Standort: science.ORF.at / Meldung: "Ekel macht scharfsichtig"

Junge Frau hält sich die Nase zu

contrastwerkstatt - Fotolia.com

Ekel macht scharfsichtig

Ekel ist eine durchaus hilfreiche Abwehrreaktion, die uns etwa davor bewahrt, Ungenießbares zu uns zu nehmen. Einer Studie zufolge schärft Abscheu zudem unsere Wahrnehmung, so dass wir Unreinheiten besser erkennen können.

Psychologie 10.12.2012

Am liebsten Weiß

Bestimmte Gerüche, der Anblick menschlicher Ausscheidungen oder von verdorbenen Speisen rufen bei Menschen Ekel hervor, was bis zu Brechreiz und Übelkeit führen kann. Der starke körperliche Widerwillen ist aus evolutionärer Sicht sinnvoll. Er schützt uns vor Krankheiten und Vergiftungen.

Die Studie:

"The Faintest Speck of Dirt: Disgust Enhances the Detection of Impurity" von Gary D. Sherman et al. ist am 5.11. in "Psychological Science" erschienen

Laut den Forschern um Gary Sherman von der Harvard University ist dieser Schutzmechanismus vermutlich mit ein Grund dafür, dass wir schmutzige Dinge generell nicht so gern mögen. Deswegen hätten wir es lieber hell und sauber, in bestimmten Bereichen am liebsten Weiß, bspw. in Badezimmern oder Operationssälen. Die Gleichsetzung von Helligkeit und Reinheit ist Sherman zufolge kulturübergreifend.

Wenn Ekel ein Grund für diese Präferenz ist, sollte sich diese Empfindung auch auf die Wahrnehmung auswirken - damit wir selbst kleinste Verunreinigungen überhaupt sehen können, so die Vermutung der Forscher. Um das zu überprüfen, führten sie drei Experimente durch.

Optische Sensibilität

Beim ersten bekamen die 123 Teilnehmer vier Rechtecke zu sehen, von denen nur eines geringfügig heller oder dunkler war als die anderen. Auf das sollten sie zeigen. Danach wurde mittels Fragebogen erhoben, wie sensibel die Probanden für Ekel sind.

Im Allgemeinen waren die Teilnehmer besser beim Unterscheiden, wenn sich die Farben am dunklen Ende des Spektrums befanden. Am hellen Ende zeigte sich jedoch ein signifikanter Zusammenhang mit der individuellen Empfindlichkeit für Ekel. Jene, die sich schneller grausten, waren deutlich erfolgreicher bei der Unterscheidung der Helligkeitsstufen. Wie eine zusätzliche Erhebung ergab, steht diese Wahrnehmungsschärfe in keinem Zusammenhang mit anderen Persönlichkeitsfaktoren, wie z.B. Ängstlichkeit.

Bestätigt wurde die Korrelation in einem zweiten Experiment. Jene, die sich schneller ekelten, waren deutlich besser, beim Erkennen von Zahlen, die sich kaum von einem fast identischen Hintergrund abhoben.

Feinabstimmung durch Ekel

Im dritten Experiment versuchten die Forscher dann festzustellen, ob sich ein real erlebtes Gefühl von Ekel ebenfalls auf die Wahrnehmungsschärfe auswirkt. Dafür mussten die Probanden zuerst eine Reihe von Bildern betrachten: entweder solche, die Ekel hervorrufen, wie Müll und Kakerlaken, oder solche, die Angst erzeugen, z.B. Waffen oder ein zorniges Gesicht. Danach mussten sie erneut einen Wahrnehmungstest absolvieren.

Die Feinabstimmung des Sehsinns gelang jedoch nur bei jenen Probanden, die generell anfällig für Ekel sind. Ihre Unterscheidungsfähigkeit hatte sich den Forschern zufolge durch die Ekelbilder sogar entscheidend verbessert, sodass sie im Ernstfall tatsächlich jedes Körnchen Dreck erkennen könnten. Für sie ist Ekel also nicht nur der Antrieb für die Vermeidung von Unreinheiten, sie können diese dadurch sogar besser sehen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

Mehr zum Thema:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  •