Heather Volk von der University of Southern California und ihre Kollegen. Ihre Studie bestätigt aber frühere Untersuchungen, wonach in der Nähe von Autobahnen und Schnellstraßen lebende Kinder besonders häufig an Autismus leiden.

Die Forscher liefern mit ihrer Arbeit einen weiteren Puzzlestein zur Klärung des Phänomens Autismus. Denn obwohl in den letzten zehn Jahren sowohl die Anzahl der Patienten als auch die Forschung zum Thema stark zugenommen hat, gibt es noch immer keine Antwort auf die Frage, wie die Krankheit entsteht.

Die Studie:

"Exposure to Traffic Pollution in Pregnancy, 1st Year of Life Appears Associated with Autism", erschienen am 26. November 2012 in den "Archives of General Psychiatry" (doi:10.1001/jamapsychiatry.2013.266)

Explodierendes Interesse

"In dieser Ausgabe der 'Archives of General Psychiatry' finden sich drei Studien zu Autismus. Vor zehn Jahren haben wir diese Menge während eines ganzen Jahres publiziert", schreibt Geraldine Dawson, Mit-Herausgeberin der Zeitschrift, in ihrem Editorial. In den letzten Jahren sei das Interesse am Thema geradezu explodiert, meint Dawson, und nennt Zahlen zur Entwicklung in den USA: 2010 wurden - öffentliche und private Förderung zusammengerechnet - mehr als 400 Millionen Dollar in die Erforschung dieser Entwicklungsstörung investiert, zehn Jahre zuvor waren es noch 50 Millionen Dollar gewesen. Parallel dazu stieg auch die Häufigkeit, in der bei Kindern Autismus diagnostiziert wurde, seit 2006 um 78 Prozent.

Natürlich liegen da Spekulationen nahe, dass eine - neben der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizitstörung - neue Modekrankheit gefunden wurde, mit der die Umsätze von Therapeuten und Pharmaindustrie angekurbelt werden soll. Im Fall von Autismus scheint diese Hypothese aber kaum zu greifen, schließlich ist noch immer unklar, warum die Krankheit überhaupt entsteht - und wie sie behandelt werden könnte. Bis heute wurde noch kein einziges Medikament mit dem Einsatzgebiet "Autismus" zugelassen.

Gene oder Umwelt

Unter Wissenschaftlern als relativ sicher gilt die Annahme, dass es sich wohl um ein Ursachenbündel handeln muss. Genetische Faktoren könnten ebenso eine Rolle spielen wie Umwelteinflüsse. 2011 ist die Auswertung einer Zwillingsstudie erschienen, die zeigte, dass die Gene nur zu 38 Prozent für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich sind - der Rest müsse wohl auf Umweltfaktoren zurückgehen, hieß es damals.

Genau da hakt die neue Studie ein und lenkt die Aufmerksamkeit auf Luftverschmutzung durch Verkehr. Die Forscher nahmen 279 autistische Kinder und zur Kontrolle 245 Kinder ohne Hinweise auf die Entwicklungsstörung in ihre Untersuchung auf. Anhand der Wohnadresse berechneten sie für jedes Trimester der Schwangerschaft und das erste Lebensjahr des Kindes die Schadstoffbelastung. Es zeigte sich, dass Kinder in Gebieten mit der höchsten Belastung an Stickstoffdioxid (NO2) und Feinstaub (PM 2,5 und PM 10) ein dreimal höheres Risiko hatten, an Autismus zu erkranken.

Die hohe Belastung ließ sich sowohl während der gesamten Schwangerschaft als auch während des ersten Lebensjahres des Kindes durch Daten der Regierungsbehörde Environmental Protection Agency nachweisen. Kein Zusammenhang ließ sich mit der Ozonbelastung herstellen. Die Mediziner erhoben auch andere Faktoren wie Alter, Geschlecht, Herkunft, Einkommen und Ernährung - nirgends wiesen die Daten auf einen Konnex zum Autismus der Kinder hin.

Schadstoffe im Blut

Genau definieren, wie die Umweltgifte zur Entwicklungsstörung führen, können Heather Volk und Kollegen nicht. Sie weisen aber auf eine Reihe von Studien aus den letzten Jahren hin, die die Auswirkungen von Feinstaub und NO2 auf die Gesundheit erhoben haben. Von Dieselpartikeln wurde in mehreren Studien nachgewiesen, dass sie in hohen Konzentrationen Gehirnaktivität und -funktion beeinflussen können. Andere Untersuchungen zeigten, dass Verkehrsabgase Stress für den Körper bedeuten, was sich in hohen Entzündungswerten und Erkrankungen des Atmungs- und Kreislaufsystems niederschlagen kann. Die Schadstoffe gelangen in den Blutkreislauf und werden über die Plazenta direkt an das ungeborene Kind weitergegeben.

So könnten Luftschadstoffe neurologische Veränderungen bei Kindern auslösen - könnten, denn die skizzierten Zusammenhänge wurden im Fall von Autismus noch nicht belegt. Es bleibt also beim Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang. Ihn zu belegen, sehen Heather Volk und Kollegen als ihre nächste Herausforderung.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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