Standort: science.ORF.at / Meldung: "Warum Kinder zu gehen beginnen"

Ein Kleinkind steht in einem Laufwagerl

EPA

Warum Kinder zu gehen beginnen

Warum stehen Kleinkinder eigentlich auf, wenn sie die Welt auch krabbelnd gut erkunden können? Weil sie beim Gehen schneller vorankommen, berichten US-Forscherinnen - eine nur scheinbar banale Erkenntnis. In der bisher umfangreichsten Studie zum Thema haben sie einige erstaunliche Details entdeckt.

Psychologie 25.12.2012

Die Psychologin Karen Adolph vom Infant Action Lab der New York University und Kolleginnen haben das Verhalten von 150 Kleinkindern im Alter zwischen 12 und 19 Monaten intensiv untersucht. Per Videokamera dokumentierten sie die Bewegungen von zwei Gruppen in einem Spielzimmer - die einen waren "Profikrabbler", die anderen "Gehneulinge".

Wie erwartet waren die Krabbler sicherer auf den Beinen. Sie landeten im Schnitt "nur" 17 Mal pro Stunde auf dem Bauch, die Geher fielen 31 Mal um. Dafür legten die Geher weitere Distanzen in den gleichen Zeiträumen zurück. Wenn man daraus das Verhältnis von Stürzen und Distanz berechnet, sind Gehen und Krabbeln aber nahezu gleich "gefährlich".

Die Studie:

"How Do You Learn to Walk? Thousands of Steps and Dozens of Falls per Day" von Karen Adolph, und Kolleginnen ist am 13.11. in der Fachzeitschrift "Psychological Science" erschienen.

Screenshot aus einer Studie aus Psychological Science: Die Gehbewegungen eines 13 Monate alten Kindes bei freiem Spiel - in nur zehn Minuten.
Die Gehbewegungen eines 13 Monate alten Kindes bei freiem Spiel - in nur zehn Minuten (Screenshot der Studie in "Psychological Science").

Bedenkt man die weiteren Vorteile des aufrechten Gangs wie die freie Beweglichkeit der Arme, ist es kein Wunder, dass die Forscherinnen in ihrer Studie schreiben: "Teil der Antwort ist nicht 'Warum gehen?', sondern 'Warum nicht?'".

45 Fußballfelder pro Tag durchquert

Die nackten Zahlen, die sie in ihrer empirischen Studien liefern, zeigen die enorme Arbeit, die von Kleinkindern verrichtet wird: Im Schnitt - von Krabblern und Gehern - legen sie pro Stunde 2.367 Schritte zurück und bewegen sich dabei über 700 Meter fort. Hochgerechnet auf einen ganzen "Arbeitstag" würden sie dabei 45 Mal die Länge eines durchschnittlichen Fußballfelds durchqueren. Freilich nicht ohne dabei rund 100 Mal auf den Boden zu fallen.

Die umfangreiche Forschungsarbeit der Psychologinnen bestätigt frühere Studien, die mit speziellen Fußmatten (z.B. hier) das Gehen der Kleinkinder untersucht haben. Ihr Hauptmotiv zusammenfassend: "Sie gehen, weil sie damit schneller vorankommen, ohne ihr Sturzrisiko zu erhöhen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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Forum

 
  • Nur wenn die Bezugsperson hinschaut,

    hospitierendesfossil, vor 614 Tagen, 23 Stunden, 45 Minuten

    sind die Kinder motiviert zum Aufstehen.
    Das hat erst Boris Cyrulnik recht herausgearbeitet (in "La Naissance du Sens", Paris 1991 - aber ich kann kaum Französisch und habe es aus der deutschen Übersetzung mit dem unverdient blöden Titel "Was hält mein Hund von meinem Schrank", dtv). Wie so oft, hat er die Belege dafür aus der Dokumentation von Unfällen in der Entwicklung.
    Spannend: wir haben zwar die rein körperlichen Voraussetzungen für den aufrechten Gang in den Genen (plus aller Komplikationen, von denen die Medizin lebt ;)) aber nur in Kommunikation des Babys mit Mitmenschen kann das sich ausprägen. Ein "Tarzan" oder "Mowgli", der nicht schon menschlich laufen konnte, hätte es, im Überlebensfall, unter Tieren tatsächlich nicht gelernt.

    • wenn dem so wäre:

      cybercop, vor 614 Tagen, 15 Stunden, 53 Minuten

      warum gehen dann jede menge primaten, zumindest zeitweise, aufrecht?

    • @cybercop: Wenn man der Studie folgt, weil sie es bei...

      peter1943, vor 614 Tagen, 7 Stunden, 1 Minute

      ...ihren Eltern abgeschaut haben

      Um dies zu untermauern, müsste man Primaten wohl völlig isoliert, ohne äußere Einflüsse, aufwachsen lassen. Dies wäre dann wohl aber weder artgerecht noch ethisch vertretbar.

    • hospitierendesfossil, vor 614 Tagen, 2 Stunden, 12 Minuten

      Ja, man sieht ja, dass vor allem Menschenaffen sich aufrichten, wenn sie beidhändig z. B. Stöcke fassen. Eine Strecke laufen sie in dieser Haltung. Die Fähigkeit dazu hängt unter anderem mit der Kletterbewegung zusammen, aus der sich bei Primaten das Aufrichten entwickelt hat. Der Mensch konnte das rein physisch also garantiert zu Beginn seiner Spezialentwicklung. Aber bei uns läuft das alles um Stufen komplizierter: Ein weiteres, fast noch herausfordernderes Beispiel ist das Erlernen der Sprache.