„Lebenslauf des Scheiterns“ löst Debatte aus

Scheitern in der Wissenschaft: Alle tun es, doch kaum jemand spricht darüber. Ein erfolgreicher Psychologe machte nun seine Rückschläge öffentlich - seine Fachkollegen applaudieren ihm für diesen Schritt. Ist die Wissenschaft zu erfolgsfixiert?

Oxford, Harvard, das MIT und nun auch Princeton – diese Eliteunis waren die Stationen in der Karriere des deutschen Psychologen Johannes Haushofer. Misserfolge, Ablehnungen, Enttäuschungen würde man hier nicht erwarten. Doch das wäre ein Trugschluss. „Das meiste, was ich versuche, gelingt mir nicht“, so der junge Forscher in seinem Lebenslauf, den er vor wenigen Wochen auf Twitter postete.

Darin aufgelistet sind all jene Universitäten, die ihn abgelehnt haben, Forschungsprojekte, die schiefgegangen sind, und Stipendien, die er nicht bekommen hat. Eine Veröffentlichung mit Folgen, denn Haushofers „Lebenslaufs des Scheiterns“ wurde Hunderte Male geteilt und kommentiert. Es scheint, als hätte Haushofer damit bei Kollegen weltweit einen Nerv getroffen.

Verzerrtes Bild

Denn alle tun es, doch niemand spricht darüber. Das Scheitern in der Wissenschaft scheint immer noch ein Tabuthema zu sein. Stattdessen liest man allenthalben perfekte Lebensläufe, lange Publikationslisten und die vielen Berichte über neue, bahnbrechende Erkenntnisse.

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmete sich auch ein Beitrag im „Dimensionen Magazin“ am 27.5. um 19.05 Uhr.

Dabei sei Scheitern ein immanenter Bestandteil der Forschung, betont Martin Kusch, Wissenschaftsphilosoph an der Universität Wien: „Ich versuche meinen Studenten immer zu kommunizieren, dass das bei kreativer Arbeit gar nicht anders sein kann. Auch der Maler wird nicht aus jedem Pinselstrich ein fantastisches Kunstwerk machen, sondern auch jede Menge von angefangenen Kunstwerken beiseite werfen und neu ansetzen.“

Idee aus Österreich

Die Idee, ein „CV des Scheiterns“ zu veröffentlichen, ist nicht neu - ursprünglich stammt sie von der Salzburger Mathematikerin und Neurobiologin Melanie Stefan. Sie forderte ihre Kollegen bereits 2010 im Fachjournal „Nature“ auf, Ablehnungen aufzulisten und so die Dinge in die richtige Perspektive zu setzen. Auch sie ist eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, hat bereits in Harvard und Cambridge geforscht - und doch wurden auch ihre Anträge auf Stipendien und Förderungen abgelehnt.

„Eigentlich muss man die Absage erwarten. Die meisten Stipendien haben Erfolgsraten von 15 Prozent. Das heißt, man ist statistisch nur bei jeder siebten Bewerbung erfolgreich. Das bedeutet, dass ich für jede Stunde, die ich an einem erfolgreichen Proposal arbeite, bereits sechs Stunden für abgelehnt Anträge aufgewendet habe“, so Stefan.

Auch Artikel für wissenschaftliche Zeitschriften und Forschungsanträge werden statistisch gesehen viel öfter abgelehnt als akzeptiert. Um beispielsweise vom österreichischen Forschungsfonds FWF finanziell unterstützt zu werden, muss man unter die besten 20 Prozent kommen. Internationale Zeitschriften wie „Science“ und „Nature“ akzeptieren sogar nur sieben bis acht Prozent von etwa 200 Arbeiten, die wöchentlich eingereicht werden.

Neue Ideen bedeuten mehr Risiko

Aus wissenschaftssoziologischer Sicht sei das problematisch, erklärt Kusch: „Natürlich gibt’s da Gatekeeper, also Leute, die einen großen Einfluss darauf haben, in welche Richtung sich das Wissenschaftsgebiet entwickeln soll.“ Für neue, originelle und unkonventionelle Forschungsansätze kann es durchaus schwierig sein, über diese Hürden hinwegzukommen.

