„Cyborg ist, wer sich als Cyborg fühlt“

Der Brite Neil Harbisson hat eine Antenne, die es ihm erlaubt, Farben zu hören und als Vibration zu spüren, auch im nicht sichtbaren Infrarot- und Ultraviolettbereich. Er gilt als erster anerkannter Cyborg und setzt sich auch für Cyborgrechte ein.

Bekannt geworden als „Cyborg“ ist Neil Harbisson als er die britischen Behörden dazu brachte, seinen Pass zu verlängern - und zwar ohne dafür auf dem Foto die Antenne und den Sensor auf seinem Kopf verstecken zu müssen. Damit kann Harbisson das gesamte Farbenspektrum als Töne hören und mittlerweile als Vibration fühlen. Die Antenne ist ein zusätzliches Sinnesorgan und gehöre zu ihm wie seine Nase, sagt Neil Harbisson: “Viele Leute nennen es ein Gerät oder sagen ich ‚trüge‘ eine Antenne - aber ich ‚trage‘ auch keine Nase oder ein Ohr - ich habe eine Nase und ich habe eine Antenne.“

Neil Harbisson greift sich an seine Antenne

Isabella Ferenci

Harbisson greift an seine Antenne

Mit seinen an den klingenden und für ihn harmonisch klingenden Farbton angepassten avantgardistischen Outfits, seinem blondgefärbten Haaren, aus denen eine fühlerartige Antenne herausragt, und der Selbstverständlichkeit, mit der er freundlich lächelnd über seinen futuristisch angehauchten Alltag spricht, verspricht sein Auftreten eine sich erfüllende Science-Fiction-Zukunft – weil sie direkt vor einem sitzt.

Farbenfrohes All

Neil Harbisson hat seine Antenne seit 2003. Für ihn sind die ständigen Sinneseindrücke von dieser nicht störender als der Input jedes anderen seiner Sinnesorgane - das Klingen und Brummen der Farben ist eben auch immer da, genauso wie Gerüche oder Geräusche. Anfangs natürlich habe es ungefähr fünf Monate gedauert, bis das Gehirn sich daran gewöhnt hatte.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal am 13.10. um 12:00

Später hat er den Sinn immer weiter verfeinert: Anfangs konnte er die Farben nur als Töne hören – das Lichtspektrum in den hörbaren Schallbereich transponiert. Heute leitet er das Frequenzsignal in seine Knochen. Er kann die Farben dadurch weiter hören, aber auch spüren. Und mehr Farben als früher - denn warum sich auf das sichtbare Licht beschränken, wenn der Sensor doch auch Infrarot- und Ultraviolettfrequenzen aufnehmen kann?

Mit einem solchen Sinnesorgan wird dann auch der für uns so leer scheinende Weltraum bunt, denn ultraviolettes Licht gebe es dort überall, sagt Harbisson, der sich mit einem Satelliten verlinkt als „Senstronaut“ bezeichnet, wenn er seinen neuen Sinn (die „Sonochromatie/Sonochromatopsie“, Anm.) auf Fernerkundung schickt. Genauso kann er verstehen, warum Bienen manche Blumen lieber anfliegen, wenn es dort so schön im ultravioletten Spektrum tönt. Oder warum Katzen manchmal scheinbar gegen Wände starren – in Wahrheit beobachten sie manchmal wohl eher Infrarotsignale.

Trans-Spezies

Sich mit Technologie zu verschmelzen, bringe einen also überhaupt nicht näher an Maschinen, sondern näher an die Natur, betont Harbisson gerne. Weil es einem erlaubt, andere Spezies besser zu verstehen und die Natur auf eine tiefergehende Art wahrzunehmen.

Darum bezeichnet sich Harbisson nicht nur als Cyborg sondern auch als „trans-spezies“, weil sein Sinn die Grenzen zwischen der Gattung Mensch und anderen Lebewesen überschreitet: „Es ‚trans-species‘ zu nennen ist sinnvoll, weil die Definition des Menschen keine Antennen oder das Wahrnehmen infraroter oder ultravioletter Farben enthält. Aber bei anderen Arten ist das ganz normal.“

Moon Ribas und Neil Harbisson

Cyborg Foundation

Moon Ribas und Neil Harbisson

Mit seiner Cyborg Foundation in Barcelona will er Bewusstsein für Cyborgs und Transspezies schaffen, für ihre Rechte eintreten und andere dazu motivieren, sich auch für das Leben als Cyborg zu entscheiden.

