
Fast alle Eltern belügen ihre Kinder
Gemeinsam sind den meisten Lügen zwei Dinge: erstens der Zweck - sie sollen Kinder zum erwünschten Handeln "motivieren" - und zweitens die Haltbarkeit. Denn in den meisten Fällen bleibt das elterliche Schwindeln unentdeckt.
Die Studie:
"Instrumental lying by parents in the US and China" ist im "International Journal of Psychology" erschienen (DOI:10.1080/00207594.2012.746463).
"Entweder du…"
Gail Heyman, Psychologin an der Universität Kalifornien in San Diego, und Kollegen luden 114 amerikanische und 85 chinesische Väter bzw. Mütter zu ihrer Befragung ein. Sie mussten in einer Liste mit 16 sogenannten "instrumentellen Lügen" ankreuzen, ob und welche sie schon in Gesprächen mit ihren Kindern verwendet hatten.
Zur Auswahl standen beispielsweise Lügen, die Kinder zum Essen animieren ("Iss Dein Gemüse auf oder Du wirst bald wieder krank werden") und zum Mitgehen motivieren sollen ("Entweder kommst Du jetzt oder Du musst allein am Spielplatz bleiben"). Nicht fehlen durften auch Lügen, die die Konsequenzen von schlechtem Benehmen betreffen ("Wenn Du nicht folgst, rufe ich die Polizei") und Lügen beim Einkaufen ("Ich habe leider nicht genug Geld mit, um Dir die Schokolade zu kaufen").
Kultureller Unterschied
84 Prozent der amerikanischen und 98 Prozent der chinesischen Eltern gaben in der Befragung zu, mindestens eine der gelisteten Lügen gegenüber ihren Kindern schon einmal verwendet zu haben. Am häufigsten wurde - laut Angaben der Eltern - die Flunkerei gebraucht, das Kind allein zurückzulassen, wenn es nicht mitginge, am seltensten jene, bei der im Fall von schlechtem Benehmen mit der Polizei gedroht wird.
Ein kultureller Unterschied zeigte sich vor allem darin, dass chinesische Eltern ihr eigenes Lügen positiver, jenes der Kinder aber negativer bewerteten als ihre amerikanischen Pendants.
Einig sind sich die Eltern über die Grenzen hinweg, was den Zweck ihrer Lügen betrifft: Sie sollen Kinder zum erwünschten Verhalten bewegen. Nur im Fall von erfundenen Figuren wie etwa der Zahnfee und bei geschwindeltem Lob für eigentlich bescheidene Leistungen des Nachwuchses standen die positive Motivation bzw. der Trost im Vordergrund. Ob Eltern auch ohne Lügen in der Erziehung auskommen könnten, diese Frage lassen die Forscher offen. Das muss wohl jeder für sich herausfinden.
science.ORF.at


