Standort: science.ORF.at / Meldung: "Was das Gehirn auf der Cocktailparty macht"

Ein Paar sieht sich in die Augen und lacht sich an, im Hintergrund steht eine zweifelnde dritte Frau, die Ränder sind verwischt

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Was das Gehirn auf der Cocktailparty macht

Der Cocktailpartyeffekt ist ein Klassiker der Wahrnehmungsforschung: Selbst wenn wir umgeben sind vom Stimmengewirr anderer Menschen, können wir uns auf einen Gesprächspartner konzentrieren. Wie das Gehirn die relevante Information herausfiltert, haben nun Forscher geklärt.

Medizin 07.03.2013

Die Grundlagen zur Beantwortung der Frage wurden in Experimenten bereits in den 1950er Jahren gelegt. Wichtig für die individuelle Schallfilterung ist nebst anderem jene Information, die dem Gehörapparat zeigt, woher Töne stammen und welchen Weg sie nehmen.

Menschen mit einem ausgeprägten Gehörsinn können das besonders gut. Dirigenten großer Orchester etwa sind in der Lage, auch die dritte Geige in der zweiten Reihe von links zu orten.

Die Studie:

"Mechanisms Underlying Selective Neuronal Tracking of Attended Speech at a 'Cocktail Party'" von Elana M. Zion Golumbic und Kollegen ist in der Fachzeitschrift "Neuron" erschienen (sobald online).

Bei Normalsterblichen ist es eher der unmittelbare Gesprächspartner etwa bei einer Cocktailparty, der die uneingeschränkte Aufmerksamkeit verdient - und zumeist auch bekommt. Was das Gehirn dabei macht, hat nun ein Neurologenteam um Elana Zion Golumbic vom Columbia University College untersucht.

Unterschiedliche Aktivierung von Gehirnregionen

Die Forscher analysierten die Gehirnaktivität von sechs Epilepsiepatienten, die im Rahmen regulärer Untersuchungen - nach einem neurochirurgischen Eingriff - ohnehin mit Elektroden auf ihrer Gehirnrinde ausgestattet waren. Sie spielten ihnen Filme vor, in denen zwei Personen gleichzeitig redeten, mit der Anweisung, sich nur auf eine der beiden zu konzentrieren.

Die Hirnströme zeigten in verschiedenen Regionen deutliche Unterschiede. In jenen Bereichen, in denen komplexe Prozesse wie Sprache und Aufmerksamkeit gesteuert werden, konnte die bewusst verfolgte Rede deutlich nachgewiesen werden. Von der anderen Rede zeigte sich keine Spur. Im auditiven Cortex, dem Hörzentrum, waren hingegen noch sämtliche Geräuschimpulse repräsentiert. Dieser Bereich der Großhirnrinde dient der Bewusstwerdung und Verarbeitung von akustischen Reizen.

"Ignorierte Unterhaltungen ausgeblendet"

"Wir haben keine Möglichkeit, unsere Ohren zu verschließen. Sämtliche Geräusche werden im Gehirn dargestellt - zumindest als Sinnesreiz", erklärte Charles Schroeder von der Columbia Universität in New York, einer der Autoren der Studie.

"Es gibt allerdings Hirnbereiche, in denen lediglich ausgewählte Gesprächssegmente abgebildet werden - ignorierte Unterhaltungen werden offensichtlich ausgeblendet." Mit dem Ergebnis, dass man andere Sprecher kaum bis überhaupt nicht wahrnimmt, wenn man sich auf einen einzelnen konzentriert.

Die beteiligten Forscher der Columbia Universität, der Universität von Maryland und dem Long Island Jewish Medical Center hoffen, dass ihre Ergebnisse vor allem Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) oder Autismus von Nutzen sein können.

science.ORF.at/APA/dpa

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Forum

 
  • banditi, vor 563 Tagen, 21 Stunden, 34 Minuten

    Gut. Dann kann ich das meinen Kindern so vorlegen. Wie das so läuft wenn alle heimkommen reden dann auch alle gleichzeitig. Demjenigen der sich direkt an mich wendet versichere ich dass ich nur ihn höre, auch wenn das naturgemäss angezweifelt wird. Bis heute dachte ich als Mutter wäre man Multitaskingfähig, aber anscheinend filtert man nur anders. Das Familienleben ist eine einzige Cocktailparty. ;))

  • Und wieder eine Übertreibung

    elien, vor 563 Tagen, 21 Stunden, 41 Minuten

    Im Artikel heißt es "Wie das Gehirn die relevante Information herausfiltert, haben nun Forscher geklärt". Sorry, nein, das haben sie nicht. Es ist charakteristisch für Berichte über Gehirnforschung, dass auf Basis der Erkenntnis, welche Gehirnregion bei welchen Vorgängen aktiviert wird, von "nun verstehen wir, WIE..." gesprochen wird. Bei allem Respekt: Ja, in der Beobachtung stecken wertvolle Erkenntnisse (z.B. dass die Filterung im Gehirn stattfindet), aber über das WIE (also den "Algorithmus" oder was immer dem gleichzusetzen wäre) wissen wir GARNICHTS. Ein Vergleich: Als wir wussten, dass Hände bei Aufregung kalt werden wussten wir auch noch lange nicht, was im Aufregungsfall "in uns" abläuft...

    • So seh ich das auch...

      mbrain, vor 563 Tagen, 19 Stunden, 59 Minuten

      wenn da nichts essentielleres herausgekommen ist, dann ist das eigentliche Rätsel ungelöst.

  • logopezi, vor 564 Tagen, 7 Stunden, 53 Minuten

    1. auch tiere mit vergleichsweise inferiorer sprachverarbeitung, zb meine katzen, zeigen den cocktailparty-effekt: wenn sie bei laufendem fernseher im wohnzimmer liegen udn ich mach im bad eine katzenfutterdose auf, stehen sie schon da: fenseher ausgeblendet, "ratsch" gehört. das funktioniert auch - zumindest beim kater - wenn ich ihn nur rufe. ich vermute also, dass bekannter effekt eher wenig mit spracherkennenden hirnregionen zu tun hat.
    2. weiters kann man dei fähigkeit der akustischen wahrnehmungs- bzw aufmerksamkeitslenkung auch bei tieren beobachten, die nicht menschenbezogen sind und nicht im verdacht stehen, großartig über sparchverständnis zu verfügen. ich vermute also, dass sich da auch subcortikal schon eine menge abspielt.
    3. interessant wär also selbiges experiment nicht unter überwachung des cortex sondern der gesamten hörbahn einerseits, und andererseits mit nichtsprachlichen akustischen reizen
    4. beobachtung am rande, die vielleicht andre mehrsprachige teilen: man versteht jemanden gerade in lärm,iger umgebung nur sehr schlecht in den sekunden(bruchteilen), in denen man sich noch nicht klar ist, in welcher der gemeinsamen sprachen der andre spricht - den moment, in dem man die sprache identifiziert und das leichtere verständnis einsetzt empfinde ich immer wie wenn sich ein akustischer nebel lichtet. auch dies wäre spannend...

    • logopezi, vor 564 Tagen, 7 Stunden, 52 Minuten

      experimentell untersucht zu werden.

    • regow, vor 564 Tagen, 3 Stunden, 25 Minuten

      Passt am Rande dazu: Ich muss den Fernseher lauter eingestellt haben, wenn ich einen englischsprachigen Sender schaue.

    • logopezi, vor 564 Tagen, 3 Stunden, 20 Minuten

      @regow:
      kenn ich. frage: ist ein unterscheid, ob der film synchronisiert oder in originalsprache ist?

    • >logopezi

      pepperbird, vor 564 Tagen, 59 Minuten

      Deine Beobachtung sollte uns doch nicht überraschen: auch außerhalb und schon lange vor allen Cocktailparties war die Welt mit Geräuschen erfüllt. Und nicht nur für Katzen war es seit jeher überlebensnotwendig die Natur der unterschiedlichen Geräusche differenzieren und zurodnen zu können. Da ist der Schritt ja nicht mehr weit, dass man die differenzierten Geräusche auch nach Relevanz ordnet und irrelevante ausblendet, um sich auf die relevanten konzentrieren zu können.

      Wie im Artikel schon erwähnt, können wir akustische Reize nicht akustisch filtern (meines Wissens kann das auch kein Tier), wenn man nicht die phylogenetische Anpassung an ein bestimmten Ton-Spektrum als akustischen Filter bezeichnen will. Was bleibt uns Lebewesen also anderes übrig als einen "Software-Filter" zu entwickleln?

      Ich sehe ja ein, dass es für "Wahrnehmungsforscher" angenehm ist, wenn sie sich auf Cocktail-Parties herumdrücken können, wissenschaftlich notwendig scheint es denn doch nicht zu sein. ;-)

    • logopezi, vor 563 Tagen, 19 Stunden, 21 Minuten

      @pepper
      worauf ich hinaus wollte, war, dass der cocktailpartyeffekt nicht nur auf sprachlciher ebene funktioniert, sondern entwicklungsgeschichtlich älter sein muss, meines erachtens so alt, dass sich der filtermechanismus subcortical abspielen muss. meine hauptverdächtigen: hörkerne plus thalamus. dass natürlich der präfrontale cortex dann eine große rolle zu spielen begann wie bei allen andren zu subcorticalen vorgängen analogen corticalen bzw transcorticalen, ist eigentlich nicht überraschend - das gegenteil hingegen wäre es.