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Stacheldraht in einem KZ

APA/HARALD SCHNEIDER

Erinnerungen des Schreckens

Erinnerungen von Zeitzeugen des Nationalsozialismus sind heute wichtige historische Quellen - für Wissenschaft und Gesellschaft. Die persönlichen Erlebnisse der Überlebenden liefern erschreckende Einblicke in den Alltag der Verfolgten. Eine Buchreihe sammelt seit zwei Jahren Lebensgeschichten, um sie für die Nachwelt festzuhalten.

NS-Zeitzeugen 08.03.2013

Seit 2011 gibt der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus die Buchreihe "Erinnerungen" heraus, in der die Lebensgeschichten von Opfern des nationalsozialistischen Terrorregimes festgehalten werden. Der neueste Band dieser Serie wurde am 7. März bei einer Veranstaltung im Psychosozialen Zentrum ESRA präsentiert. Dabei handelt es sich um einen zweisprachigen "Wendeband", der die Aufzeichnungen von 30 Überlebenden des Holocaust versammelt.

Darunter ist auch die Lebensgeschichte der Slawistin und Kulturwissenschaftlerin Katja Sturm-Schnabl von der Universität Wien. Die Kärntner Slowenin wurde 1936 in der Gemeinde Magdalensberg geboren.

Zur Person:

Katja Sturm-Schnabl

Katja Sturm-Schnabl ist Dozentin für südslawische Philologie am Institut für Slawistik der Universität Wien

science.ORF.at: Bei der gestrigen Buchpräsentation von "Erinnerungen. Lebensgeschichten von Überlebenden des Nationalsozialismus" waren an der anschließenden Diskussion nur Frauen beteiligt. Unterscheidet sich der Blick von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen auf die Geschichte?

Katja Sturm-Schnabl: Ich glaube schon. Frauen haben die Deportation, die Verschleppung und die Lagerhaft natürlich als schrecklich erlebt, weil ihre Familien zerrissen und sie von ihren Männern getrennt wurden. Damit will ich nicht sagen, dass Männern nicht auch grauenhafte Dinge widerfahren sind. Aber wenn ich an meine eigenen Erlebnisse denke, meine Kindheitserinnerungen, wie sehr wir unsere Mutter als "lästig" empfunden haben, weil sie uns dauernd an sich gedrückt hat. Das hat sie natürlich aus Angst gemacht, eines ihrer Kinder könnte weggerissen werden. Die Familien wurden ja getrennt. Die Mütter waren plötzlich auf sich alleine gestellt. Was essen die Kinder? Was haben sie anzuziehen? Wie kann ich sie schützen? Mit all diesen Problematiken mussten sie plötzlich alleine fertig werden.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmen sich auch Beiträge in "Wissen Aktuell", 8. März um 13.55 Uhr und im "Dimensionen Magazin", 8. März um 19.05 Uhr.

Weitere Sendungshinweise:

Am 12. März jährt sich zum 75. Mal der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich. Der ORF erinnert mit einem umfangreichen Programmangebot in TV, Radio und Internet an dieses Ereignis des Jahres 1938.

Wenn Sie gebeten werden, über Ihre Lebensgeschichte zu erzählen, welche Aspekte sind Ihnen besonders wichtig?

Es gibt die Aspekte, die mit meinen eigenen Erlebnissen zusammenhängen und wie ich meine Mutter erlebt habe. Ihre große Fürsorge eben, und ihre besondere Situation, weil ihr das Kind im Arm ermordet wurde.

1942 sind Sie im Alter von sechs Jahren gemeinsam mit Ihren beiden jüngeren Brüdern, Ihrer ein Jahr älteren Schwester und Ihren Eltern deportiert worden. Was genau ist passiert?

Zuerst einmal war der gemeinsame Transport, dieser schreckliche Transport in das erste Lager. Dort war die normale Trennung in einen Männerteil und in einen Frauenteil mit den Kindern. Und dann natürlich beim Arbeitseinsatz auch. Dort waren wir aber nur drei Monate. Als wir dann in das andere Lager nach Eichstätt (Anm.: ein Außenlager des Konzentrationslagers Flössenbürg) gekommen sind, da war dann eine radikale Trennung. Da sind viele Männer in die Kriegsindustrie geschickt worden, in die Zwangsarbeit. Die waren gar nicht mehr in der Stadt. Und natürlich auch viele junge Mädchen.

Das war so, dass die wenigsten in der Stadt gearbeitet haben. Meine Mutter hatte das "Glück", in eine Schuhfabrik abkommandiert zu werden. Sie war in der Stadt, ist in der Früh in die Fabrik und am Abend wieder gekommen.

Das Buch:

Dr.in Renate Meissner (Hrsg.): Erinnerungen. Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus. Band 2. Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, 2012

Sie haben mehr als drei Jahre in Lagerhaft verbracht. Welche Eindrücke sind Ihnen besonders stark im Gedächtnis geblieben?

Diese Vereinzelung der Kinder im Lager. Wir waren uns selber überlassen und durften nicht unterrichtet werden. Das war eine ganz besondere Gemeinschaft. Wir waren ja klein.

Und das Zweite, woran ich mich noch erinnere, diese unendliche Neugier. Man wollte wissen, was vor sich geht. Man wurde als Kind nicht informiert, also hat man versucht zuzuhören, wenn die Erwachsenen irgendwo getuschelt haben. Und das war gut, weil letzten Endes war ich ziemlich informiert, was in Kärnten so vor sich geht. Dass es dort Partisanen gibt und was die Alliierten tun. Mir war ganz klar, das sind die Amerikaner, Franzosen, Engländer, Russen. Das waren große Hoffnungen, bzw. ich habe unglaublich an diese Faktoren geglaubt.

Was ist passiert, als Sie 1945 nach Kärnten zurückgekehrt sind?

In Kärnten war das extrem. Sie müssen bedenken, dass man uns zunächst nicht einmal nach Hause zurücklassen wollte, dass man uns in Villach nicht aus dem Zug aussteigen lassen wollte, dass man die englische Besatzung informiert hat, das seien Verbrecher, die gar nicht von da sind. Es hat zwei Tage gedauert, bis wir es geschafft haben klarzustellen, dass wir eigentlich Opfer sind, und dann nach Hause gehen konnten.

Die Leute haben gesagt: "Die waren ja nur auf Urlaub. Es ist ihnen nichts passiert." Man wollte es nicht wahrhaben, dass wir überhaupt Nazi-Opfer waren. Auch der Kampf um die Anerkennung und die Opferausweise, der hat sehr lange gedauert. Man wollte diese Gruppe überhaupt nicht haben, die Partisanen und die Deportierten. Sie wurden laufend diffamiert. Das habe ich auch während meiner Schulzeit erlebt. Ich bin von 1945 bis 1954 in die Schule gegangen in Klagenfurt. Das wollte man einfach aus der Geschichte streichen.

Wann wurden Sie das erste Mal gebeten, über Ihre Lebensgeschichte zu sprechen bzw. diese aufzuzeichnen?

Sehr sehr spät. Also die Erste, die mich darauf angesprochen hat, das war die Herausgeberin der Frauenzeitschrift "Auf". Und die ist an mich herangetreten und hat mich ersucht, ich soll einen kleinen Beitrag schreiben. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt dazu aufgefordert wurde, mich zu äußern. Aber das war erst in 1990er Jahren.

Warum hat dieser Aspekt der gesellschaftlichen Aufarbeitung, also der persönlichen Schicksale, so lange auf sich warten lassen?

Zeitzeugen hat man sehr lange ignoriert. Im Grunde wollte man sie vergessen. Ich habe den Eindruck gehabt oder ich habe ihn jetzt noch, es war unangenehm, dass diese Leute überlebt haben, es wäre besser gewesen, sie könnten nicht mehr darüber reden.

Diese schrecklichen Dinge haben nur die Zeitzeugen weitervermittelt. In den KZs sind elf Millionen Menschen umgekommen. Höchstens zwei bis drei Prozent haben überlebt, und diese zwei bis drei Prozent, die konnten Zeugenschaft abgeben. Und trotzdem hat es noch so Sprüche gegeben, wie die Auschwitz-Lüge. Also den Versuch, das wegzuwischen, als ob es nicht gewesen wäre. Die Nazis waren sich ihrer Verbrechen schon bewusst. Ein wirklicher Verbrecher macht es ja absichtlich, und deshalb verwischt er die Spuren, damit ihm niemand draufkommen kann.

War es Ihnen immer schon möglich, über Ihre Erfahrung während der Nazi-Zeit offen zu sprechen?

Dadurch, dass es die ESRA gibt und ich dort eine langjährige Psychotherapie mit einer Gruppe von Child Survivors gemacht habe, ist es so, dass ich über meine Geschichte sprechen kann. Weil Leute, die das nicht gemacht haben, die werden einfach emotional. Man beginnt, darüber zu sprechen, und weint schon. Das habe ich alles überwunden und deswegen kann ich über meine Erfahrungen sprechen und ich mache das auch sehr gerne.

Ich mag junge Leute einfach. Ich unterrichte ja auch seit mehr als 30 Jahren an der Universität. Und diese Konfrontation mit der Jugend, die nichts davon weiß, das ist hochinteressant. Und dass man da einen Kontakt findet und dass man ein Echo bekommt, das ist eine echte Herausforderung.

Was wird passieren, wenn es keine Zeitzeugen des Nationalsozialismus mehr gibt? Wird das Wissen über die Gräueltaten aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden?

Es werden jetzt so viele Erinnerungen gedruckt. Wenigstens in geschriebener Form wird es weiter bestehen bleiben. Geschichte ist nun einmal Geschichte und irgendwann ist sie nur mehr in den Büchern vorhanden. Damit sie im kollektiven Bewusstsein bleibt, sind eben diese Bücher wichtig.

Interview: Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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