Er ist auch nicht mehr allein mit seinen Zusatzsinnen, wenn auch nicht alle so weit gehen wie er: Die Künstlerin Moon Ribas hat schon mehrere Zusatzsinne ausprobiert, zum Beispiel um zu lernen, Geschwindigkeit rund um sie intuitiv wahrzunehmen. Ebenso spürt sie Erdbeben auf der ganzen Welt in ihrem Arm vibrieren - in Empathie mit Mutter Erde sozusagen. Auch Manel Munoz hat einen Zusatzsinn: Er kann wie ein Barometer Veränderungen im atmosphärischen Druck wahrnehmen. Bald will ein junger Spanier ein „Organ“ haben, das Luftverschmutzungen erkennt. Die Cyborgkünstler und-aktivisten rund um Neil Harbisson unterstützen ihn dabei.

Neue Minderheit?

Und es gibt noch wesentlich mehr Menschen die Cyborgs sind, also sich in irgendeiner Weise mit Technologie verbunden haben. „Aber nicht jeder, der zum Beispiel ein medizinisches Gerät implantiert hat, fühlt sich als Cyborg“. Andererseits kenne er z.B. viel junge Menschen, die sich als Cyborg sehen, obwohl sie keine Implantate haben - es sei mittlerweile eine Identität.

Genau definieren kann Harbisson sie nicht, aber es geht mittlerweile in der „Cyborgcommunity“ über die Lexikondefinition einer technologisch veränderten Lebensform hinaus. Harbisson will nur für sich sprechen: „ Ich selbst habe angefangen, mich als Cyborg zu fühlen, als ich aufgehört habe den Unterschied zwischen der Software [meiner Antenne] und meinem Gehirn zu spüren. Es war also wirklich das Gefühl einer Verbindung zwischen Kybernetik und meinem Organismus.“

Jedenfalls glaubt der Katalane mit britischen Wurzeln, dass es in Zukunft immer mehr Cyborgs geben wird. Auch weil technologisch bald mehr möglich sein wird. So arbeiten beispielsweise heute einige Forschungseinrichtungen an kleinen Turbinen, die in Adern eingebaut Energie für Geräte dauerhaft erzeugen könnten. Dann würden ganz andere Implantate möglich sein.

Unendliche Möglichkeiten

Die Antriebsfeder für Harbisson und die meisten Cyborgs heute ist künstlerische Neugier, nicht Selbstverbesserung. Viele glauben etwa, dass Neil Harbisson seine Antenne hat, um auszugleichen dass er seit Geburt nur in Graustufen sehen kann „Aber ich habe das immer als künstlerisches, nicht als medizinisches Projekt verstanden“.

Er wollte mehr von der Realität wahrnehmen, mehr verstehen. Und er glaubt wir sollten alle darüber nachdenken, ob wir nicht lange genug unsere Umwelt designt haben anstatt uns selbst: „Wir haben den Planeten Jahrtausende lang verändert - würden wir uns selbst verändern, ginge es dem Planeten besser. Als ein Beispiel: künstliches Licht. Hätten wir Nachtsicht bräuchten wir kein künstliches Licht und würden andere Arten weniger stören. Und auch die Umwelt weniger verschmutzen. Ich glaube es wäre ethisch richtig, anzufangen darüber nachzudenken, uns selbst zu designen.“

Zeitsinn

Man muss nicht bei den Sinnen und Fähigkeiten, die es in der Natur gibt bleiben: Mit Moon Ribas kann er, wenn er mit den Zähnen fest zusammenbeißt, dank eines “Bluetooth-Tooth“ per Morsecode kommunizieren.

Und im Moment arbeitet er an einem Sinn für Zeit, um diese dann intuitiv verstehen zu lernen. Dabei will er rund um seinen Kopf eine Art Sonnenlaufbahn spüren, die ihm mittels leichter Wärme den Sonnenstand anzeigt. Nach etwa einem Jahr hofft er eine extrem präzise Zeitwahrnehmung entwickelt zu haben - die sich dann vielleicht auch manipulieren lässt, wenn er zum Beispiel den Sonnenverlauf anhält: “Auf dieselbe Art , wie wir optische Illusionen schaffen können, weil wir Augen fürs Sehen haben, können wir auch Zeitillusionen schaffen, wenn wir ein Organ für die Zeit haben.“ Die Zukunft jedenfalls hat er - zumindest scheinbar - schon ein Stück näher herangeholt.

Isabella Ferenci, Ö1-Wissenschaft

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