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Studentin im Seminarraum

Moritz Wussow - Fotolia.com

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Ob man bei einem Vorstellungsgespräch erfolgreich ist oder nicht, hängt nicht nur von der eigenen Leistung ab. Entscheidend ist, wie gut die Kandidaten sind, die sich davor vorgestellt haben. Wer als erster drankommt, hat statistisch bessere Chancen, zeigt eine neue Studie aus den USA.

Bewerbung 21.01.2013

Menschen, die an einem Tag viele ähnliche Entscheidungen treffen müssen, verlieren leicht den Überblick. Sie treffen jede Entscheidung für sich und sind nicht in der Lage, die Konsequenzen der einzelnen Entscheidungen miteinander zu verknüpfen. Dieser Umstand wird in der Psychologie auch als "narrow bracketing" bezeichnet. Die Entscheidungsträger setzen Scheuklappen auf, weil sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Die Studie:

"Daily Horizons: Evidence of Narrow Bracketing in Judgment From 10 Years of M.B.A. Admissions Interviews" von Uri Simonsohn and Francesca Gino ist am 10. Jänner in "Psychological Science" erschienen.

Der Psychologe Uri Simonsohn von der University of Pennsylvania und die Betriebswirtin Francesca Gino von der Harvard Business School haben dieses Phänomen nun im Zusammenhang mit Vorstellungsgesprächen untersucht. Genauer, mit Bewerbungen für Master-Lehrgänge an amerikanischen Universitäten.

Entscheidungsträger verlieren Überblick

Die Hypothese der Wissenschaftler war, dass auch Universitätsangestellte, die jeden Tag Bewerbungsgespräche führen, nicht die Gesamtheit ihrer Entscheidungen überblicken können. Wenn insgesamt 50 Prozent der Bewerber an einer Universität angenommen werden sollen, dann wird es den Interviewern schwer fallen, mehr als 50 Prozent der Bewerbungsgespräche an nur einem Tag positiv zu beurteilen.

Ein Bewerber, der sein Vorstellungsgespräch zufällig an einem Tag hat, an dem schon einige andere positiv beurteilt wurden, hätte demnach einen großen Nachteil. Denn, ähnlich einem Roulettespieler, der auf Rot setzt, nachdem die Kugel viermal hintereinander auf Schwarz gelandet ist, setzt ein Interviewer auf “schlecht”, nachdem er vier “gute” Bewertungen abgegeben hat.

Mehr als 9.000 Bewerbungen analysiert

Uri Simonsohn und Francesca Gino haben die Bewertungen von 31 Interviewern in mehr als 9.300 Bewerbungsgesprächen für einen MBA-Studienplatz analysiert. Die Interviewer vergaben Noten von eins bis fünf in durchschnittlich 4,5 Interviews pro Tag.

Die Annahme der beiden Psychologen bestätigte sich: Die Bewertungen sanken durchschnittlich um 0,075 von einem Bewerber zum nächsten. Dieser Rückgang erscheint ziemlich klein, zeigt aber durchaus Wirkung: um diesen Startnachteil “wieder gut zu machen“, benötigt ein Bewerber etwa 23 Monate mehr Berufserfahrung oder 30 Punkte mehr im schriftlichen Zulassungstest. Der Einfluss vorangegangener Bewertungen auf eine Bewerbung nimmt im Lauf des Tages zu.

Schieflage in der Bewertung

“Menschen sind abgeneigt, zu viele Bewerber an einem Tag hoch oder niedrig zu bewerten”, stellen die beiden Autoren der Studie, Uri Simonsohn und Francesca Gino, in einer Presseaussendung fest. “Das führt zu einer Schieflage in der Bewertung von Leuten, die sich an einem Tag mit besonders starken Bewerbern vorstellen. Auch wenn sie selbst zu diesen besonders starken Bewerbern gehören.” Der Effekt ist doppelt so stark, wenn die gleichen Noten hintereinander vergeben werden (z.B.: 4, 4, 4), im Gegensatz zu unterschiedlichen Noten (z.B.: 4, 3, 5) mit dem gleichen Durchschnitt.

Auch im Alltag relevant

Die Autoren waren über das Ergebnis ihrer Studie überrascht: “Wir konnten dieses Fehlverhalten bei Experten feststellen, die in ihrem Job tagtäglich wichtige Bewerbungsgespräche führen.” Diese Erkenntnisse sind nach Meinung der Wissenschaftler auch für andere Entscheidungsprozesse wichtig, egal ob es dabei um Bewerbungen für eine Stelle, einen Kredit oder eine Reality-Show im Fernsehen handelt. Die Conclusio und zu gleich die abschließende Empfehlung lautet: Wenn Sie sich für einen Job bewerben, dann stellen Sie sicher, dass Ihre stärksten Konkurrenten an diesem Tag zuhause bleiben.

Marlene Nowotny, science.ORF.at

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