Monatsspritze statt täglicher Pillen

Bisher müssen HIV-Patienten täglich Pillen nehmen, um das Virus zu kontrollieren. Künftig könnte eine Monatsspritze ausreichen, berichteten Forscher bei der Aids-Konferenz in Paris - wo auch ein HIV-„geheiltes“ Kind für Aufregung sorgte.

Sollten Zulassungsstudien - die bereits laufen - die grundlegenden Ergebnisse bestätigen, könnte erstmals eine Injektionstherapie gegen HIV auf den Markt kommen, die nur alle vier Wochen nötig wäre.

Kombination von drei Wirkstoffen

Bei der HIV-Behandlung nehmen Patienten derzeit täglich oral drei Wirkstoffe, die die Viruslast im Blut unter die Nachweisgrenze drücken können. Seit einigen Jahren gibt es Kombinationspräparate, so dass Betroffene nur noch eine Tablette pro Tag benötigen. Die nun getestete Injektionstherapie könnte die Behandlung weiter vereinfachen: Patienten bräuchten - im Fall der Zulassung - nur noch alle vier Wochen eine Dosis, allerdings als intramuskuläre Injektion.

In der Studie nahmen rund 300 Teilnehmer zunächst 20 Wochen lang wie üblich drei Wirkstoffe als Tabletten ein, um die Viruslast im Körper zu senken. Danach führten knapp 60 Patienten diese Behandlung fort, während jeweils 115 Teilnehmer zwei Wirkstoffe im Abstand von vier und acht Wochen intramuskulär injiziert bekamen.

Gut verträglich

Nach knapp zwei Jahren (96 Wochen) war die Viruskontrolle bei der Injektionstherapie sogar etwas ausgeprägter als bei der konventionellen Tabletten-Einnahme. Bei rund 90 Prozent der Betroffenen wurde das Virus dauerhaft unterdrückt - sowohl bei Injektionen im Abstand von vier Wochen wie auch von acht Wochen. Häufigste Nebenwirkung waren Schmerzen an der Einstichstelle, die im Mittel nach drei Tagen abklangen.

Die Ergebnisse zeigten, „dass eine langwirkende injizierbare antivirale Therapie über einen langen Zeitraum sowohl hocheffektiv sein als auch gut vertragen werden kann“, wird Ko-Autor Joseph Eron von der University of North Carolina in Chapel Hill in einer „Lancet“-Mitteilung zitiert. Zulassungsstudien für die Injektionstherapie laufen bereits - allerdings nur für den Abstand von vier Wochen. Die achtwöchige Injektion hatte bei vier Teilnehmern nicht angeschlagen.

„Meilenstein der HIV-Therapien“

Eine seltenere Anwendung könnte dazu führen, dass Patienten sich zuverlässiger an Therapien halten. Dies würde sowohl die Kontrolle des Aids-Erregers verbessern als auch die Entstehung von Resistenzen gegen Wirkstoffe erschweren.

„Diese Resultate verdienen große Aufmerksamkeit“, schreiben Mark Boyd von der University of Adelaide und David Cooper von der University of New South Wales in Sydney in einem „Lancet“-Kommentar. „Eine antivirale Injektionstherapie ist umso attraktiver, je seltener sie injiziert werden muss.“ Die Studie biete einen markanten Meilenstein in der Entwicklung von HIV-Therapien.

Neunjähriger „geheilt“

Aufmerksamkeit erregte in Paris auch der Fall eines neunjährigen Kindes aus Südafrika, das seit Jahren ohne Therapie auskommt. Es war laut Medienberichten mit HIV zur Welt gekommen und schon früh antiviral behandelt worden. Seit achteinhalb Jahren lebt es demnach ohne Therapie, der Grund für die Symptomfreiheit sei bislang unklar.

Für den HIV-Experten Norbert Brockmeyer von der Ruhr-Universität Bochum ist der Fall nicht überraschend. „Wir wissen seit Jahren, dass manche Menschen bei frühzeitiger Therapie jahrelang ohne weitere Behandlung HIV kontrollieren.“ Dazu gehört etwa die sogenannte Visconti-Kohorte in Frankreich. Die etwa zehn HIV-positiven Teilnehmer bekamen kurz nach der Infektion eine antivirale Therapie, die nach gut drei Jahren abgebrochen wurde. Bei den Teilnehmern fanden Forscher noch nach vielen Jahren kaum HI-Viren.

Der einzige als geheilt geltende HIV-infizierte Mensch ist der sogenannte „Berliner Patient“. Timothy Ray Brown war 2006 an Leukämie erkrankt und benötigte eine Stammzell-Transplantation. Die Ärzte der Berliner Charité fanden einen Spender, dem der sogenannte CCR5-Rezeptor fehlte - ein Einfallstor, durch das HIV in viele Körperzellen eindringt. Seit der Transplantation ist der Erreger bei Brown nicht mehr nachweisbar.

science.ORF.at/dpa

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