Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gehirn: Bedeutung ohne Bewusstsein"

Auge einer Frau.

Fotolia/Marc

Gehirn: Bedeutung ohne Bewusstsein

Kann man Dinge erkennen, ohne sie bewusst wahrzunehmen? Ja, lautet die Antwort von US-Psychologen. Laut ihren Versuchen erzeugt das Gehirn fortgesetzt Bedeutungen. Ob das Ich davon Kenntnis nimmt oder nicht, macht keinen großen Unterschied.

Wahrnehmung 17.11.2013

Der Versuchsaufbau, den sich Joseph Sanguinetti und seine Kollegen haben einfallen lassen, ist die Neuinterpretation eines Klassikers. Die Psychologen von der University of Arizona legten ihren Probanden schwarze Figuren auf weißem Grund vor oder weiße Figuren auf schwarzem Grund - Bilder also, die schon seit mehr als 100 Jahren in der Psychologie eingesetzt werden.

Versuch: Figur vs. Hintergrund

Dann kam die Frage: Ist auf dem Bild eine bekannte Figur (etwa ein Telefon oder zwei Pferde) zu sehen oder nicht? Wie Sanguinetti im Fachblatt "Psychological Science" schreibt, erzeugt das Gehirn eine typische Erregungswelle, "N400" genannt, sofern Telefone, Pferde und andere vertraute Dinge im Blickfeld auftauchen. Sie entsteht 400 Millisekunden nach der Präsentation des Bildes - aber nur dann, wenn die Bilder etwas Bekanntes, Sinnvolles zeigen. "Das ist die Signatur des Gehirns für bedeutungsvolle Prozesse", sagt Sanguinetti. Was umgekehrt bedeutet: Sind sinnlose Konturen zu sehen, ist N400 nicht da.

Schwarze Figuren auf weißem Grund und weiße Figuren auf schwarzem Grund
Bekannte und unbekannte Figuren

Soweit decken sich die Ergebnisse mit denen früherer Studien. Sanguinetti blendete die Bilder allerdings nur für 175 Millisekunden ein. So waren die Probanden oft zu langsam, um bewusst wahrzunehmen, ob es überhaupt etwas Sinnvolles zu sehen gab. Das machte aber keinen Unterschied. Auch wenn das Bewusstsein der Probanden keine Entscheidung treffen konnte, war N400 dennoch zur Stelle.

"Gehirn trifft die Entscheidungen"

Das Gehirn erzeugt offenbar auch dann munter Bedeutungen, wenn sie nicht an das Ich weitergeleitet werden. "Nachdem Gehirnprozesse eine Menge Energie kosten, gehen viele Theoretiker davon aus, dass das Gehirn vor allem dann in solche Vorgänge investiert, wenn sie auch wahrgenommen werden", sagt Mary Peterson, eine Co-Autorin der Studie. "Tatsächlich verarbeitet das Gehirn alle Informationen und trifft selbständig die Entscheidung, welches die beste Interpretation des Gesehenen ist."

Dass die Wahrnehmung abseits des Bewusstseins auch sonst mit allerlei Anmerkungen versehen wird, zeigt eine kürzlich erschienene Studie Tübringer Forscher. Sie legten Testpersonen schwarzweiße Bilder von Bananen, Brokkoli und Erdbeeren vor und zeichneten währenddessen die Gehirnaktivität auf. Resultat: In der primären Sehrinde - also ganz zu Beginn der visuellen Verarbeitungskette - tauchten plötzlich Farbsignale auf. Die schwarzweiße Banane wurde von der Signatur für Gelb begleitet, die Erdbeeren mit jener für Rot. Die Erfahrung wirkt auf die einfachsten Wahrnehmungen zurück, und das Ich kriegt von alldem nichts mit.

Was hätte der österreichische Physiker und Erkenntnistheoretiker Ernst Mach zu diesen Studien gesagt? Er hätte wohl auf die "Antimetaphysische Vorbemerkungen" seiner "Analyse der Empfindungen" verwiesen. Darin steht: "Nicht das Ich ist das Primäre, sondern die Elemente (Empfindungen). Die Elemente bilden das Ich. … Dieser Inhalt und nicht das Ich ist die Hauptsache." Die Konsequenz? Mach fackelte nicht lange: "Das Ich ist unrettbar."

Robert Czepel, science.ORF.at

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Forum

 
  • Lernen

    karl273, vor 287 Tagen, 16 Stunden, 8 Minuten

    Das Ich-Bewusstsein dient zum Erlernen von neuen Bildern, Denkmethoden, und Verhaltensweisen.

    Sobald alle diese Vorgänge automatisch ablaufen, sind sie viel schneller, und werden vom Ich-Bewusstsein nur im Ergebnis überwacht, um fallweise Korrekturen vornehmen zu können.

    Das sieht man zum Beispiel am Unterschied zwischen gehen-lernen und gehen-können.

    Das Ich-Bewusstsein ist im Prinzip der Programmierer der unbewussten automatischen Vorgänge.

    Bei den alten und langsamen Computern konnte man dadurch Rechenzeit sparen, dass man zeitaufwendige Berechnungen nicht ständig aufs neue gemacht hat, sondern dass man ein für alle mal eine Tabelle aller in Frage kommenden Eingangs- und Ausgangswerte angelegt hat.

    Wenn ein Mensch eine automatische Entscheidung trifft, dann fällt es ihm oft schwer herauszufinden, welche Überlegungen sein Ich-Bewusstsein in der Vergangenheit dazu veranlasst haben, diese automatische Entscheidung einzurichten.

    Ohne die unbewussten automatischen Vorgänge würden wir wie Kleinkinder langsam herum stolpern, und alle Bilder immer wieder aufs neue analysieren müssen.

    Wenn ein Mensch genau weiss, was er machen will, dann drückt er natürlich auch auf Knöpfe, bevor sein Ich-Bewusstsein das Ergebnis überprüft.

    • Man denke nur ans Autofahren.

      regow, vor 287 Tagen, 7 Stunden, 4 Minuten

      Wie automatisch man auf die Bremse steigt, oder schaltet. Das musste allerdings einmal hart erlernt werden - ging aber dann in Fleisch und Blut über.