Die Graswurzeln der Anti-Gentechniker

Dass es in Europa heute fast keine gentechnisch veränderten Lebensmittel gibt, ist ein Erfolg der Anti-Gentechnik-Bewegung. Obwohl das Thema keine Grenzen kennt, haben sich die Aktivisten zu 90 Prozent national engagiert, wie nun eine Studie zeigt.

Vorreiter der erfolgreichen Bewegung war Österreich: Das Anti-Gentechnik-Volksbegehren im April 1997 haben 1,2 Millionen Menschen unterschrieben. Bis heute ist es das zweiterfolgreichste Volksbegehren der Zweiten Republik. Herstellung, Import und Verkauf von gentechnisch veränderten Lebensmitteln wurden verboten, 1999 führte Österreich als erstes Land der Welt ein Kennzeichen für „Gentechnik-Freiheit“ ein.

Studie

”Measuring the Europeanization of the Anti-GM Movement: Evidence from five EU Countries“, Mobilization: An International Quarterly, September 2017

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 14.12., 19:05 Uhr.

„Österreich war das erste Land, in dem wirklich eine Mobilisierung gegen Gentechnik in der Landwirtschaft stattgefunden hat“, sagt der Sozialwissenschaftler Franz Seifert gegenüber science.ORF.at. Mitte der 1990er Jahre, als Gentech-Lebensmittel noch auf der Agenda der großen landwirtschaftlichen Nationen wie Frankreich oder Deutschland standen, war Österreich seiner Zeit voraus. Dafür sorgte eine breite Protestbewegung, getragen von großen Umweltorganisationen wie Greenpeace, aber auch die Unterstützung des medialen Boulevards.

Besucher eines "Gentechnik-Volksbegehrenfests" im Wiener Naturhistorischen Museum jubelten am 15. April 1997 über das Ergebnis

APA - Hans Techt

Besucher eines „Gentechnik-Volksbegehrenfests“ im Wiener Naturhistorischen Museum jubelten am 15. April 1997 über das Ergebnis

Radikale Aktionen in Frankreich

„In Frankreich und Großbritannien hat erst 1999 eine massive Mobilisierung gegen die Gentechnik eingesetzt. Dabei gab es radikale Akteure wie etwa eine Gruppe rund um den französischen Bauernführer José Bové“, sagt Seifert.

Die Gruppe hatte mit ihren Aktionen in der Öffentlichkeit großen Erfolg: Sie zerstörte Felder, auf denen zu wissenschaftlichen Zwecken Gentechnik ausprobiert wurde, kündigte dies vorher an und ließ sich von der Polizei dafür verprügeln und verhaften. „Die darauf folgenden Gerichtsprozesse hatten enormen Widerhall in den Medien. Bové ist danach zu einer Galionsfigur der Anti-Globalisierungsbewegung aufgestiegen.“

Der Konflikt in Frankreich zog sich, Großbauern und öffentliche Meinung waren lange pro Gentechnik. Erst 2008 und viele Protestaktionen später wurde sie auch dort verboten. Heute gibt es mit Ausnahme von Mais in Spanien keinen nennenswerten Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen in Europa.

Nur zehn Prozent eindeutig europäischer Protest

In der Politikwissenschaft wird das oft als ein Beispiel für eine europäische Politikbewegung gesehen. Ob das wirklich stimmt, hat Franz Seifert in einem vom Wissenschaftsfonds geförderten Forschungsprojekt untersucht. Und zwar anhand von „Protestereignissen“ von Gentechnik-Gegnern in Österreich, Frankreich, Deutschland, Spanien und Großbritannien zwischen 1995 und 2009. „Unter ‚Protestereignissen‘ verstehe ich vieles: Straßenproteste, das Verteilen von Informationen, die Intervention in öffentliche Debatten, aber auch radikalere Aktionen wie die Zerstörung von Versuchsfeldern und die Gerichtsprozesse“, erklärt der Forscher.

