„Sportpille“ ersetzt Ausdauertraining

Fitness ohne schweißtreibendes Training - das verspricht eine Entdeckung amerikanischer Forscher: Sie haben einen Wirkstoff erfolgreich getestet, der Mäuse innerhalb weniger Wochen zu Ausdauerathleten macht, gesundheitliche Effekte inklusive.

„Dass regelmäßiges Training die Ausdauer verbessern kann, ist schon lange bekannt“, sagt Ronald Evans vom Salk Institute in Kalifornien. „Wir haben uns die Frage gestellt: Lässt sich der Trainingseffekt durch einen Wirkstoff ersetzen?“ Ja, lautet die offizielle Antwort von Evans und seinen Kolleginnen, gegeben im Fachblatt „Cell Metabolism“. Die Forscher haben einen, wenn nicht sogar den entscheidenden Signalweg in der Muskelzelle entdeckt, der für den altbekannten Trainingseffekt verantwortlich ist.

Ausgangpunkt ist das Gen PPAR Delta (PPARd): Genmodifizierte Mäuse, bei denen PPARd dauernd aktiv ist, besitzen laut den Versuchen nicht nur eine stark verbesserte Ausdauer, sie sind auch in gesundheitlicher Hinsicht so gut beieinander wie trainierte Mäuse. Sie neigen selbst ohne Diät kaum zur Gewichtszunahme, sprechen gut auf Insulin an und laufen daher nicht Gefahr, an Diabetes zu erkranken.

Fit nach acht Wochen Behandlung

Eingriffe ins Erbgut wären für medizinische Anwendungen wohl keine Option, weswegen Evans und Kollegen nach einer Alternative suchten - offenbar mit Erfolg. Der Wirkstoff GW1516, ein Aktivator des PPARd-Gens, rief im Mäuseversuch dieselben positiven Effekte hervor: Nach achtwöchiger Behandlung konnten die Tiere 270 statt nur 160 Minuten bis zur völligen Erschöpfung laufen, was einer Steigerung von 70 Prozent entspricht. Sie hatten auch ihren Muskelstoffwechsel umgestellt. Wie die Forscher in ihrer Studie schreiben, hatte sich die Genaktivität in den Muskeln von der Zucker- in Richtung Fettverbrennung verlagert.

Labormaus auf der schulter eines Forschers

IEMM/Münster/HO/Iemm

Mäuse werden durch die „Sportpille“ fit. Nun planen die Forscher Anwendungen am Menschen.

Das passiert auch bei echtem, also nicht nur chemisch induziertem, Training. Der Sinn dahinter: Muskeln können für ihre Energieversorgung auf Alternativen zu Kohlehydraten ausweichen, das fürs Überleben noch wichtigere Gehirn indes ist ausschließlich auf Glukose angewiesen.

Potenzielles Dopingmittel

Das ist auch ein Grund dafür, dass Sportler, sofern der Zuckerspiegel durch extreme Anstrengung zu weit abfällt, von einer Minute auf die andere einbrechen. Im Sportlerjargon gibt es viele Begriffe dafür: „Der Mann mit dem Hammer“, „Hungerast“, „blau“ werden - all das bezeichnet jene naturgegebene Stoffwechselgrenze, an der auch Profis bei größter Willensanstrengung scheitern. Den deutschen Radfahrer Jan Ullrich kostete etwa ein solcher „Hungerast“ 1998 neun Minuten auf dem Weg zum Col du Galibier und den sicher geglaubten Sieg bei der Tour de France (in einem YouTube-Video „nachzuleiden“ hier).

Laut Evans und Co. ist GW1516 dazu geeignet, dieses Limit nach oben zu verschieben und wäre somit - Anwendungen am Menschen vorausgesetzt - auch als Dopingmittel geeignet. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat die Substanz bereits auf ihre Verbotsliste gesetzt. Den Forschern schweben freilich andere Anwendungen vor: Sie wollen den Wirkstoff Menschen zukommen lassen, die aufgrund von Lähmungen, Diabetes oder Herzproblemen keinen Sport treiben können. Weiwei Fan, der Erstautor der Studie, resümiert in einer Aussendung: „Training aktiviert PPARd. Wir weisen nach, dass man das auch ohne physische Anstrengung erreichen kann.“

Korrekturhinweis: In einer früheren Version blieb im Text unerwähnt, dass die Substanz bereits von der WADA verboten wurde.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: