Warum Sprachen verschwinden

Wenn zu wenige Menschen eine Sprache sprechen, droht sie zu verschwinden. Entscheidend für den Erhalt sind Möglichkeiten, sie zu pflegen - wie ein mathematisches Modell am Beispiel Kärnten nachzeichnet.

Weltweit gibt es ungefähr 6.000 Sprachen. Pessimistischen Schätzungen zufolge werden 90 Prozent davon am Ende dieses Jahrhunderts für immer verschwunden sein, verdrängt von einer der großen Weltsprachen, wie z.B. Englisch oder Spanisch. Im Weltatlas der gefährdeten Sprachen listet die UNESCO alle weltweit vom Aussterben bedrohten Sprachen.

Die Studie

„What drives language shift?“ (sobald online), PNAS, 13.3.2017

Mit den Sprachen geht auch kulturelle Vielfalt verloren. Geschichten, Sprichwörter oder Sichtweisen verschwinden für immer aus dem kulturellen Gedächtnis. Heute versucht man mit politischen Initiativen dem drohenden Verlust entgegenzuwirken. In der Europäischen Union ist Mehrsprachigkeit und die Wahrung der Sprachvielfalt heute ein Grundprinzip.

Modell der Ausbreitung

Aber ohne zu wissen, was die Sprachverschiebung tatsächlich antreibt - welche sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Gründe dahinterstecken, wird es schwer werden, die Entwicklung tatsächlich aufzuhalten oder einzubremsen. Formale Modelle wollen den Ursachen auf den Grund gehen.

Einen solchen Weg haben auch Katharina Prochazka und Gero Vogl von der Universität Wien in ihrer aktuellen Arbeit gewählt. Entlehnt haben sie ihre Methode aus der Diffusionsphysik - üblicherweise wird damit die Ausbreitung von Teilchen in Raum und Zeit beschrieben. „Damit kann man aber auch die Ausbreitung von Lebewesen, Krankheiten, Gerüchten oder eben Sprachen beschreiben“, so Prochazka. Dank des physikalischen Modells lassen sich große Datenmengen erfassen und verschiedene Szenarien durchspielen.

Kärntner Sprachlandschaften

Die großen Datenmengen stammen aus einer Region, in der die Zweisprachigkeit bis heute zu politischen Konflikten führt, aus Kärnten. Wenige sprachliche „Ökosysteme“ sind so gut dokumentiert wie diese Region, in der bis heute Deutsch und Slowenisch gesprochen wird. Mit ihrem Modell haben die Forscher die Sprachentwicklung aus zwei längeren Zeiträumen in Südkärnten nachvollzogen, von 1880 bis 1910 und von 1971 bis 2001.

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Die Sprachzugehörigkeit wurde im Rahmen von Volkszählungen erhoben. In den früheren Erhebungen durften die Kärntner nur eine Sprache als Umgangssprache ankreuzen, ab 1971 gab es auch die Möglichkeit der Zweisprachigkeit. Dennoch vermuten Vertreter der Kärntner Slowenen, dass die Zahlen in neueren Erhebungen nicht ganz der Realität entsprechen, da auch manche der Slowenisch Sprechenden bei offiziellen Befragungen Deutsch ankreuzen.

Sprache braucht Sprecher

Die Forscher haben die Region in kleine Einheiten von einem einzigen Quadratkilometer - bzw. der Menschen, die dort leben - zerlegt - das sind sozusagen die Zellen des räumlichen Modells. Für die Modellierung der Sprachentwicklung ist sowohl die Sprecherverteilung innerhalb dieser Zellen als auch die in den umliegenden Zellen maßgeblich. D.h., es ist auch wichtig, was in den benachbarten Gebieten gesprochen wird. So summiert sich der Einfluss, der allerdings mit wachsender Entfernung schwächer wird.

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Das Modell zeigt: Entscheidend für den Erhalt der Minderheitensprache ist - nicht ganz überraschend - die Anzahl der Sprecher, die die Sprache sprechen. „Wenn ich Menschen habe, mit denen ich in dieser Sprache sprechen kann, werde ich sie länger behalten“, erklärt Katharina Prochazka gegenüber science.ORF.at.

Es geht nicht um die vielen Sprecher an sich, sondern um die Möglichkeit der Interaktion, betont die Physikerin und Linguistin. Das Modell eigne sich besonders gut für Regionen wie diese, wo die Sprecher der Minderheiten sehr ungleich verteilt sind und es keine klare Grenze zwischen den zwei Sprachen gibt. Wenn die Kontaktmöglichkeiten für die Sprecher der Minderheitensprache schwinden, entstehen Sprachinseln. Und je kleiner die Inseln werden, umso schlechter stehen die Chancen für den Fortbestand.

Kultur fördern = Sprache fördern

Das Modell zeichnet nach, wie die deklariert slowenischsprachigen Menschen in beiden Untersuchungszeiträumen - durch mangelnden Sprachkontakt - immer weniger werden. Welche Sprache in Schulen oder Gemeinden offiziell gesprochen wurde, hatte zumindest laut den Berechnungen kaum Einfluss auf die Entwicklung.

Es gibt aber einen interessanten gegenläufigen Trend, der die Forscher zwar selbst überrascht hat, sich laut Prochazka aber letztlich auch mit dem Modell erklären lässt: Obwohl sich Deutsch in städtischen Gebieten im Allgemeinen schneller durchsetzt, werden die slowenischen Sprecher seit 1971 in den großen Städten, wie z.B. Klagenfurt, wieder mehr.

Wie die Forscher vermuten, liegt das daran, dass die kulturelle Identität wieder wichtiger wird. Man versucht, sie zu erhalten und zu fördern, etwa durch kulturelle Einrichtungen und Vereine, vor allem in Städten. Und diese Initiativen bieten genau das, was für den Spracherhalt notwendig ist. „Es gibt dort die Möglichkeit der Interaktion, d.h., die slowenischsprachigen Menschen können dort ihre Sprache pflegen, was wiederum zum Spracherhalt beiträgt“, so Prochazka.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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