Standort: science.ORF.at / Meldung: "Softdrinks schaden jugendlichem Gedächtnis"

Flaschen in einer Limonadenfabrik.

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Softdrinks schaden jugendlichem Gedächtnis

Künstlicher Fruchtzucker ersetzt zunehmend den herkömmlichen Zucker, besonders in Getränken. Diese machen nicht nur dick, sondern beeinträchtigen auch das Gedächtnis von Jugendlichen - darauf weist zumindest ein Experiment mit Ratten hin.

Zucker 30.07.2014

In der Jugend entwickelt sich das Gehirn und ist sensibel, hoher Zuckerkonsum in dieser Zeit könne der Denkleistung schaden, mumaßen die Forscher.

Hauptenergiequelle Glukose

Du bist, was du trinkst. Was wir zu uns nehmen, beeinflusst nicht nur unsere Gesundheit und Leistung, sondern auch unser Denken. Das Gehirn wiegt nur zwei Prozent unseres ganzen Körpers, verbraucht aber 20 Prozent der gesamten Energie. Den Hirnzellen liefert vor allem Glukose, Traubenzucker, die Energie. Zwar kann der Körper Glukose aus verschiedenen Lebensmitteln spalten, am schnellsten geht es jedoch in der reinen Form: Zucker.

Der gewöhnliche Haushaltszucker Saccharose - gewonnen aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr - besteht zur Hälfte aus Glukose, zur anderen Hälfte aus Fruchtzucker, Fruktose. Vom Fruchtzucker konsumieren wir mehr und mehr, beobachtet der Ernährungswissenschaftler Karl-Heinz Wagner von der Universität Wien.

Das ist nicht unumstritten: Fruktose wird mitverantwortlich für das steigende Übergewicht gemacht. Dabei bräuchten wir Fruchtzucker gar nicht, sagt Wagner gegenüber science.ORF.at, denn Glukose ist die Hauptenergiequelle für unsere Körperzellen.

Insulinspiegel steigt nicht

Fruktose macht dick, weil sie dem Körper nicht klarmacht, dass er genug hat. So könnte man das Problem der Fruktose verkürzt beschreiben, denn bei ihrem Konsum gibt es keinen "Ich-bin-satt-Mechanismus".

Normalerweise passiert das Hormon Insulin die Blut-Hirn-Schranke, wenn genug Zucker im Blut ist. Daraufhin löst das Gehirn ein Sättigungsgefühl aus - nicht aber, wenn Fruktose konsumiert wird. Eine frühere Studie hat belegt, dass der Fruchtzucker Insulin-resistent macht. Zudem wird Fruktose schneller in Fett umgewandelt als Glukose, hat aber gleich viele Kalorien.

Die Studie:

"Adolescent consumption of sugar-sweetened beverages impairs hippocampal-dependent learning" von Scott E. Kanoski und Kollegen wird am 1. 8. 2014 beim "Annual Meeting der Society for the Study of Ingestive Behavior" in Seattle vorgestellt.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in "Wissen aktuell" am 30.7. um 13:55 Uhr.

Eine Bestätigung für alle Apfel- und Beerenverweigerer? "Natürlich enthält Obst Fruktose, und natürlich muss man aufpassen. Weintrauben sind zum Beispiel sehr zuckerhaltig, so sind einige Obstsorten für Diabetiker nicht geeignet", sagt Wagner.

Obst aber enthält natürlichen Fruchtzucker in geringen Mengen. Zudem wird der Fruchtzucker in Verbindung mit Ballaststoffen aufgenommen, die für ein ausreichendes Sättigungsgefühl sorgen. Dick werden wir von Obst also nicht - trotz Fruktose.

Kein Grund, Obst zu verweigern

Dick macht Fruchtzucker dann, wenn er künstlich erzeugt und in großen Mengen konsumiert wird. So haben US-Forscher vor Jahrzehnten eine billige Alternative zum herkömmlichen Zucker entdeckt und begonnen, aus Maisstärke und Enzymen einen mit Fruktose angereicherten Maissirup zu produzieren - und vor allem Softdrinks damit zu süßen.

Dieser High Fructose Corn Sirup HFCS 55 enthält etwa 55 Prozent Fruktose und nur 42 Prozent Glukose, ein unnatürlich hohes Verhältnis, das die Gefahr von Übergewicht und Diabetes steigert.

Und längst wird er auch bei uns verwendet. "Der zuckerreiche Maissirup ist in vielen Lebensmitteln enthalten, in denen ihn Konsumenten nicht vermuten: in Joghurt, Fertiggerichten oder Mineralwasser mit Geschmack", sagt Wagner.

Zucker schadet Denken

Dass Zucker nicht nur dick macht, sondern auch ein Zusammenhang zu schlechterer Denkleistung besteht, das habe sich schon bei Studien an Tieren und Menschen erwiesen, sagt Wagner. Jetzt hat der Neuropsychologe Scott Kanoski von der Universität Kalifornien mit seinem Team erforscht, dass vor allem Getränke mit Maissirup die Denkleistung beeinträchtigen - und zwar jene von jungen Ratten.

"Die Jugendzeit ist eine besonders kritische Phase für neuronale Entwicklungen", berichtet Kanoski, daher würde der Zuckerkonsum in dieser Zeit Auswirkungen auf das Gedächtnis haben.

Ratten im Labyrinth

38 junge sowie 38 ausgewachsene Ratten tranken einen Monat lang Zuckerlösungen: eine Gruppe bekam eine elfprozentige Lösung mit Haushaltszucker, die andere Gruppe eine elfprozentige Lösung mit fruktosereichem Maissirup - Mengen, wie wir sie auch in Softdrinks vorfinden. In einem Experiment testete man ihre räumliche Erinnerungsleistung ("Barnes Maze").

In einem Labyrinth sollten die Mäuse jenes Loch finden, durch das sie fliehen konnten - die Forscher beobachteten dabei ihren Lernfortschritt. Das Ergebnis: Auf die Denkleistung der ausgewachsenen Mäuse hatten die Getränke keinen Einfluss. Auch das Gedächtnis der jungen Mäuse, die gewöhnlichen Zucker zu sich nahmen, war nur leicht beeinträchtigt, jenes der Maissirup-trinkenden Mäuse hingegen deutlich. Sie merkten sich den Ausgang des Labyrinths schlechter.

Welcher Mechanismus dahinter steckt, müsse noch erforscht werden, sagt Kanoski. Es könnte aber mit Entzündungen im Hippocampus zu tun haben - jener Gehirnregion, die für unser Gedächtnis zuständig ist. Eine ähnliche Wirkung könnte es auch bei Menschen geben. Forscher warnen daher speziell Jugendliche, zu viele Fruchtzucker-hältige Limonaden zu trinken.

Lucia Reinsperger, science.ORF.at

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