
Multitasker leiden an Selbstüberschätzung
Gefährliches Multitasking
Forscher um David Sanbonmatsu und David Strayer vom Applied Cognition Lab der University of Utah beschäftigen sich bereits seit Jahren mit dem Phänomen des Multitaskings und seinen Auswirkungen. Unter anderem haben sie untersucht, welche Folgen es hat, wenn man während des Autofahrens telefoniert. Die Ergebnisse wurden bereits in einer Reihe von Studien veröffentlicht. Demnach erhöht Telefonieren das Risiko eines Unfalls um das Vierfache: Es ist damit genauso hoch, als würde man betrunken fahren - ungefähr so, als hätte man 0,8 Promille Alkohol im Blut. Und zwar gleichgültig, ob ohne oder mit Freisprechanlage, wie es hierzulande vorgeschrieben ist.
Die Studie in "PLOS ONE":
"Who Multi-tasks and Why? Multi-tasking Ability, Perceived Multi-tasking Ability, Impulsivity, and Sensation Seeking" von David M. Sanbonmatsu et al., erschienen am 24. Jänner 2013
Multitasking kann also im Ernstfall sogar gefährlich werden. Dass es generell mehr schadet als nützt, haben auch andere Untersuchungen bereits ergeben. Demnach leiden manche Fähigkeiten erheblich unter Multitasking, etwa jene, unwichtige Einzelheiten aus dem breiten Informationsfluss zu filtern und entscheidende Details im Gedächtnis abzuspeichern. Und paradoxerweise fällt es gerade Menschen, die besonders viele Medien gleichzeitig nützen, schwerer, zwischen den verschiedenen Anforderungen umzuschalten.
Multitasking und Konzentrationsfähigkeit
Dieser unerwartete Zusammenhang zeigt sich auch in der aktuellen Arbeit des Teams um David Sanbonmatsu und David Strayer. Dafür haben sie 310 Studenten einer Reihe von Tests unterzogen. Zur Erfassung ihrer Multitaskingfähigkeiten mussten sie einen Test namens Operation Span (OSPAN) absolvieren, dieser misst Erinnerungsvermögen und Rechenfähigkeit. Die Teilnehmer mussten sich dabei zwischen zwei und sieben Buchstaben merken. Dazwischen mussten sie jeweils eine mathematische Gleichung als falsch oder richtig identifizieren, z.B.: "Ist 2 + 4 = 6?, g, ist 3 - 2 = 2?, a,…"
Außerdem sollten die Probanden ihre eigene Selbsteinschätzung hinsichtlich ihrer Multitaskingfähigkeiten mit einem Wert zwischen Null und 100 beziffern. Danach wurde ihre Multitasking-Praxis erhoben: wie oft sie ihr Telefon beim Autofahren benutzen, wie oft und wie lange sie verschiedene Medien, Zeitungen, Fernsehen, Computerspiele, E-Mail, SMS, etc. verwenden. Daraus berechneten die Forscher einen Multitasking-Index. Mittels Fragebogen wurden zusätzlich ihre Impulsivität und ihr Wunsch nach Ablenkung erfasst.
Sucht nach Abwechslung
Die Auswertung der Daten ergab, dass Selbstbild, Praxis und Fähigkeiten offenbar weit auseinander klaffen. Jene, die das meiste Multitasking betreiben, sind den Ergebnissen zufolge am wenigsten dazu geeignet - obwohl sie meinen, es besonders gut zu können.
70 Prozent der Teilnehmer überschätzen sich den Forschern zufolge: "Ein Grund, warum Menschen mehrere Dinge gleichzeitig tun, ist, weil sie glauben, dass sie das besonders gut können", so Sanbonmatsu.
Ganz im Gegensatz zu jenen, die es tatsächlich gut könnten: Das Viertel der Teilnehmer, das beim OSPAN Test am besten abschnitt, macht nämlich im Alltag nur selten mehrere Dinge gleichzeitig. Sie konzentrieren sich offensichtlich lieber auf eine Sache.
Möglicherweise ist es nicht unbedingt der Nutzen, der der Neigung zum Multitasking zugrunde liegt. Die Forscher vermuten, dass bestimmte persönliche Eigenschaften bzw. Schwächen Menschen zum Multitasking treiben, was auch die Auswertung der Fragebögen nahelegt.
Demnach neigen impulsive Personen, die anfällig für Ablenkungen sind und sich generell schlecht konzentrieren können, viel eher zum Multitasking, nach dem Motto: Hauptsache spannend, abwechslungsreich und nicht langweilig, selbst wenn die Leistung darunter leidet.
Eva Obermüller, science.ORF.at