Seifert wollte wissen, ob die Gentechnik-Gegner eher auf nationaler Ebene aktiv waren oder auf europäischer. „70 Prozent der Protestereignisse sind rein nationaler Art, nur ein knappes Drittel sind europäisierte Proteste“, fasst er das Resultat seiner Studie zusammen. Legt man noch engere Maßstäbe an, bleiben nur rund zehn Prozent „echt supranationale“ Proteste über. „Die meisten Akteure denken nicht in europäischen, sondern in nationalen Kategorien. Das korrespondiert mit der Vorstellung einer nationalen Öffentlichkeit, die nur sich selbst kennt.“

Jose Bové wird von der französischen Polizei beim Versuch festgenommen, ein Feld mit gentechnisch verändertem Getreide zu zerstören

AP

José Bové wird von der Polizei beim Versuch festgenommen, ein Feld mit gentechnisch verändertem Getreide zu zerstören

Kosten-Nutzen-Rechnung spricht für nationale Proteste

Zu den wenigen supranationalen Akteuren zählen die Umweltorganisationen Greenpeace und Friends of the Earth, die europaweite Kampagnen gegen die Gentechnik koordiniert und in Brüssel lobbyiert haben. Auch einzelne Aktivisten-Celebrities haben ihr Anliegen in mehreren europäischen Ländern vertreten. Etwa der erwähnte Agrar-Rebell José Bové, der Bücher geschrieben hat und heute für die Grünen im Europarlament sitzt, oder der US-Soziologe Jeremy Rifkin, der ebenfalls ein viel gereister Gentech-Gegner ist.

Der Großteil der Bewegung kam aber von Graswurzel-Organisationen, und die sind national verortet, sagt der Sozialwissenschaftler Franz Seifert. „Es ist eine Art von Bewegungs-Elite entstanden, die das Thema europäisiert hat, aber diese macht nur einen kleinen Anteil der Gesamtbewegung aus.“

Warum selbst ein definitionsgemäß nicht-nationales Politikfeld wie Gentechnik überwiegend national verhandelt wird? Aus einer Kosten-Nutzen-Rechnung ist das verständlich, sagt Seifert. Menschen engagieren sich in vertrautem Umfeld: dort, wo die Kosten ihrer Kampagnen, gemessen an der erzielbaren Wirkung, am geringsten sind. Sobald sie sich aus dem nationalen Umfeld hinausbewegen, werden Aktivismus und politisches Handeln „teuer“, d.h. ihre Wirkung wird unklarer.

Wird weiterhin ein Thema bleiben

Der praktische Erfolg gibt der Anti-Gentechnik-Bewegung Recht. Für alle, die eine europäische Öffentlichkeit dafür verantwortlich machen, ist Seiferts Studie freilich ernüchternd. Dass es heute in Europa kaum gentechnisch veränderte Lebensmittel gibt, ist nicht die Folge einer grenzüberschreitenden Bürgerbewegung „von unten“, sondern Resultat einer Vielzahl nationaler Bewegungen – die dann auch die europäische Politik verändert haben. „Für die Zukunft ist das eher ein desillusionierender Befund“, sagt Seifert. „Auch zukünftige Bewegungen werden immer mit nationalen Kontexten arbeiten müssen, sie werden aber auch gewisse europäische Effekte erzielen.“

„Gentechnik-Freiheit“ wird übrigens auch im Vorreiterland Österreich weiterhin ein Thema sein. Zum einen weil nach wie vor pro Jahr rund 350.000 Tonnen Futtermittel aus gentechnisch verändertem Soja nach Österreich importiert werden, die vor allem für die Schweinemast verwendet werden. Zum anderen weil neueste Gentechniken wie die „Genschere“ Crispr-Cas es erlauben, das Erbgut zu verändern, ohne dass man dies nachweisen kann. Ob derartig manipulierte Pflanzen überhaupt unter das Gentechnik-Verbot fallen, ist umstritten – und wird gerade vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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