Wettlauf zwischen Politik und Unternehmen

Erbgutanalysen, Medikamententests, Satellitendaten, Literaturrecherchen - Daten sind das Erdöl der Gegenwart, auch in der Wissenschaft. Das hat auch die EU-Kommission erkannt und liefert Unternehmen einen Wettlauf. Der Preis für den Sieger: Forschungsdaten.

Das Projekt trägt den Titel European Open Science Cloud (EOSC) und ist als gemeinsame europäische Infrastruktur gedacht, um Forschungsdaten zu speichern und auszutauschen, so Projektleiter Jean-Claude Burgelman von der EU-Kommission. Die EOSC soll aber keine Neuerfindung der EU sein, sondern bereits bestehende Infrastrukturen in den Mitgliedsstaaten vernetzen - allerdings inklusive Etablierung gemeinsamer Standards, etwa wie Daten beschriftet und damit wiederauffindbar sein sollen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über den Wettlauf um die Forschungsdaten berichtet e auch das Mittagsjournal am 28.5.2016.

Unternehmen in den Startlöchern

Als oberste Priorität gilt: Die Daten sollen nicht nur sicher gespeichert, sondern auch - bis auf Ausnahmen - frei zugänglich sein, damit sie von anderen Forschergruppen eingesehen und weiterverwendet werden können. Aber die Kommission weiß: Die Zeit drängt. „Wir haben keine zehn Jahre mehr. Jetzt gibt es die richtige Dynamik, jetzt besteht der Bedarf. Als gemeinsames Europa müssen wir jetzt handeln, um bei diesem Thema präsent zu sein“, so Jean-Claude Burgelman.

Denn Unternehmen stehen schon in den Startlöchern, um mit der Speicherung und Auswertung von Forschungsdaten Geschäft zu machen.

„Hoheit über Daten verlieren“

Das sieht auch Paolo Budroni so, er ist Datenspezialist an der größten Forschungseinrichtung Österreichs, der Universität Wien. „Das sind Player wie Google, Microsoft und Oracle in den Bereichen Informatik und Infrastruktur, aber auch diejenigen, die den Zugriff auf die Daten selbst haben wollen.“ Und das ist in erster Linie die mittlerweile stark monopolisierte Szene der Wissenschaftsverlage.

Fünf Konzerne kontrollieren derzeit mehr als die Hälfe des Zeitschriftenmarktes und sind sehr interessiert an einem exklusiven Zugriff auf Forschungsdaten. Die Konsequenzen wären im Wissenschaftsbetrieb deutlich spürbar: „Das bedeutet letztlich, die Hoheit über die Daten zu verlieren.“

28 Mitgliedsstaaten, 28 Meinungen

Privat statt öffentlich, genau das passiert in Großbritannien schon, so Paolo Budroni von der Universität Wien. Dort werden die Computernetzwerke der Wissenschaft von privaten Unternehmen gegen Gebühr betrieben, das österreichische Aconet hingegen vom zentralen Informatikdienst der Universität Wien. Diese öffentlichen Angebote sollen nicht nur erhalten bleiben, sondern durch die Vernetzung aller EU-Länder noch gestärkt werden, so der Wunsch der EU-Kommission.

„Wir müssen die Cloud umsetzen, und das ist natürlich nicht einfach“, so der Projektleiter der European Open Science Cloud in der EU-Kommission, Jean-Claude Burgelman. Denn nun heißt es, die Interessen der Forschungseinrichtungen unter einen Hut zu bringen und Spielregeln für die Cloud zu definieren - und das dauert zwischen 28 Mitgliedsstaaten eben länger als in einem Unternehmen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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