Mehr Deutsche, weniger österreichische Zeitgeschichte?

Von sechs Zeitgeschichte-Standorten in Österreich werden vier von Deutschen geleitet. Mit Ausnahme der Uni Innsbruck haben sich dadurch die Forschungsschwerpunkte verlagert. Künftig könnte es auch in Graz weniger österreichische Zeitgeschichte geben.

Viel ist von der Internationalisierung der Österreichischen Universitäten die Rede, doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass vor allem Professorinnen und Professoren aus Deutschland an den österreichischen Unis forschen und lehren – und nur wenige aus dem angloamerikanischen oder zentraleuropäischen Raum. Das mag in den Naturwissenschaften weniger problematisch sein, als in Fächern, die die österreichische Geschichte und Kultur betreffen.

Ö1 Sendungshinweis

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 10.2., 12:00 Uhr.

Das jüngste Beispiel: Von mehreren Dutzend Historikerinnen und Historikern, die sich für die frei werdende Zeitgeschichte-Professur an der Universität Graz beworben haben, kamen Ende Jänner sieben in die Endrunde: ausschließlich Deutsche und Schweizer, die in der Fachwelt eher unbekannt sind und die - so zeigt ein Blick auf deren Publikationslisten - bisher nicht zur österreichischen Zeitgeschichte publiziert haben.

Öffentliche Kritik am Verfahren

Diese Auswahl durch die Berufungskommission verärgerte einen von drei Gutachtern, die am Bestellungsverfahren beteiligt waren, so sehr, dass er seinen Auftrag zurücklegte. Der Historiker Pieter Judson von der European University in Florenz hat zuletzt öffentlich im Wochenmagazin „Profil“ Kritik am Bestellungsverfahren geübt. Unter den Bewerbern hätte es „weitaus kompetentere Historiker gegeben, darunter auch Österreicher“.

„Wie kann es sein, dass darauf bisher überhaupt keine Konsequenzen gefolgt sind?“, fragt die Historikerin Heidemarie Uhl von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: „Denn genau das schreibt das Gesetz ja vor, dass die Aufsichtsorgane der jetzt ja autonomen Universitäten, zuvor hatte ja das Ministerium das letzte Wort, gerade in solchen Fällen eingreifen müssen, wenn eben nicht die bestqualifizierten nominiert werden.“

Das Rektorat der Universität Graz erklärt auf Anfrage, man werde prüfen, ob die Nominierten die bestgeeigneten Personen für die Professur sind. Allerdings: Die Universität Graz ist bereits wesentlich länger mit der Kritik des Gutachters Pieter Judson vertraut als die Öffentlichkeit - und hat die Option, qualifiziertere Bewerber nachzunominieren, nicht genutzt.

Folgen für Forschung und Lehre

Heidemarie Uhl war unter den Bewerberinnen, betont aber, mittlerweile kein Interesse mehr an der Professur zu haben. Problematisch sei, dass die Universität Graz in ihrer Ausschreibung der Professur nicht nach Fachkenntnissen der österreichischen Zeitgeschichte verlangt hat: „Es stellt sich die Frage: Können Professorinnen und Professoren, die überhaupt keinen Bezug zu Themen und Fragestellungen der österreichischen Zeitgeschichte haben, Arbeiten dazu betreuen, Habilitationen durchbringen, Forschungsprojekte begutachten?“

Dazu kommen Folgen für die Lehre und die Ausbildung von Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern. Der bisherige Lehrstuhlinhaber der Zeitgeschichte in Graz, Helmut Konrad, gilt als Spezialist für die steirische und die österreichische Zeitgeschichte und hat in der Vergangenheit zahlreiche wissenschaftliche Abschlussarbeiten dazu betreut.

Wie die österreichische Zeitgeschichte stärken?

Nach Salzburg, Linz und Klagenfurt dürfte nun also auch noch das Zeitgeschichte-Institut in Graz seinen Fokus ändern. Einen Österreich-Schwerpunkt - Stichworte: Austrofaschismus, NS-Zeit, Gedenkpolitik und Neutralität - wird es dann nur noch in Innsbruck und Wien geben. Wie könnte also die österreichische Zeitgeschichte gestärkt werden?

Der Vorschlag von Oliver Rathkolb, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien: „Wenn man einen bestimmten Fokus auf österreichische Kultur und Geschichte haben möchte, ist es wichtig, dass man auch seitens der Rektorate in den Entwicklungsplänen klarmacht, dass das in der Denomination der Professuren festgeschrieben wird.“ Sprich: Die Schwerpunktbestimmungen von Professuren, sollten nicht allein den Fakultäten überlassen werden.

Andere wissenschaftliche Schwerpunkte

Ein Blick nach Graz zeigt: An der geisteswissenschaftlichen Fakultät sind nur noch drei von 35 Professorinnen und Professoren aus Österreich, der Großteil sind Deutsche. Und diese haben – weil sie ja im Ausland wissenschaftlich sozialisiert wurden - meist automatisch andere wissenschaftliche Schwerpunkte, sind Teil andere Netzwerke und nehmen selten an gesellschaftspolitischen Debatten Teil. Im Fall von Graz ist vielfach von einer Tübinger Runde die Rede.

Ein weiterer genereller Kritikpunkt von Oliver Rathkolb sind die Gutachterbesetzungen: „Da habe ich schon manchmal das Gefühl, dass durch ein übertriebene Internationalisierung manchmal Experten und Expertinnen verwendet werden, die vom Kern der Berufung oder des Projekts, keine Ahnung haben. Und das kann schon zu Problemen führen.“

Übrigens: Über ähnliche Schwierigkeiten, wie sie die österreichische Zeitgeschichte durchmacht, klagen auch andere Fächer mit Österreich-Fokus: beispielsweise die Deutschen Philologie, die Ethnomusikologie und die österreichische Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

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