Genaue Prognose bleibt Illusion

In manchen Gebieten kann und wird die Erde immer wieder beben, wie gerade in der Gegend um Fukushima. Trotz aller zur Verfügung stehender Daten lässt sich noch immer nicht vorhersehen, wann dies passiert. Kleine Fortschritte gibt es dennoch.

Fünfeinhalb Jahre nach dem schweren Beben in Japan und der darauf folgenden Atomkatastrophe in Fukushima hat die Region im Nordosten Japans soeben erneut gebebt. Obwohl man heute schon recht viel über die Entstehung von Erdbeben weiß, kommen Ereignisse wie diese nach wie vor aus heiterem Himmel.

Denn wann und wo die Erde als nächstes beben wird, lässt sich noch immer nicht verlässlich vorhersagen. Auch wenn man schon sehr genau weiß, welche Regionen aufgrund ihrer Lage besonders gefährdet sind, mehr als statistische Wahrscheinlichkeiten lassen sich aus allen bekannten Daten nicht ablesen.

Schwerefeld als Frühwarnung?

Neben der langfristigen Prognose arbeiten Forscher auch an Frühwarnsystemen, um die Bevölkerung zu informieren, bevor sie die Erdbebenwellen erreichen. Sie sollen im besten Fall auch das Ausmaß und die Stärke des Bebens vorhersagen. In einer soeben erschienenen Arbeit schlagen Forscher um Jean-Paul Montagner vom Institut de Physique du Globe in Paris nun vor, Änderungen im Schwerefeld der Erde dazu heranzuziehen.

Bei einer Auswertung der Daten des folgenschweren Bebens in Japan im Jahr 2011 fanden sie ein entsprechendes Signal, das schon vor der eigentlichen Erdbebenwelle aufgezeichnet wurde. Erdbebenexperte Wolfgang Lenhardt von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) hält dieses Ansinnen hingegen für gewagt. Er bezweifelt, dass man überhaupt ein sinnvolles Signal aus dem allgemeinen Rauschen herausfiltern kann. Daraus dann abzuleiten, wie stark das Beben sein wird, sei aus seiner Sicht rein spekulativ.

Er und seine Kollegen verwenden ebenfalls Messungen der Schwerkraft. Man müsse das Erdschwerefeld mitbetrachten, denn das könnte einiges beitragen zum allgemeinen Verständnis von Erdbeben. „Deformationen der Erdkruste gehen natürlich Hand in Hand mit Schwereänderungen“, so Lenhardt gegenüber science.ORF.at. Für kurzfristige Prognosen hält er sie allerdings für ungeeignet.

Ruhe vor dem Sturm

Die größte Hoffnung bei der Vorhersage sieht er in Satellitenbildern. „Wenn man Bilder von verschiedenen Zeitpunkten vergleicht, kommen wir mittlerweile auf unglaubliche Genauigkeiten, wo sich die Erdkruste deformiert und wo nicht“, so der Experte.

Wenn sie sich in einem gefährdeten Bereich nämlich länger nicht deformiert, dann gebe es nur eine Möglichkeit, das zu erklären: „Dass sich dort Druck aufbaut.“ Dann steige die Wahrscheinlichkeit für ein Beben. Als Beispiel nennt er die Erbbebenserie in Italien, wo sich in den zeitlichen Lücken zwischen den Beben immer wieder Druck aufgebaut habe.

Beobachtet man die Bewegung der Erdkruste auf diese Weise langfristig - also über Jahrzehnte, sieht man laut Lenhardt zumindest, wo die Wahrscheinlichkeit für ein Erdbeben steigt. Das betrifft natürlich nur die gefährdeten Zonen, ca. 95 Prozent der Erdoberfläche seien nämlich ohnehin erdbebenfrei, wie der Experte betont. Konkrete Warnungen hält er trotzdem für problematisch. Dazu seien die Bruchflächen und die geologischen Verhältnisse zu unberechenbar.

Punktgenaue Absicherung

Eine genaue Vorhersage werde auch in Zukunft ein unerfüllter Wunsch bleiben, ist der Experte überzeugt: „Wir werden zwar immer besser. Die historische Bebenforschung ermöglicht immer genauere Gefährdungskarten. Die Satellitenbilder zeigen Deformationslücken und lassen das Schadenspotenzial schneller einschätzen, wenn ein Erdbeben passiert ist. Aber dennoch überrascht es uns immer wieder.“

Die genauen Aufzeichnungen und langfristigen statistischen Auswertungen seien dennoch nicht umsonst, besonders wenn es um Infrastruktur und Bauordnungen geht. Denn eine erdbebensichere Bauweise kann in besonders gefährdeten Gebieten Menschenleben retten und die gröbsten Schäden verhindern.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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