Gezielt mehr neue und originelle Forschungsansätze fördern und damit auch mehr Risiko eingehen – das ist hingegen die neue Devise an der Fachhochschule Oberösterreich. Johann Kastner, Physiker und Forschungschef der FH Oberösterreich, möchte damit eine Kultur des offenen Scheiterns und Lernens etablieren: "Wenn man sich nur mit Dingen beschäftigt, wo man relativ einfach zu guten Ergebnissen kommt, wird man nie Innovationssprünge machen. Mehr Risiko nehmen, heißt aber auch eher scheitern.“

Scheitern ist positiv, wenn man daraus lernt. Im besten Fall lernen alle etwas davon, davon, ist Kastner überzeugt. Allerdings wird das im wissenschaftlichen Alltag noch viel zu wenig praktiziert. Denn fehlgeschlagene Experimente und falsche Forschungsthesen werden lieber unter den Teppich gekehrt. Wissenschaftler der FH Oberösterreich sollen deshalb künftig auch ihre negativen Forschungsergebnisse publizieren und auf Konferenzen diskutieren. „Gescheiterte Projekte oder Forschungen dürfen nicht sinnlos sein. Sie sind sinnlos, wenn man nichts daraus lernt.“

Zeitschrift des Scheiterns

Eine wissenschaftliche Zeitschrift, die sich auf negative Forschungsergebnisse spezialisiert hat, ist das „Journal of Unsolved Questions - JUnQ“ – zu Deutsch: die „Zeitschrift für ungelöste Fragen“. Seit 2011 erscheint das Heft zweimal pro Jahr und widmet sich gescheiterten Forschungsprojekten aus den Sozial- und Naturwissenschaften. Der große Durchbruch lässt trotz vieler positiver Reaktionen in der Fachwelt noch auf sich warten, erklärt Andreas Neidlinger, Chemiker an der Universität Mainz und Mitgründer von „JUnQ“: „Wenn ich ein Negativergebnis habe, ist diese Erklärung, warum das so ist, viel schwieriger und aufwändiger.“

Einen so großen Aufwand wollen sich viele Wissenschaftler nicht antun – denn für Forschungsfragen, die nicht gelöst wurden, gibt es kaum Lorbeeren abzuholen. Hier sollten sich Forscher aber ein Beispiel am Silicon Valley nehmen, so Neidlinger: „Natürlich gibt man sich eine gewisse Blöße, wenn man was Negatives publiziert. An der Stelle sind uns, glaub ich, diese jungen und hippen Unternehmen etwas voraus – denn die haben eben erkannt: Erst wenn jemand mal so richtig gescheitert ist, weiß er, worauf es ankommt.“

Wie damit umgehen?

Doch auch wenn Scheitern das wissenschaftliche Arbeiten prägt und einige versuchen, eine Kultur des Scheiterns zu etablieren, ist es für die wenigsten leicht, mit Rückschlägen richtig umgehen zu lernen. „Man muss die Demut haben, zurückzugehen und fragen: Was habe ich eigentlich falsch gemacht? Man muss sich aber das Selbstbewusstsein bewahren und darf von einem Rückschlag nicht schließen: Ich bin ja ohnehin völlig unfähig. Diese Mitte muss man finden, was nicht einfach ist“, so Kusch. Er selbst habe das mit den Jahren gelernt – anfangs war das Scheitern aber durchaus eine psychische Belastung. „Das erste Mal, als ein Antrag abgelehnt wurde, hat mich das ein paar Wochen in ein Loch gestürzt. Heute ist das nicht mehr so, was nicht heißt, dass ich nicht immer noch einen Stich im Herzen verspüre, wenn eine Absage kommt."

Zu sehen, dass Kollegen und gute Wissenschaftler ebenfalls Rückschläge einstecken müssen, könne aber helfen, das Scheitern leichter zu nehmen.

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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